Kritik

Mein 40-jähriges Ich The Forty-Year-Old Version Radha Blank Netflix

„Mein 40-jähriges Ich“ // Deutschland-Start: 9. Oktober 2020 (Netflix)

Schon lange träumt Radha (Radha Blank) davon, als Theaterautorin Karriere zu machen. Richtig weit gekommen ist sie damit aber nicht, sie muss sich mit dem Unterrichten anderer über Wasser halten, während sie nach wie vor daran festhält, den großen Durchbruch zu schaffen. Als dann auch noch ihr 40. Geburtstag naht, der für sie enormen Symbolcharakter hat, entscheidet sie, etwas ganz anderes zu versuchen: Sie nennt sich nun RadhaMUSPrime und versucht als Rapperin ihr Glück – zur Verwunderung ihres Umfeldes. Doch auch Radha selbst ist sich nicht sicher, ob dies wirklich ihr Weg ist. Immer wieder wechselt sie zwischen dem Theater und der Musik umher, auf der Suche nach Erfolg und sich selbst …

Geschichten über Menschen, die nach ihrem Lebensweg suchen, vielleicht auch sich selbst suchen, gibt es im Film bekanntlich ohne Ende. Da wäre der Coming-of-Age-Bereich, der sich quasi dadurch definiert, dass er junge Menschen zeigt, die noch nicht wissen, wer sie sind und was sie wollen. Zuletzt hat es aber auch eine Reihe von Werken gewesen, die Protagonisten und Protagonistinnen im fortgeschrittenen Alter zeigen. Das Motto dieser Werke: Man ist nie zu alt, um sich zu ändern und noch einmal von vorne anzufangen. Tanz ins Leben, Book Club und andere wollen das Publikum ermuntern, noch einmal da rauszugehen, alles zu hinterfragen und etwas Neues auszuprobieren.

Ich muss aber Kunst machen!
Geschichten um Leute, die irgendwo dazwischen sind und nichts mit sich anzufangen wissen, sind da schon seltener. Wenn, dann lernen wir dabei Figuren kennen, die in einer Midlife Crisis stecken und alles in Frage stellen, was sie bisher erreicht haben. Im Fall von Mein 40-jähriges Ich bedeutet dies aber auch: Habe ich überhaupt etwas erreicht? Radha Blank, die hier Regie führte, das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm, inszeniert sich als eine Künstlerin, der Großes vorhergesagt wurde, was aber irgendwie nie wirklich eingetreten ist. Das ist dann noch einmal etwas gemeiner als die Fälle oben, wo Frauen sich einfach nur ein bisschen öffnen sollten. Hier geht es um das Eingemachte: Das ganze Leben von Radha ist darauf ausgerichtet, eine Künstlerin zu sein.

Mein 40-jähriges Ich ist damit ein Film über das Scheitern, die Existenzkrise, die ein solches Scheitern auslöst, letztendlich auch über Identität. Das hört sich sehr ernst an, nach schwermütigem Drama. Die Wahl, alles in Schwarzweiß zu filmen, lässt zudem vermuten, dass hier ganz gezielt ein gehobenes Arthouse-Publikum gesucht wird. So richtig stimmt das aber nicht. Blanks Regiedebüt, das auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere hatte, dort ausgezeichnet wurde und direkt nach im Einkaufswagen von Netflix landete, geht diese Fragen mit viel Humor an. Mit viel Selbstironie auch: Das Multitalent schreckt nicht davor zurück, die demütigenden Erfahrungen aufzuzeigen, die ein alternder Körper mit sich bringt. Von den Demütigungen, eine große schwarze Frau zu sein, in einem Umfeld voller alter weißer Männer, ganz zu schweigen.

Zusammen auf verlorenem Posten
Tatsächlich ist Mein 40-jähriges Ich ein Sammelsurium aus Themen und Figuren. So erzählt Blank eben nicht nur von einer Frau in der Sinnkrise, sondern nimmt dabei auch den Theaterbetrieb ins Visier, verbringt Zeit bei Rap Battles, rückt immer mal wieder andere in den Vordergrund. Obwohl der Film eine künstlerische One-Woman-Show ist, so ist er doch auf eine sympathische Weise an dem interessiert, was um sie herum geschieht. Das geht auf Kosten der Kohärenz. Zwischenzeitlich ist der Film so sehr davon fasziniert, umherzuschweifen und die Menschen zu beobachten, dass die Geschichte dabei verloren geht.  Die Ziellosigkeit der Protagonistin überträgt sich dann schon mal auf das Werk drumherum, welches erst gar nicht versucht, den roten Faden wieder in die Hand zu nehmen. Im Zusammenspiel mit der recht langen Laufzeit kommt es da schon zu kleineren Durchhängern.

Dafür gibt es immer wieder Höhepunkte, wenn eine rastlose Radha der Welt den Kampf ansagt und umso entschlossener einen Weg verfolgt, bei dem sie selbst nicht sagen kann, ob er eine Richtung hat. Wenn sie dabei Leuten begegnet, die zum Teil genauso planlos sind – herrlich sind beispielsweise die Interaktionen mit ihren Schülern und Schülerinnen, die sie mit unsinnigen Geschichten in die Verzweiflung treibt. Letztendlich ist Mein 40-jähriges Ich damit einerseits Porträt einer spannenden Person, gleichzeitig eine Art Liebeserklärung an das Künstlerdasein, das von Zweifeln und Rückschlägen geprägt ist. Das sucht und gibt, doofe Kompromisse eingehen muss und dabei immer wieder riskiert, die eigene Stimme zu verlieren und dabei gleichermaßen Triumph wie Blamage ist.

Credits

OT: „The Forty-Year-Old Version“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Radha Blank
Drehbuch: Radha Blank
Kamera: Eric Branco
Besetzung: Radha Blank, Peter Kim, Oswin Benjamin, Reed Birney

Bilder

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Mein 40-jähriges Ich
In „Mein 40-jähriges Ich“ versucht eine bislang eher erfolglose Theaterautorin mit 40 noch einmal eine Karriere als Rapperin. Der Film begegnet dabei Existenzkrisen und einem ständigen Scheitern mit Humor, zeigt das Künstlerdasein in all seiner Hoffnung und mit all seinen Demütigungen. Zwischenzeitlich ist das etwas ziellos, insgesamt auch zu lang – aber doch eine sympathische, selbstironische Odyssee.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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