Kritik

The Devil All the Time Netflix

„The Devil All the Time“ // Deutschland-Start: 16. September 2020 (Netflix)

Der Zweite Weltkrieg ist nun schon einige Jahre vorbei. Doch noch immer wird der Soldat Willard Russell (Bill Skarsgård) von seinen Erinnerungen verfolgt. Als seine Frau Charlotte (Haley Bennett) schwer erkrankt, stellt das nicht nur seinen Glauben an Gott auf die Probe, sondern auch seine eigene Stärke. Andere nehmen den Tod hingegen sehr locker. Mehr noch, sie suchen ihn geradezu. So fahren Carl Henderson (Jason Clarke) und seine Frau Sandy (Riley Keough) durch die Gegend, immer auf der Suche nach neuen Opfern. Arvin Russell (Tom Holland), der Sohn von Willard und Charlotte, ist stärker mit den Lebenden beschäftigt, vor allem den neuen Reverend Preston Teagardin (Robert Pattinson), der seine Finger überall zu haben scheint …

Es ist ja nicht so ganz einfach, in diesen Zeiten noch an das Gute zu glauben und Hoffnung zu schöpfen. Der Rassismus ist wieder salonfähig, immer mehr zeigen offen und laut ihre Verachtung gegenüber Solidarität, das Gemeinschaftsgefühl wird grundsätzlichen Grabenkämpfen geopfert, auf der ganzen Welt kommen faschistoide Politiker an die Macht, den Kampf gegen den Klimawandel können wir wohl aufgeben, dafür zwingen uns neue Katastrophen in die Knie. Kein Wunder also, dass sich Wohlfühlfilme so großer Beliebtheit erfreuen, die uns zumindest für eine Zeit lang vergessen lassen, in welcher Welt wir leben. Alles wird gut, so heißt es, du musst nur fest genug daran glauben.

Es lebe der Mord
Donald Ray Pollock tut das offensichtlich nicht. In seinen Büchern schaut er nicht weg, wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert. Im Gegenteil: Er macht sicher, dass auch ja jeder mitbekommt, was da gerade vor sich geht. So wie manche Leute ihre Hunde zu erziehen versuchen, indem sie die mit ihren Nasen in die Exkremente stupsen, taucht er sein Publikum wieder und wieder und wieder in die menschlichen Abgründe. Das gilt dann auch für The Devil All the Time, die Adaption seines Romans Das Handwerk des Teufels, die ausführlich, geradezu genüsslich von Leuten erzählt, die entweder etwas Schlechtes tun oder diesem zumindest ausgeliefert sind. Eine Welt, die so verkommen ist, dass nur Mord oder Selbstmord einen davon befreien können.

Eine Geschichte im eigentlichen Sinn erzählt der Netflix-Thriller dabei nicht. Vielmehr umfasst The Devil All the Time eine ganze Reihe von Handlungssträngen, die zwar irgendwann und irgendwo mal sich überkreuzen, im Grund genommen aber meistens eigenständig sind. Das braucht gerade anfangs etwas Durchhaltevermögen. Da es keine direkte Hauptfigur gibt und die Verbindungen sich erst mit der Zeit zeigen, schaut man zunächst etwas verloren auf das düstere Treiben, fragt sich, wer denn da wer ist und worauf das alles hinauslaufen soll. Denn auch wenn durchaus was geschieht, eigentlich die kompletten mehr als zwei Stunden schlimme Dinge geschehen, man hat nicht den Eindruck, dass die Geschichte vorankommen würde. Ein bisschen wird das durch Pollock selbst aufgefangen, der als Erzähler im Film mittels Voiceover einiges wieder auffängt und zumindest die Illusion eines Zusammenhangs erschafft.

Viele Abgründe, wenig Tiefe
Lichtblicke gibt es in The Devil All the Time wenige, Helden keine. Selbst die Figuren, die nicht aktiv nach Möglichkeiten suchen, anderen zu schaden, würde man kaum als Vorbilder dienen, wenn sie sich in bizarre Glaubenskonstrukte stürzen oder der Selbstjustiz frönen. Das ist durch die Bank weg gut gespielt. So darf man Robert Pattinson (Der Leuchtturm) als bigotten, abstoßenden Missbrauchsgeistlichen erleben, Jason Clarke (Friedhof der Kuscheltiere) zelebriert seine Rolle als Serienmörder. Und vor Bill Skarsgård darf man selbst dann Angst haben, wenn er mal nicht den Killerclown aus Es verkörpert, wie er in dem Film unter Beweis stellt.

Manchmal nähert sich das schon der Exploitation an, wenn hier grundlos irgendwelche abscheulichen Taten vollstreckt werden. Der Film zieht daraus keine nennenswerten Schlüsse, hat über ein allgemeines „die Gesellschaft ist furchtbar“ hinaus wenig zu sagen. Es ist nicht einmal so, dass Regisseur und Co-Autor Antonio Campos (Christine) viel aus den Figuren rausholen würde. Es reicht ihm meist, die eine schlechte Seite zu zeigen, bevor es weiter zum nächsten geht. Dafür ist der Thriller von einer modrig-entrückten Atmosphäre erfüllt, die bis in die letzte Ecke hineinwabert, in jedes Haus, jeden Schulbus, jede Kirche. Wer also schon immer mal sehen wollte, wie eine Reihe hochtalentierter Schauspieler und Schauspielerinnen sich im moralischen Dreck wälzt, bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, der bekommt hier mehr als genug zu sehen. Spannend ist das vielleicht weniger, dafür aber auf seine Weise fesselnd.

Credits

OT: „The Devil All the Time“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Antonio Campos
Drehbuch: Antonio Campos, Paulo Campos
Vorlage: Donald Ray Pollock
Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans
Kamera: Lol Crawley
Besetzung: Tom Holland, Bill Skarsgård, Riley Keough, Jason Clarke, Sebastian Stan, Haley Bennett, Eliza Scanlen, Robert Pattinson

Bilder

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The Devil All the Time
4.04 (80.71%) 28 Artikel bewerten

The Devil All the Time
„The Devil All the Time“ nimmt uns mit in eine ländliche Gegend in den Südstaaten, wo eigentlich jeder irgendwie im Abgrund feststeckt. Der Thriller hat weniger eine Geschichte zu erzählen, sondern ist mehr eine Art Gesellschaftsporträt der düstersten Sorte, welche aufgrund des prominenten Ensembles und der Atmosphäre sehenswert ist.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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