Kritik

Die Stille des Todes El silencio de la ciudad blanca Netflix

„Die Stille des Todes“ // Deutschland-Start: 6. März 2020 (Netflix)

Die brutalen Doppelmorde hielten lange die Stadt in Atem, bis endlich der Täter gefasst wurde, seit vielen Jahren sitzt Tasio (Alex Brendemühl) im Knast. Umso größer ist der Schock, als plötzlich neue Opfer gefunden werden, die denen von damals ähneln. Aber wie kann das sein, wenn der Schuldige immer noch hinter Gittern sitzt? Handelt es sich um einen Nachahmer, der die neuen Morde zur Ehrung seines Idols verübt? Oder wurde am Ende doch der Falsche verhaftet? Schließlich beteuert der noch immer seine Unschuld. Unter der Leitung von Alba Díaz de Salvatierra (Belén Rueda) setzen Unai López de Ayala (Javier Rey) und Estíbaliz Ruiz de Gauna (Aura Garrido) alles daran, den Mörder zu stoppen, ohne dabei zu ahnen, wie nahe dieser ihnen ist …

Morde werden wohl nie aus der Mode kommen, weder für die, die sie begehen, noch für die, die sich als Zuschauer*innen mit Filmen, Serien und Dokus ein bisschen Nervenkitzel nach Hause holen. Wobei Mord natürlich nicht gleich Mord ist. Angesichts der großen Konkurrenz braucht es schon etwas mehr, um das Publikum daheim wirklich vor die Fernseher zu bannen. Die Zeit ist schließlich knapp, da muss schon was geboten werden. Eine Möglichkeit: Man begnügt sich nicht einfach damit, die Opfer zu töten, sondern macht ein regelrechtes Ritual daraus, je bizarrer umso besser – siehe etwa Sieben oder Hannibal.

Bizarrer Auftakt
An solche Werke erinnert auch der Netflix-Film Die Stille des Todes zu Beginn. Nicht allein, dass sich der vermummte Täter eine ebenso brutale wie originelle Methode ausgesucht hat, um das Paar seines Lebens zu berauben. Auch die anschließende Inszenierung der Toten lässt einen in einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen auf den Bildschirm starren. Mit den obigen Beispielen kann es der spanische Film dennoch nicht aufnehmen, denn so ungewöhnlich die Vorgehensweise von Mr. X ist, so wenig Abwechslung wird dabei geboten. Von einem Merkmal einmal abgesehen laufen alle nachfolgenden Morde nach demselben Prinzip ab, womit sich der Effekt aufs Publikum sehr schnell abnutzt.

Aber auch ein anderer Spannungsfaktor bleibt früh auf der Strecke. Bei den meisten Serien oder Filmen macht die Suche nach dem Mörder einen wesentlichen Anteil des Reizes aus. Selbst wenn dieser am Ende nicht übermäßig interessant sein sollte, die Frage, wer hinter dem Ganzen stecken könnte, ist üblicherweise die Antriebsfeder. Umso überraschender ist, dass Die Stille des Todes schon relativ früh verrät, um wen es sich handelt – zumindest den Leuten vor den Fernsehern. Anstatt hier mit der Neugierde zu spielen, will die Adaption eines Romans von Eva García Sáenz die Zeit lieber nutzen, um allmählich das Motiv zu erklären. Nicht das „wer“ steht also im Mittelpunkt, sondern das „warum“, in Verbindung mit einem Katz-und-Maus-Spiel.

Schöne Langeweile
Als grundsätzliche Idee ist das interessant, es müssen ja nicht alle Serienmörder-Thriller nach demselben Schema ablaufen. Leider ist die Umsetzung dieser Idee aber schon deutlich weniger interessant. Zum einen ist das Motiv zwar überraschend, letztendlich aber doch irgendwie enttäuschend. Zum anderen passiert drumherum nichts, was den Wegfall dieser Spannungssäule kompensieren könnte. Ob es die obligatorischen Traumata sind, welche die Figuren mit sich herumtragen, das Verhältnis untereinander oder auch die Ermittlungen, da ist nichts dabei, was helfen könnte, aus dem Überangebot an Krimis und Thrillern hervorzustechen. Zumal auch die schauspielerischen Leistungen nicht gerade mitreißend sind.

Wenn es etwas gibt, das Die Stille des Todes eine Art Daseinsberechtigung gibt, neben dem bizarren Mord, dann sind es die Bilder. Die nächtlichen Aufnahmen der Stadt sind atmosphärisch, bei einer Verfolgungsjagd spielt Kameramann Josu Inchaustegui (Gun City, Paradise Hills) seine Stärken aus. Reinschauen kann man in den Film sicherlich. Er bietet am Ende nur deutlich weniger, als es der Anfang verspricht. Das mag auch daran liegen, dass bei der Adaption des Buches – Auftakt einer Trilogie – zu viele der Details auf der Strecke bleiben mussten, alles ein bisschen an der Oberfläche bleibt. So oder so, mit anderen Größen des spanischen Genrekinos kann es dieser Vertreter nicht aufnehmen.

Credits

OT: „El silencio de la ciudad blanca“
IT: „Twin Murders: the Silence of the White City“
Regie: Daniel Calparsoro
Drehbuch: Roger Danès, Alfred Pérez Fargas
Vorlage: Eva García Sáenz
Musik: Fernando Velázquez
Kamera: Josu Inchaustegui
Besetzung: Belén Rueda, Javier Rey, Aura Garrido, Manolo Solo, Alex Brendemühl, Ramón Barea

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Die Stille des Todes
3.45 (69.09%) 44 Artikel bewerten

Die Stille des Todes
„Die Stille des Todes“ beginnt atmosphärisch, wenn wir Zeuge eines brutalen wie bizarren Mordes werden. Die Jagd auf den Mörder ist hingegen deutlich weniger spannend, da dessen Werk keine Abwechslung bietet, vieles drumherum aus Klischees besteht und der Täter überraschend früh verraten wird. Dafür gibt es schöne Aufnahmen, besonders nachts.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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