Kritik

Il legame Die Bindung Netflix

„Il Legame – Die Bindung“ // Deutschland-Start: 2. Oktober 2020 (Netflix)

Seit einer ganzen Weile schon sind Francesco (Riccardo Scamarcio) und Emma (Mía Maestro) ein Paar, jetzt wollen sie endlich Nägel mit Köpfen machen und den Bund der Ehe eingehen. Also fahren die beiden zusammen mit Sofia (Giulia Patrignani), Emmas Tochter aus erster Ehe, zusammen aufs Land, um Francescos Mutter Teresa (Mariella Lo Sardo) zu besuchen. Ein wenig nervös sind die zwei vorher schon, schließlich ticken die Uhren dort ein bisschen anders. Man pflegt auf dem Land noch andere Überzeugungen und Bräuche. Die Sorgen stellen sich dabei als unbegründet heraus, die künftige Schwiegermutter nimmt die beiden schnell in ihre Familie auf. Doch das Verhältnis wird auf eine harte Probe gestellt, als es eines Nachts zu einem folgenreichen Zwischenfall kommt …

Ein bisschen schade ist es ja schon, dass Italien so komplett von der Horror-Landkarte verschwunden ist. Während früher Regisseure wie Dario Argento oder Mario Bava das Genre maßgeblich mitgeprägt haben und ihre Einflüsse bis heute zu spüren sind, sind solche Filme hierzulande inzwischen zu einer echten Ausnahme geworden. Allein deshalb schon durfte man sich freuen, als Netflix die Veröffentlichung von Il Legame – Die Bindung bekannt gab. Nicht allein, dass hier eben doch endlich mal wieder ein vernachlässigtes Genre berücksichtigt wird. Die Hauptrolle spielt zudem Riccardo Scamarcio (Loro – Die Verführten, Der Unbarmherzige), der zu den derzeit bekanntesten Charakterdarstellern aus Bella Italia zählt.

Ein Einstieg mit schön unheimlichen Bildern
Der Anfang ist auch noch relativ vielversprechend. Zwar sind Setting und Szenario nicht unbedingt einfallsreich – wenn jemand die alte Familie besucht, die in einem alten, abgelegenen Haus irgendwo im Nirgendwo lebt, dann gehört das zum Grundstock des Horrorbereiches. Aber es ist doch gut umgesetzt. Das Haus ist schön unheimlich, jeder Schritt auf den knarrenden Böden und Treppen lässt vermuten, dass hier viel Geschichte begraben wurde. Die düsteren Zimmer, in die kaum Licht fällt, sind wie gemacht für gruselige Geistermärchen. Aber auch wenn wir uns draußen umsehen, gibt es viel zu entdecken. Die knorrigen Bäume, die ebenfalls Zeugen einer lang zurückliegenden Vergangenheit sind, tragen prima zur Atmosphäre bei.

Doch sobald es an die Geschichte geht, zeigt Il Legame – Die Bindung bald gröbere Schwächen. Schon die Beziehungen untereinander werden nie so wirklich ausgearbeitet, was bei einem Film, der die Familie zum Inhalt hat, nicht unbedingt glücklich ist. Da wird in Dialogen dann behauptet, Teresa wäre distanziert, ohne dass dies tatsächlich gezeigt würde. Charaktereigenschaften werden angesprochen, aber nicht eingesetzt. Da fehlt einfach das Gespür für das Zwischenmenschliche. Hinzu kommt, dass das Verhalten sehr willkürlich ist, Spannungen auf Knopfdruck entstehen, anstatt sie allmählich vorzubereiten. Dabei lässt sich der Film eigentlich viel Zeit für alles, der Einstieg ist sehr langsam, mehr an der Atmosphäre interessiert als an Handlung.

Enttäuschend langweilig
Dank dieser Atmosphäre ist Il Legame – Die Bindung tatsächlich auch eine Weile sehenswert, selbst wenn der Inhalt nicht viel hergibt. Doch je länger er andauert, umso weniger hat der Film zu bieten. Während eine Wendung zwischendurch sicher ganz nett ist und der Geschichte eine leicht feministische Note gibt, gelingt es Regisseur und Co-Autor Domenico Emanuele de Feudis nicht, damit Spannung oder andere Gefühle zu erzeugen. Das einzige, was ihm im weiteren Verlauf dafür einfällt, ist die Figuren durch möglichst dunkle Orte laufen zu lassen, in denen man praktisch nichts sieht. Das ist billig und wenig effektiv, Vergleiche zu Slender Man drängen sich da auf, das mit einer ähnlichen Taktik schon gescheitert ist.

Ganz so schlecht wie der Kollege ist Il Legame – Die Bindung nicht. An den Figuren ist mehr dran, das Ensemble ist besser, die besagten stimmungsvollen Aufnahmen zu Beginn sind ebenfalls ein gewaltiger Pluspunkt. Umso bedauerlicher ist, wie der Film mit der Zeit zu einem langweiligen 08/15-Beitrag wird, der seine diversen Stärken nicht zu nutzen weiß. Wer unbedingt einen neuen Horrorfilm braucht und keine sonderlich hohen Ansprüche daran stellt, der kann sich hiermit zwar schon die Zeit vertreiben. Gemessen an dem, was man erwarten durfte und möglich gewesen wäre, ist dieser Familienhorror aber schon eine Enttäuschung, die sicher nicht zu einem italienischen Genrerevival führen wird.

Credits

OT: „Il legame“
IT: „The Binding“
Land: Italien
Jahr: 2020
Regie: Domenico Emanuele de Feudis
Drehbuch: Domenico Emanuele de Feudis, Daniele Cosci, Davide Orsini
Musik: Massimiliano Mechelli
Kamera: Luca Santagostino
Besetzung: Riccardo Scamarcio, Mía Maestro, Giulia Patrignani, Mariella Lo Sardo, Raffaella D’Avella

Trailer

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Il Legame – Die Bindung
Ein Mann reist mit seiner zukünftigen Frau zu seiner Mutter, die in einem abgelegenen Landhaus wohnt, um ihr von der bevorstehenden Hochzeit zu erzählen – doch aus dem schönen Ereignis wird schnell ein Albtraum. „Il Legame – Die Bindung“ beginnt mit einer tollen Atmosphäre und prima Bildern. Trotz der guten Besetzung und einer netten Wendung wird der italienische Horrorfilm in der zweiten Hälfte aber zu langweilig.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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