Und atmen Sie normal weiter Netflix

„Und atmen Sie normal weiter“ // Deutschland-Start: 4. Januar 2019 (Netflix)

Schon seit längerer Zeit plagen die alleinerziehende Mutter Lára (Kristín Þóra Haraldsdóttir) enorme Schulden, zusammen mit ihrem Sohn Eldar (Patrik Nökkvi Pétursson) muss sie jede Krone mehrfach umdrehen. Daran ändert auch die neue Stelle am Flughafen nichts, wo sie Passagiere überprüfen soll, die in Island einreisen. Eine davon ist Adja (Babetida Sadjo), welche aus Guinea-Bissau geflüchtet ist und mit einem gefälschten Pass nach Kanada wollte – bis sie von Lára erwischt wurde. Erst landet sie im Knast, danach in einem Wohnheim für Asylsuchende, während sie darauf wartet, ob ihr doch eine Aufenthaltsgenehmigung gewährt wird. Da begegnen sich die beiden Frauen ein zweites Mal wieder …

Nimm soviel, du kriegen kannst
Es sind die kleinen Dinge im Leben, die zählen. Das Lächeln eines Fremden. Spontane Hilfe, wenn man sie braucht. Und Gratishühnchen. Eine Szene von Und atmen Sie normal weiter zeigt, wie Lára und Eldar nur zu gern zugreifen, als ihnen im Supermarkt eine Kostprobe eines Bio-Hühnchens angeboten wird. Sie greifen sogar mehrfach zu, für die Kinder, die draußen im Wagen warten. Kinder, die es aber gar nicht gibt, nur vorgeschoben werden, um mehr von dem Essen zu bekommen. Denn von dem Gehalt als Trainee hätte Lára das alles gar nicht bezahlen können.

Und atmen Sie normal weiter, das auf dem Sundance Film Festival 2018 Premiere feierte, ist voll solcher kleiner Szenen, in denen viel gesagt wird, auch wenn wenig gesagt wird. Denn Regisseurin und Drehbuchautorin Ísold Uggadóttir hat gar nicht vor, immer alles komplett auszuformulieren. Die Hintergründe der beiden Frauen werden beispielsweise erst nach und nach offengelegt, oft nur sehr beiläufig. Dazu zählt auch der Grund, weshalb Adja eigentlich ihre Heimat verlassen hat. Oder die Schwierigkeiten, die Lára so mit sich herumschleppt.

Das glaubst du nicht!
Während diese sehr zurückhaltende Erzählweise dem Drama durchaus steht, ist die große Zahl an Zufällen und Unwahrscheinlichkeiten schon ärgerlicher. An vielen Stellen darf man sich beim Netflix-Film durchaus fragen: In welcher Welt leben die eigentlich alle? Auch wenn Und atmen Sie normal weiter immer wieder an die Sozialdramen etwa von Ken Loach erinnert (Angels’ Share – Ein Schluck für die Engel, Ich, Daniel Blake), diese unglaubwürdigen, manchmal gar absurden Einzelmomente belasten die ansonsten so unspektakulär aufgezogene Geschichte immer mal wieder. Nicht einmal das Verhalten der Figuren erschließt sich einem immer so ganz.

Insgesamt dürfen sich die Freunde leiser Dramen aber darüber freuen, dass es dieser kleine Ausflug nach Island hierher geschafft hat. Nicht nur, dass Und atmen Sie normal weiter eine Reihe wichtiger Themen anspricht, vom sozialen Abstieg über die Flüchtlingsproblematik bis hin zu LGBT. Es bietet auch ein bisschen was fürs Herz, wenn aus dieser so unwahrscheinlichen Begegnung eine Form von Zuneigung wird. Ísold Uggadóttir hat hier ein schönes Plädoyer für Menschlichkeit gedreht, das dazu aufruft, unserem Umfeld offen und mit einer ausgestreckten Hand zu begegnen. Denn man weiß nie, wann man nicht selbst mal Hilfe gebrauchen kann.

Und atmen Sie normal weiter
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Und atmen Sie normal weiter
„Und atmen Sie normal weiter“ stellt uns zwei Frauen vor, die jeweils in eine Notsituation geraten sind und sich dabei über den Weg laufen. Glaubwürdig ist das nur bedingt, aber insgesamt doch ein schönes und leise erzähltes Drama über eine unerwartete Hilfe im richtigen Moment.
7von 10

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