Kritik

Geheime Anfänge Orígenes secretos Unknown Origins Netflix

„Geheime Anfänge“ // Deutschland-Start: 28. August 2020 (Netflix)

Kaum tritt David (Javier Rey) die Nachfolge des erfahrenen Polizisten Cosme (Antonio Resines) an, bekommt er es mit einem Fall zu tun, der es in sich hat: Irgendein Mörder treibt sich in Madrid herum und bringt seine Opfer auf brutale, irgendwie eigenartige Weise herum. Einen wirklichen Sinn können die zwei nicht in den Taten erkennen, auch die anderen stehen vor einem Rätsel. Da bringt sie ausgerechnet Jorge (Brays Efe) auf die Spur, Cosmes nerdiger Sohn, der immer noch bei ihm wohnt und einen kleinen Comic-Laden betreibt. Denn wie es aussieht, orientiert sich der Täter bei seinen Morden an alten Comics. Aber weshalb? Was genau soll das Ganze? Zusammen mit Norma (Verónica Echegui), der Chefin von David und Cosme, machen sich die drei auf die Jagd nach Antworten …

Und schon wieder ein Versuch von Netflix, das große und zahlungskräftige Comic-Publikum an sich zu binden. Seit einiger Zeit schon wühlt der Streamingdienst im reichen Fundus meist US-amerikanischer Comics, wohl in der Hoffnung, damit von der zwar oft totgesagten, aber immer noch sehr produktiven Superheldenfabrik profitieren zu können. Ob nun The Old Guard, The Last Days of American Crime oder The Umbrella Academy, dieses Jahr hat eine ganze Reihe von Filmen und Serien mit entsprechenden Quellen gesehen. Im Großen und Ganzen fuhr man damit wohl auch recht gut, obwohl die Bekanntheit der Vorlagen natürlich nicht mit denen der Platzhirsche Marvel und DC Comic mithalten konnte. Mit Geheime Anfänge liegt nun der nächste Film vor, der ganz offensichtlich Fans ansprechen soll. Er tut es jedoch auf eine etwas eigene Weise.

Der komische Tod
Anstatt sich einen – mehr oder weniger – bekannten Comic als Grundlage zu nehmen, verfilmte Regisseur und Drehbuchautor David Galán Galindo hier seinen eigenen Roman. Dieser spielt jedoch im Comic-Umfeld, hat einen Comic-Nerd als einen der Protagonisten, vor allem aber auch einen Comic-Nerd als geheimnisvollen Mister X. Prinzipiell erinnert das an Thriller wie Sieben, wo die Täter nach einem bestimmten Muster vorgehen und die Morde auf groteske Weise in Szene setzen. An Brutalität mangelt es hier nicht, wobei diese manchmal nur erwähnt, nicht gezeigt wird. Gleichzeitig ist Geheime Anfänge aber auch immer mit einer deftigen Portion Humor verbunden.

Man ist sich sogar manchmal nicht ganz sicher, ob der Film überhaupt noch ein Thriller sein soll oder nicht doch eher eine Parodie. Wenn beispielsweise Norma als begeisterte Cosplayerin in einem entsprechenden Outfit auftaucht, dann ist das eine bewusste Abkehr vom Bild, das wir sonst so von Polizeichefs haben. Und auch später wird es knallbunte Kostüme geben. Wie man sie in den goldenen Zeiten der Superhelden-Comics nicht greller hätte hinbekommen können. Doch auch wenn Geheime Anfänge diesem Thema, den Magazinen und Figuren mit Humor begegnet, drüber lustig macht sich der Film nicht. Vielmehr merkt man Galindo an, dass er mindestens Sympathie für die Kuriositäten aufbringt, wenn nicht sie sogar in sein Herz geschlossen hat. Eine Mischung aus Ironie und Nostalgie, wie sie etwa auch Batman: Return of the Caped Crusaders darstellte.

Von allem nicht genug
Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass Nicht-Fans nicht so wirklich etwas mit dem Film und seinem dauernden Namesdropping anfangen können. Geheime Anfänge versucht zudem, die Balance aus Komödie und Thriller zu halten, ohne sich zu sehr auf eine Seite schlagen zu wollen. Es gibt nicht oft genug einen guten Grund zum Lachen, damit das hier wirklich allein für die Belustigung taugen würde. Aber auch der Spannungsfaktor ist nicht sehr hoch, da jeder Anflug durch den nächsten skurrilen Einfall zunichte gemacht wird. Anstatt da auch wirklich mit Extremen zu arbeiten, setzte Galindo stärker auf eine harmonische Mitte – mit dem Ergebnis, dass der Mix oft keine größere Wirkung zeigt, zu zaghaft bleibt.

Einzelne unterhaltsame Szenen gibt es aber durchaus, dazu einige gelungene visuelle Einfälle, für die es sich schon irgendwie lohnt, hier einmal reinzuschauen. Und wer Fan der sogenannten goldenen Jahre der Comics ist, der darf an mehreren Stellen ohnehin wahlweise breit grinsen oder nostalgisch schwärmen. Das ist ein bisschen so, als würde man selbst an einer Convention oder einem Cosplay mitmachen: Von außen mag das komisch aussehen, aber es ist mit einem Gemeinschaftsgefühl verbunden, das man gerne annimmt. Den Rest erwartet eine zwar nicht ganz zündende, aber doch irgendwie nette Mischung, die vereinzelt schön bescheuert wird und – wie Comics auch – durchaus das Potenzial für mehrere Teile in sich trägt.

Credits

OT: „Orígenes secretos“
IT: „Unknown Origins“
Land: Spanien, Argentinien
Jahr: 2020
Regie: David Galán Galindo
Drehbuch: David Galán Galindo, Fernando Navarro
Vorlage: David Galán Galindo
Musik: Federico Jusid
Kamera: Rita Noriega
Besetzung: Javier Rey, Verónica Echegui, Brays Efe, Antonio Resines, Ernesto Alterio

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Geheime Anfänge
„Geheime Anfänge“ erzählt von einem Polizisten, der einen Mörder sucht, der sich alte Comics als Vorlage nimmt. Der Film schwankt dabei zwischen Komödie und Thriller, begegnet seinem Thema und den Fans mit Ironie, aber auch Sympathie. Das ist insgesamt nett, aber doch nicht wirklich genug, da man sich in beide Richtungen nicht weit hinein wagt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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