Kritik

The Boys in the Band Netflix

„The Boys in the Band“ // Deutschland-Start: 30. September 2020 (Netflix)

New York City im Jahr 1968: Eigentlich hätte es eine schöne Feier sein sollen, zu Ehren von Harold (Zachary Quinto), der um Mitternacht Geburtstag hat. Also lud Michael (Jim Parsons) den gesamten Freundeskreis ein: Donald (Matt Bomer), Larry (Andrew Rannells), Hank (Tuc Watkins), Bernard (Michael Benjamin Washington) und Emory (Robin de Jesus). Anfangs ist die Stimmung gut, die schwule Clique ist unter sich, genießt den Abend. Dass der gut aussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy (Charlie Carver) nicht wirklich in die Runde passt, macht dabei niemandem wirklich etwas aus. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, und unbedingt mit ihm reden will …

Mit anderen Leuten eng zusammen zu hocken kann schon mal gewisse Spannungen erzeugen. Wenn dann noch Alkohol hinzukommt, der bekanntlich schnell die Zunge lockert, wird es besonders gefährlich. Das zeigte Mart Crowley 1968 mit seinem Stück The Boys in the Band über eine Geburtstagsfeier unter Freunden, die nach einem freudigen Einstieg zunehmend eskaliert und hässliche Seiten hervorbringt. Beispiele für solche eigentlich nett gemeinten Treffen, die schnell sehr viel weniger nett sind, gibt es natürlich einige. In The Party beispielsweise wird die Feier über eine politische Nominierung zu einem Desaster, als die Leute anfangen, sich gegenseitig lauter Gemeinheiten an den Kopf zu werden und hübsche Fassaden niederzureißen. Crowley tat das auch, verband dies aber mit einem Porträt des schwulen Lebens Ende der 1960er.

Reise in die Vergangenheit
Das war seinerzeit durchaus bahnbrechend, ein derart offener Umgang mit einer nicht offen ausgelebten Sexualität stieß so manchen vor den Kopf. Gleiches gilt für den zwei Jahre später nachgeschobenen Spielfilm Die Harten und die Zarte, bei dem immerhin William Friedkin (Der Exorzist) Regie führte. Doch wie aktuell ist der Stoff ein halbes Jahrhundert später? Als 2018 das Stück am Broadway zu neuen Ehren kam, hielt man sich eng an die Vorlage von einst, versuchte nicht, die Geschichte zu modernisieren und an die Entwicklungen seither anzupassen. Und diesem Motto blieb auch Regisseur Joe Mantello treu, der für Netflix nun seinerseits The Boys in the Band inszenierte und dabei den Cast des Revivals verpflichtete, frei nach dem Motto „Never Change a Winning Team“.

Entsprechend routiniert gibt sich das Ganze dann auch. Man sieht den Schauspielern an, dass sie den Umgang miteinander gewohnt sind, vor allem in den leiseren Momenten. Wobei es die bei The Boys in the Band vor allem am Anfang und am Ende gibt. Dazwischen darf viel gekeift werden, gelästert, manchmal auch direkt beleidigt. Tatsächlich ist der Ton untereinander teils so rau und giftig, dass man sich schon fragt, warum die überhaupt miteinander befreundet sind. Das ist zunächst noch recht lustig, macht Spaß, so wie derartige Entgleisungen und Streitigkeiten immer Spaß machen. Doch je weiter der Abend voranschreitet, umso brutaler werden die Angriffe, umso grausamer die Leute. Schon der Umgang mit dem einfacher gestrickten Cowboy ist menschenverachtend, später wird wild um sich geschlagen, mit dem Ziel auch zu verletzen.

Immer feste draufhauen!
Die diversen Geheimnisse und unausgesprochenen Gefühle korrespondieren dabei mit der Lebenssituation der schwulen Clique. Manche outeten sich früher, andere später, einer trägt immer noch den Ehering seiner Frau. Doch anstatt die erlittenen Schmerzen und Ängste zu mehr Verständnis zu nutzen, werden sie selbst zu Waffen, aus Leidensgenossen Gegner, der Selbsthass zu Hass. Sympathisch ist das natürlich weniger, wobei einige eindeutiger als Opfer dargestellt werden als andere. Wenn in einem grausamen Spiel die Gäste gezwungen werden, ihre Gefühle zu offenbaren, dann kann man förmlich die Wunden aufreißen sehen, welche sie seit Jahren schon mit sich herumtragen und die sie so sehr geprägt haben, dass ein Leben ohne schon gar nicht mehr möglich scheint.

Einiges an The Boys in the Band ist dabei schon überholt. Es geht auch nicht alles in Tiefe. Wenn Michael Benjamin Washington als einziger Dunkelhäutiger dabei ist, stellt man sich beispielsweise die Frage, inwieweit das Leben einer doppelten Minderheit aussieht. Doch das wird ebenso wenig thematisiert wie andere Formen des LGBT-Spektrums, was den Film etwas eingeschränkt macht. Dennoch: Zu sagen hat er einiges, sowohl über die Zeit damals wie auch einige universelle Punkte rund um Freundschaft, Liebe und gestörte Kommunikation. Zudem gibt es auch einige starke Auftritte. In Erinnerung bleiben dabei vor allem Jim Parsons als sadistischer, innerlich zerstörter Gastgeber und Zachary Quinto als Geburtstagskind, das sich hinter selbst zugefügten Narben und Zynismus versteckt – zwei besonders dominante Figuren, bei denen man sich nicht ganz sicher sein kann, ob man sie verabscheuen oder bemitleiden soll.

Credits

OT: „The Boys in the Band“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Joe Mantello
Drehbuch: Mart Crowley, Ned Martel
Vorlage: Mart Crowley
Kamera: Bill Pope
Besetzung: Jim Parsons, Zachary Quinto, Matt Bomer, Andrew Rannells, Charlie Carver, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Tuc Watkins

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The Boys in the Band
Die Neuverfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks nimmt uns mit in die späten 60er, als die Geburtstagsfeier einer Schwulenclique böse eskaliert und jede Menge Angriffe nach sich zieht. Das macht anfangs Spaß, schockiert später durch die Grausamkeit und die Lust an Verletzungen. Einiges an „The Boys in the Band“ ist ein Kind seiner Zeit, dafür funktioniert anderes heute noch so gut wie damals und ist dabei stark gespielt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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