Kritik

White Lines Netflix

„White Lines“ // Deutschland-Start: 15. Mai 2020 (Netflix)

20 Jahre sind inzwischen vergangen. Doch Zoe Walker (Laura Haddock) ist nie wirklich darüber hinweggekommen, dass ihr älterer Bruder Axel (Tom Rhys Harries) spurlos verschwunden ist. Er hatte seine Heimat England verlassen, um auf Ibiza eine Karriere als DJ zu starten, schien sich dort auch gut eingelebt zu haben. Und dann war er weg. Alle waren davon ausgegangen, dass er die Insel verlassen hatte – bis jetzt, da seine Leiche aufgetaucht ist, die seinerzeit jemand vergaben hat. Für Zoe steht fest, dass sie nicht früher Ruhe findet, bis sie herausgefunden hat, wer Axel umgebracht hat und weshalb. Und sie ist nicht die einzige, auch Boxer (Nuno Lopes), Marcus (Daniel Mays) und andere wollen endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen …

Als Álex Pina seine Heistserie Haus des Geldes schuf, hätte wohl niemand gedacht, was für einen Hit er damit landen würde. Was eigentlich nur auf zwei Staffeln angelegt war, entwickelte sich auch dank Netflix zu einem weltweiten Phänomen. Vier Staffeln sind bereits erhältlich, zwei weitere in Planung, hinzu kommt noch ein Spin-off. Entsprechend groß waren die Neugierde, aber auch die Erwartung, was der Spanier wohl als nächstes abliefern würde. Nun ist das Ergebnis da in Form einer weiteren Netflix-Serie, die den Titel White Lines trägt. Doch obwohl es sich diesmal sogar um eine internationale Produktion handelt, die neueste Kreation ist nicht der erhoffte Schritt nach vorne. Sie ist vielmehr eine ziemliche Enttäuschung.

Eine Spurensuche mit Schrecken
Der Einstieg ist dabei noch relativ vielversprechend. Wenn Zoe die Leiche ihres Bruders identifizieren muss, dann markiert das den Anfang einer doppelten Vergangenheitsbewältigung. Einerseits geht es in White Lines darum, den Mörder ausfindig zu machen, der seinerzeit Axel nicht einfach nur tötete. Es war eine regelrechte Hinrichtung, grausig und brutal. Gleichzeitig bedeutet das für die Protagonistin, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen, ihrem schwierigen Verhältnis zu ihrem Vater, der Frage auch, wer ihr Bruder war. Denn je mehr sie über ihn herausfindet, umso weniger scheint sie zu wissen.

Zu diesem Zweck wechselt White Lines kontinuierlich zwischen zwei Zeitebenen hin und her: die Gegenwart, die mit der Mördersuche ihren Anfang nimmt, und die Vergangenheit, welche in erster Linie zur Charakterisierung da ist. Als Idee ist das schlüssig, in der konkreten Ausführung hapert es jedoch. Zum einen verpasst es die Serie, die anderen Figuren frühzeitig einzuführen, um die später notwendigen Querverbindungen aufzubauen. Zwischendurch vergisst man sogar immer mal wieder, welche der jungen Darsteller nun den aktuellen Versionen entsprechen. Vor allem aber kommt es dabei ständig zu Wiederholungen, die weder den Figuren noch der Geschichte zugutekommen, vielmehr das Geschehen in die Länge ziehen.

Ein Teufelskreis aus Drogen, Gewalt und Langeweile
Dass White Lines einfach nicht in die Gänge kommt, liegt aber auch daran, dass sich die Serie irgendwann zu sehr in die Dramarichtung verrennt. Es wird dann zwar noch viel über Axel gesprochen, den Krimiteil interessiert aber schon längst niemand mehr. Stattdessen sind sie alle mit sich selbst beschäftigt, mit ihren familiären Problemen und unerwünschten Träumen. Natürlich können auch solche Geschichten spannend sein, ein Whodunnit, der als Vorlage gilt, um aufzuzeigen, was aus den jungen Menschen von damals geworden ist – warum nicht? Nur hätte das Ergebnis dann aber auch irgendwie interessant sein müssen, anstatt einfach nur Seifenoper-Tragik zusammenzurühren und Figuren loszulassen, die grundsätzlich mit nichts wirklich zurechtkommen und nichts auf die Reihe bekommen.

Das einzige, worin sie doch unerwartete Expertise zeigen, ist die Anwendung von Gewalt. Gerade in der ersten Hälfte der zehn Folgen gibt es einige ausgesprochen originelle und gleichzeitig brutale Methoden, Menschen zum Reden, alternativ zum Schweigen zu bringen. Diese Grausamkeit ist auch deshalb auffällig, weil sie immer tagsüber stattfindet, oft vor malerischer Kulisse. Verstärkt wird diese Diskrepanz noch durch den aufdringlichen Gelbfilter, den man über die Bilder gelegt hat, so als wollte man unbedingt den Widerspruch zwischen Sonnenschein und Abgrund auch dem Letzten noch vor Augen führen. Das sorgt dann durchaus für Schockmomente, aber nicht genügend, um die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Zwischenzeitlich fängt sich White Lines wieder, zumal es bemerkenswert ist, wie viele abscheuliche Figuren hier auf engstem Raum zusammenkommen. So abscheulich, dass es irgendwann auch schon egal ist, wer von ihnen nun den Mord begangen hat.

Credits

OT: „White Lines“
Land: Spanien, UK
Jahr: 2020
Regie: Nick Hamm, Luis Prieto, Ashley Way
Drehbuch: David Barrocal, Esther Martínez Lobato, Alberto Úcar, Nacho Sánchez Quevedo, Javier Gómez Santander
Idee: Álex Pina
Musik: Tom Holkenborg
Kamera: Juan Miguel Azpiroz, Kieran McGuigan, Martin Fuhrer, Álvaro Gutiérrez
Besetzung: Laura Haddock, Tom Rhys Harries, Marta Milans, Juan Diego Bottoas, Pedro Casablanc, Belen Lopez, Nuno Lopes, Daniel Mays, Laurence Fox, Angela Griffin

Bilder

Trailer

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White Lines – Staffel 1
3.51 (70.29%) 35 Artikel bewerten

White Lines – Staffel 1
Eine Engländerin erfährt, dass ihr vor 20 Jahren verschwundener Bruder damals brutal ermordet wurde und sucht nun nach Antworten. Das beginnt als klassischer Krimi, wird jedoch zunehmend zur Dramaserie, wenn es stärker um die Figuren und die Vergangenheit geht. Das ist leider nur teilweise geglückt, irgendwann verrennt sich „White Lines“ zu sehr, kommt nicht vom Fleck, ist zu verliebt in die eigenen Seifenoper-Abgründe.
5von 10

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