„Dark Tourist“ Release // Netflix: 20. Juli 2018

Sommerzeit ist Urlaubszeit. Ob man es sich nun an Stränden gemütlich macht, es eher mit Städtetouren hat oder die tropischen Temperaturen auf dem Balkon genießt, an Möglichkeiten mangelt es sicher nicht. Auch an solchen, die man nicht wirklich bislang als Möglichkeit ins Auge gefasst hat. Dark Tourist heißt die neueste Reise-Doku aus dem Hause Netflix, die eben solche unmöglichen Möglichkeiten möglich macht. Wobei sie weniger als Anregung gedacht ist, die Reise nachzumachen, mehr Unterhaltung sein will als Ratgeber.

Dark Tourist bezieht sich, anders als es Nichteingeweihte vielleicht meinen können, nicht auf den Touristen selbst. Vielmehr bezieht sich das „dark“ auf Destinationen, die selbst düster sind, unheimlich, manchmal sogar makaber. Acht Folgen umfasst die Serien, grob aufgeteilt in verschiedene Gegenden der Welt – das können die USA sein, Japan oder Europa, auch Afrika und Lateinamerika stehen auf dem Programm. Konstant ist dabei lediglich der Neuseeländer David Farrier, der stellvertretend für das Publikum umherreist und sich dabei ziemlich wundert.

Auf den Spuren eines Killers
Richtig tiefgründig ist das nicht: Während Farrier seinem Staunen freie Bahn lässt, kümmert er sich relativ wenig um die Menschen, die eine solche Reise unternehmen. Woher kommt die Faszination für das Morbide? Was bringt jemanden dazu, verstrahlte Orte in Japan aufzusuchen? Dem kannibalistischen Serienmörder Jeff Dahmer nachzuspüren, den manche vielleicht durch das tragisch-verstörende Biopic-Drama My Friend Dahmer kennen? Wir wissen es nicht, erfahren es nicht, wohl auch weil unser Reisebegleiter sich gar nicht so sehr auf das Thema einlassen will, immer auf ironischer Distanz bleibt.

Das ist schon schade, irgendwo auch verschenktes Potenzial. Dem Thema des düsteren Tourismus wird die Serie so nur zum Teil gerecht, das Phänomen als solches wird nicht hinterfragt, allenfalls ein bisschen ins Lächerliche gezogen. Als Einblick in die weite Welt und die angebotenen Kuriositäten funktioniert Dark Tourist schon besser. Die Bandbreite reicht von eher belustigenden Episoden, etwa einem überzeugten Blutsauger, über fremdartige Geschichten zum Thema Voodoo bis zu tatsächlich verstörenden Momenten, gerade auch im Bezug zu den angesprochenen Serienmördern.

Verloren in einer Geisterstadt
Ein Höhepunkt dabei sind Besuche von Geisterstädten, darunter eine Insel in Japan, die mal zu den am engsten besiedelten Plätzen der Welt zählte, bevor die Bewohner innerhalb kürzester Zeit das Weite suchten. Ohnehin ist die Reise ins Land der aufgehenden Sonne geprägt von vielen gespenstischen Gänsehautmomenten: Die verlassenen Gebiete in Fukushima, der berühmte Selbstmordwald – ein Faible fürs Morbide wird hierbei schon vorausgesetzt. Und selbst der an und für sich komische Zwischenstopp in einem Roboterhotel, das inmitten einem nachgebauten niederländischen Viertel liegt, hat etwas Unheimliches an sich.

Andere Folgen hinterlassen hingegen nur wenig Eindruck. Die vergeblichen Versuche von Farrier, eine abgesperrte Stadt auf Zypern zu erreichen, mögen Ausdruck seiner Hartnäckigkeit sein. Als Zuschauer bringt das jedoch wenig, wenn er immer im letzten Moment zurückgepfiffen wird. Auch die Nachstellung historischer Schlachten, die er in Europa entdeckt, ist irgendwo witzlos – auch wenn der Neuseeländer sich regelmäßig an Witzen versucht. Die Entscheidung, jede Folge 40 Minuten lang zu machen, ist nachvollziehbar, des Öfteren aber unglücklich: Manchmal ist es zu wenig, manchmal zu viel. Aber auch wenn Dark Tourist irgendwie nicht so richtig rund ist, die Bandbreite ist beachtlich, zumindest einige der Zwischenstationen sind so ungewöhnlich, dass das Ticket von der heimischen Couch aus seine Rechtfertigung findet.

Dark Tourist
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Dark Tourist
„Dark Tourist“ wirft einen Blick auf ein etwas anderes Reisephänomen, wenn hier Orte auf der ganzen Welt abgeklappert werden, die irgendwie mit Tod oder anderen düsteren Themen zusammenhängen. Das kann unterhaltsam sein, faszinierend und verstörend. Manchmal aber auch langweilig, die Folgen schwanken doch recht stark, werden nicht immer ihrem eigenen Anspruch genug.
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