Inhalt / Kritik

Neues aus der Welt News of the World Netflix

„Neues aus der Welt“ // Deutschland-Start: 10. Februar 2021 (Netflix)

1870 im Süden der USA: Während des Bürgerkriegs hatte Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) noch in der Armee der Konföderierten gekämpft. Doch der ist vorbei, weshalb er gezwungen ist, sich anderweitig durchs Leben zu schlagen. Und so verdient er sich als Vorleser sein Geld, reist von Stadt zu Stadt, um die aktuellsten Nachrichten aus aller Welt vorzutragen und dabei hin und wieder die Geschichten etwas aufzubauschen. Als er wieder einmal unterwegs ist, trifft er auf einen Soldaten, der ihn damit beauftragt, ein Mädchen namens Johanna (Helena Zengel) bis zum nächsten Ort mitzunehmen, von wo aus sie zu ihren Verwandten gebracht werden soll. Doch da der für die Zusammenführung Verantwortliche die nächsten Monate unterwegs sein wird, nimmt es Kidd auf sich, die Kleine selbst zu bringen. Einfach ist dies jedoch nicht, ist sie doch beim Stamm der Kiowa aufgewachsen und spricht kein Wort Englisch …

Ein preisverdächtiger Einkauf

Dass Netflix Filme einkauft, die eigentlich fürs Kinos gedacht waren, das ist natürlich nicht neu. Während der Corona-Pandemie und der wiederkehrenden Schließungen von Lichtspielhäusern auf der ganzen Welt hat sich dieser Trend noch einmal verstärkt. Und so dürften sich nur wenige darüber gewundert, als bekannt wurde, dass auch Neues aus der Welt nun dieses Schicksal ereilt. Umso mehr, da das Drama schon weit im Voraus als einer der Geheimtipps für die kommende Award Season gehandelt wurde. Dass der Streamingdienst dort endlich mal richtig abräumen möchte, ist kein Geheimnis. Geklappt es bislang aber nicht: Die Hochkaräter 2019 enttäuschten, 2020 kam nicht viel hinzu, dem ernsthafte Chancen eingeräumt werden.

Im Fall von Neues aus der Welt gibt es zumindest aus deutscher Sicht aber schon eine gute Nachricht: Helena Zengel ist im Rennen für den Golden Globe als beste Nebendarstellerin. Als 12-Jährige aus dem Ausland muss man das erst einmal schaffen. Wobei für ein deutsches Publikum die Darstellung weniger überwältigend ausfällt. Die kennen wir schließlich schon aus den letzten Filmen des Nachwuchstalentes. Die Rolle als wildes Mädchen wird sie durch den Kritikerüberflieger Systemsprenger, wo sie ein traumatisiertes, aggressives Kind spielte und nicht nur um Film alle umhaute, so bald nicht mehr los. In dem weniger bekannten Drama Die Tochter zeigte sie vorher ebenfalls schon Talent in diese Richtung. Wie sie hier durch die Wildnis wütet, ist dann erwartungsgemäß große Klasse, vor allem im Zusammenspiel mit Tom Hanks, der hier mal wieder den gutherzigen Grummelbär spielt.

Bilder zum Träumen

Aber auch beim polnischen Kameramann Dariusz Wolski (Der Marsianer – Rettet Mark Watney) wäre mal die eine oder andere Nominierung für einen Filmpreis fällig. Es sind wunderbare Aufnahmen, die er bei der Reise durch das Nachkriegs-Amerika eingefangen hat. Gerade im Mittelteil, wenn Neues aus der Welt Elemente des Roadmovies übernimmt – wenngleich ohne klar erkennbare Straßen – darf man voller Bewunderung zuschauen, wie die kargen, menschenfeindlichen Landschaften an einem vorbeifahren. Dabei vergisst man dann vielleicht auch, dass im Mittelteil der Gehalt des Films nicht so richtig groß ist. Dass sich die beiden Hauptfiguren nach anfänglichen Schwierigkeiten näherkommen, ist schließlich Pflicht bei einer solchen Geschichte. Die gelegentlichen Actionszenen haben ebenfalls nicht wirklich etwas zu sagen, sondern sind vor allem zur Unterhaltung drin.

Drumherum gibt es hingegen schon das eine oder andere, über das es zu reden lohnt. So zeichnet die Adaption des gleichnamigen Romans von Paulette Jiles kaum zu übersehende Parallelen zu unserer heutigen Zeit. Ob es die nach dem Krieg gespaltene Bevölkerung ist, Rassismus und Gewalt gegenüber Minderheiten, sogar einen Vorläufer von Fake News gibt es hier. Gerade weil Neues aus der Welt in einer Zeit spielt, in der die Menschen keinen direkten Zugang haben zu Nachrichten und auf wenige Übermittler angewiesen sind, sind die Chancen für Missbrauch und Manipulation groß. Und auch wenn Kidd sein Herz am rechten Fleck hat, so zeigt seine Figur doch, wie sich durch die Wahl der Geschichten sowie die Art der Umsetzung andere Leute beeinflussen lassen.

Versöhnliches für gestern und heute

So richtig in die Tiefe geht der neue Film von Regisseur und Co-Autor Paul Greengrass (Captain Phillips) dann aber doch nicht. Er traut sich auch nicht, wirklich hässlich zu werden, obwohl der Inhalt sich immer wieder dafür anbieten würde. Das Publikum soll am Schluss schließlich optimistischer in die Zukunft schauen, an Menschlichkeit und Zusammenhalt glauben. Das kann man dann einfallslos nennen, oberflächlich, vielleicht auch langweilig. Und doch ist es irgendwie schön, sich hier auf eine zwei Stunden dauernde Reise zu begeben, die einen auf positive Weise mit Vertrautem verwöhnt und in all der kargen Hoffnungslosigkeit die Kunst des Geschichtenerzählens hoch hält.

Credits

OT: „News of the World“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Paul Greengrass
Drehbuch: Paul Greengrass, Luke Davies
Vorlage: Paulette Jiles
Musik: James Newton Howard
Kamera: Dariusz Wolski
Besetzung: Tom Hanks, Helena Zengel

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Golden Globes 2021 Beste Nebendarstellerin Helena Zengel Nominierung
Beste Musik James Newton Howard Nominierung

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Neues aus der Welt
Wenn in „Neues aus der Welt“ ein Überbringer von Nachrichten und ein wildes Waisenmädchen durch das karge Amerika nach dem Bürgerkrieg ziehen, dann schlägt das die Brücke von einer fernen Vergangenheit zu heutigen Phänomenen. Im Ablauf ist das dann sicher nicht ganz überraschend. Doch die schönen Bilder und die positive Nachricht stimmen versöhnlich. Hinzu kommt die erneut entfesselt auftretende Helena Zengel.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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