Kritik

50 m2 Netflix

„50 m² – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 27. Januar 2021 (Netflix)

Skrupel kennt Gölge (Engin Öztürk) eigentlich nicht. Für seinen Boss Servet (Kürsat Alniaçik) erledigt er so ziemlich alles. Kein Auftrag ist ihm zu dreckig, auch vor Mord schreckt er nicht zurück. Als es zu einem Zwischenfall kommt, heißt es aber auch für Gölge erst einmal unterzutauchen. Da trifft es sich doch gut, dass er für Adem gehalten wird, den Sohn eines kürzlich verstorbenen Schneiders, und auf diese Weise die Schlüssel zu dessen 50 m2 großen Schneiderei erhält. Dort will Gölge sich sammeln und überlegen, wie es weitergehen soll. Ehe er es sich versieht, wird er dabei jedoch in die Geschichten der anderen Menschen in dem Viertel hineingezogen, die aus ihren Häusern und Wohnungen gedrängt werden. Gleichzeitig hat er mit sich selbst jede Menge zu tun, vor allem mit dem traumatischen Tod seiner wahren Eltern und den fehlenden Erinnerungen an seine Kindheit …

Die ganze Genre-Vielfalt

In den letzten Jahren haben sich türkische Produktionen nach und nach Marktanteile bei uns erobert. Dabei fielen die meisten Titel jedoch in eine von zwei Kategorien: Entweder handelte es sich um eher anspruchslose Komödien, deren Veröffentlichung vor allem Familien mit eigenen türkischen Wurzeln im Visier hatten, oder schwere Dramen für ein Arthouse-Publikum. Dass das noch etwas vielfältiger geht, zeigten diverse betont düstere Serien, die Netflix ins Programm aufnahm. Da wäre beispielsweise das Mystery-Drama Atiye – Die Gabe oder die Vampir-Action Die Unsterblichen. The Protector brachte es bislang sogar auf vier Staffeln und bot eine eigene Interpretation der so beliebten Superhelden-Geschichten.

Ob 50 m2 ein solcher Erfolg vergönnt sein wird, das bleibt abzuwarten. Denn anders als die obigen Kollegen ist die neue Netflix-Serie ein Werk, das sich nur schwer in eine Schublade stecken und damit verkaufen lässt. Wenn ein Auftragsmörder im Mittelpunkt steht, liegen natürlich Vergleiche zu Hitman – Jeder stirbt alleine und Konsorten auf der Hand. Zum Teil passt das auch ganz gut. Gölge alias Adem ist ein Musterbeispiel für Coolness und Souveränität. Ihm gelingt einfach jede Situation, ist ein Experte beim Umgang mit Waffen. Er lässt sich von niemandem aus der Ruhe bringen, ist dafür so charismatisch und gutaussehend, dass die Frauen ihm zu Füßen liegen und die Männer ihn allein deshalb schon hassen. Wer will schon so einen Supermann bei sich in der Nachbarschaft?

Am Puls der Zeit

Doch das ist eben nur ein Teil der Geschichte von 50 m2. Auch wenn Gölges Versteckspiel und seine Suche nach der Wahrheit, was mit seinen Eltern damals wirklich geschehen, ein festes Element bleiben, wandelt sich die Serie gleichzeitig zu einem Porträt des Viertels und der dort lebenden Menschen. Vor allem das in den letzten Jahren so bedeutsam gewordene Thema der Gentrifizierung, wenn Alteingesessene von reichen Spekulanten aus ihren Vierteln vertrieben werden, spielt hierbei eine große Rolle. Die sich hier abspielenden Ereignisse sind bekannt, die Gegenspieler entsprechen den üblichen Klischees. Ungewöhnlich ist aber, dass ein Auftragsmörder versucht, an der Stelle einzugreifen und den Leuten vor Ort zu helfen.

50 m2 wechselt dann auch zwischen den verschiedensten Genres und Richtungen umher. Mal ist es ein klassischer Thriller rund um Rache und geheime Intrigen. Dann wieder überwiegt die dramatische Seite: Die Serie ist nicht nur das Porträt eines sich auflösenden Viertels, sondern auch der zum Teil tragischen Figuren, die dort herumlaufen. Zwischendurch wird es dann mal überraschend komisch, wobei der Humor schon eine dunkle Färbung hat. Gleichzeitig gibt es einen höheren Mystery-Anteil. Schließlich will nicht nur der Protagonist wissen, was jetzt wirklich hinter dem Tod seiner Eltern steckte. Dem Publikum geht es da ganz ähnlich.

Wie geht es weiter?

Dass die erste Staffel darauf keine wirkliche Antwort liefert, sondern – typisch Netflix – mit einem Cliffhanger aufhört, ist gleichermaßen erwartbar und gemein. Aber auch ohne baldige Auflösung liefert 50 m2 genügend Gründe, warum man sich in diesem Viertel vorübergehend einnisten kann. Gerade die Vielzahl miteinander verflochtener Einzelschicksale hebt die Serie von den üblichen Krimithrillern ab, die man bei einem solchen Protagonisten erwarten könnte. Man hat hier tatsächlich das Gefühl, mit der Zeit Teil einer Nachbarschaft zu werden, bei der skurrile bis kaputte Leute heimisch sind. Diese nicht immer ganz konsequente Mischung könnte bei manchen für Irritationen sorgen, zumal es länger dauert, bis einzelne Stränge fortgeführt werden. Dennoch ist die türkische Produktion eine der interessanten Netflix-Serien der letzten Zeit.

Credits

OT: „50 m2“
Land: Türkei
Jahr: 2021
Regie: Burak Aksak, Selçuk Aydemir
Drehbuch: Burak Aksak
Musik: FFW Creative Aufio
Kamera: Ferhat Uzundag
Besetzung: Engin Öztürk, Kürsat Alniaçik, Aybüke Pusat, Cengiz Bozkurt, Aybüke Pusat, Tolga Tekin, Tugce Karabacak, Tuncay Beyazit, Özgür Emre Yildirim, Yigit Kirazci

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50 m2 – Staffel 1
Ein Auftragsmörder versteckt sich in einem Viertel, wo er gegen Spekulanten kämpft und seine eigene Vergangenheit sucht. „50 m2“ umreißt eine Reihe von Genres und Themen, wenn Gesellschaftsporträt, persönliches Drama und Mystery-Thriller aufeinandertreffen, dazu noch etwas schwarzer Humor. Die Mischung mag nicht immer ganz rund sein, ist aber doch interessant und macht neugierig auf mehr.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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