Kritik

Rebecca 2020 Netflix Armie Hammer Lily James

„Rebecca“ // Deutschland-Start: 21. Oktober 2020 (Netflix)

Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Gesellschafterin (Lily James) kann ihr Glück kaum fassen, als sie dem gutaussehenden Witwer Maxim de Winter (Armie Hammer) begegnet. Mehr noch, er macht ihr schnell einen Heiratsantrag, um sie aus ihrem undankbaren Dienst zu befreien. Doch dieses Glück währt nicht lange, denn das umwerfende Anwesen, in dem sie nun leben soll, steht noch immer unter dem Bann von Rebecca, der ersten Frau de Winters, die vor einem Jahr auf tragische Weise ums Leben kam. Vor allem Haushälterin Mrs. Danvers (Kristin Scott Thomas) tut alles dafür, dass sich der wenig selbstbewusste Neuankömmling erst gar nicht wie zu Hause fühlt. Und sie ist nicht die einzige: Maxim verhält sich zunehmend eigenartig und abweisend …

Alfred Hitchcock gehört ohne Zweifel zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Regisseuren der Filmgeschichte. Umso erstaunlicher ist, dass es vergleichsweise wenige ernsthafte Versuche gab, mit Neuverfilmungen oder anderweitig an diese zahlreichen Erfolge anschließen zu wollen. Es gab im Fernsehen ein paar Titel, dazu noch umstrittene Fortsetzungen zu Psycho und Die Vögel. Nicht zu vergessen das 1:1-Remake von Psycho, das 1998 zu einem Desaster wurde. Ansonsten war der Respekt wohl zu groß vor dem Meister. Verständlich: Wer will sich schon direkt mit Hitchcock vergleichen lassen müssen? Ein Vergleich, bei dem viele scheitern dürften, noch bevor sie mit dem Dreh begonnen haben.

Eine Geschichte in vielen Versionen
Insofern zeugt es von Mut, wenn sich Ben Wheatley mit dem Netflix-Film Rebecca dieser Aufgabe stellte. Klar, es hat mehrere Adaptionen von Daphne du Mauriers gleichnamigen Roman gegeben, der Ende der 30ern ein echter Bestseller war. Gerade im Fernsehen waren schon früh andere Versionen zu sehen. Hinzu kamen Theater- und Radiofassungen, sogar eine Opernaufführung. Dennoch: Die meisten werden mit dem Titel Hitchcocks Verfilmung aus dem Jahr 1940 in Verbindung bringen. Die war an den Kinokassen sehr erfolgreich, heimste auch einen Oscar als bester Film des Jahres ein. Hitchcock selbst war mit dem Ergebnis jedoch wenig glücklich, da er zahlreiche Änderungen an der Geschichte vornehmen wollte, aber nicht durfte.

Wheatleys Fassung hingegen ist nicht sonderlich davon geprägt, etwas neu oder anders machen zu wollen. Das ist durchaus überraschend, da Wheatley eigentlich für sehr eigenwillige Filme bekannt ist. Ob nun die Serienmörder-Groteske Sightseers, der bizarre Schwarzweiß-Horror A Field in England oder die Hochhaus-Dystopie High-Rise: Der Engländer genießt mit seinen seltsamen Einblicken in die menschlichen Abgründe durchaus einen gewissen Ruf. Damit wäre er wie gemacht gewesen dafür, der bekannten Vorlage einen eigenen Stempel aufzudrücken und eine echte Alternative anzubieten. Der einzige nennenswerte inhaltliche Unterschied ist jedoch der, dass er im Gegensatz zu Hitchcock bei der Fassung von du Maurier blieb, wenn es um das spät enthüllte Schicksal von Rebecca geht.

Kostümdrama mit schönen Bildern
Ansonsten scheint das Anliegen bei Rebecca in erster Linie das gewesen zu sein, andere Bilder zu finden. Die sind auf ihre Weise auch tatsächlich großartig. Anders als bei Hitchcocks Schwarzweiß-Fassung, die viel mit Schatten arbeitete – echten wie im übertragenen Sinne –, da ist die Neuauflage knallbunt. Vor allem die ersten Szenen, wenn wir uns noch an der Riviera aufhalten, wetteifern darum, wer auf einer Postkarte festgehalten werden darf. Nach dem Wechsel zu Manderly wird es natürlich schon düsterer. Doch selbst dann ist das mehr Hochglanz als Abgrund. Tatsächlich ist der Film mehr Seifenoper-Kostümdrama als Thriller. Der Fokus liegt auf den attraktiven Menschen, die in schönen Kleidern und Anzügen durch vornehme Kulissen schlendern. Der Rest ist eher Nebensache.

Spannend ist Rebecca deshalb kaum, selbst für ein Publikum, das die Geschichte noch nicht kennt. Auch auf der emotionalen Ebene geschieht kaum etwa: Die Chemie zwischen James (Yesterday) und Hammer (Call Me by Your Name) bleibt eine Behauptung, der 1940 noch überzeugend dargestellte Horror einer Frau, die sich in einem für sie fremden Umfeld verirrt, kommt hier zu wenig rüber. Stark ist dafür der Auftritt von Kristin Scott Thomas, die anders als die letztendlich enigmatische Mrs. Danvers bei Hitchcock ihrer Figur nicht nur die nötige Kälte verleiht, sondern auch eine Tragik. Damit ist sie zwar ein Fremdkörper in einem Film, der nur schicke Oberfläche vorweisen kann, keine Substanz. Zusammen mit den schönen Bildern ist sie aber zumindest Grund genug, weshalb man sich den Film anschauen kann, selbst wenn man diesen bald schon wieder vergessen haben wird.

Credits

OT: „Rebecca“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Jane Goldman, Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
Vorlage: Daphne du Maurier
Musik: Clint Mansell
Kamera: Laurie Rose
Besetzung: Lily James, Armie Hammer, Kristin Scott Thomas, Sam Riley

Bilder

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Rebecca (2020)
Ben Wheatley dreht eine Neuauflage von „Rebecca“? Das hörte sich interessant an. Das Ergebnis ist es aber nicht: Der auf sehr eigenwillige, oft düstere Filme spezialisierte Regisseur scheitert daran, der bekannten Geschichte einen eigenen Stempel aufzudrücken. Hier fehlt es an Spannung, an Emotionen, vor allem aber an Tiefe. Nur die sehr schönen Bilder und eine überzeugend auftretende Kristin Scott Thomas verhindern Schlimmeres.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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