Kritik

The Coldest Game Netflix

„The Coldest Game“ // Deutschland-Start: 8. Februar 2020 (Netflix)

Oktober 1962, die Kubakrise steuert auf ihren Höhepunkt zu, die USA und die Sowjetunion sind nur einen Knopfdruck von der Katastrophe entfernt. Joshua Mansky (Bill Pullman) hat damit nur wenig am Hut oder allem anderen, das nicht Alkohol ist. Früher war das einmal anders, als Mathematikprofessor und Schachspieler genoss der Amerikaner hohes Ansehen. Während die meisten ihn seither vergessen haben, gibt es durchaus noch Leute, die großes Interesse an ihm haben. Genauer wird er vom US-Geheimdienst dazu genötigt, an einem Schachturnier in Polen teilzunehmen, nachdem der eigentlich dafür vorgesehene Spieler plötzlich verstorben ist. Das Spiel soll nicht nur für ein bisschen Entspannung sorgen, man erhofft sich auch die eine oder andere Information …

Eine Zeitreise in die 60er
Ein bisschen darf man sich bei The Coldest Game schon so fühlen, als wäre man zurück in die Vergangenheit gereist. Das liegt zum einen natürlich am Setting, das Szenario inklusive der passenden Ausstattung sollen ja dafür sorgen, dass man sich einige Jahrzehnte zurück versetzt fühlt. Es ist aber auch der Film an sich, der das Gefühl vermittelt, schon deutlich älter zu sein. Werke über den Kalten Krieg haben über Jahrzehnte den amerikanischen Thriller geprägt, wenn strahlende Helden gegen den bösen Russen angetreten sind. Später wurde das aber aufgegeben, wie man an der James Bond Reihe sehen konnte, die ihrer Stammbösewichte beraubt wurde. Heute kämpft man gegen Terroristen, das ist zeitgemäßer und politisch weniger heikel. Denn Terroristen darf man hassen. Und erschießen.

The Coldest Game schert sich aber offensichtlich relativ wenig darum, inwiefern sich das internationale Klima gewandelt hat. Hier gibt es sie noch, die bösen Russen, welche unter allen Umständen verhindern wollen, dass der kapitalistische Westen etwas gewinnt. Schlechte Verlierer eben. Wobei man der polnischen Produktion zumindest zugutehalten muss, dass die Vertreter der freien Welt auch nicht unbedingt vorzeigbar sind. Mansky ist ein alkoholkrankes Genie, so wird zumindest behauptet. Die CIA schert sich wenig um Menschenrechte oder Freiheit des Individuums, entführt den Hoffnungsträger einfach. Außerdem kommt ein Glaskäfig zum Einsatz, so als hätten es die Agenten mit einem psychopathischen Serienmörder zu tun – Das Schweigen der Lämmer lässt grüßen.

Viel schafft wenig
Daraus hätte man einen interessanten Kommentar zur Lage der Welt oder der Scheinheiligkeit selbsternannter Freiheitskämpfer machen können. Regisseur und Co-Autor Łukasz Kośmicki begnügte sich aber damit, zum Abschluss noch einen gut gemeinten, jedoch fürchterlich erzwungenen Verweis auf den kürzlichen Ausstieg der USA und Russlands aus dem Abrüstungsvertrag einzubauen. Was Atomwaffen mit Schachspielen zu tun haben? Das beantwortet The Coldest Game nur notdürftig und umständlich. Allgemein sollte man keine großen Erwartungen an den Inhalt des Films haben. Es passiert zwar genug, ganz im Sinne solcher Spionagethriller darf es Wendungen geben. Allerdings fühlt sich das alles sehr erzwungen an, wie eine Pflichtübung, die Aktionismus mit Komplexität verwechselt.

Es ist noch nicht einmal so, dass der Film dabei übermäßig spannend wäre. Die Schachszenen beispielsweise bieten sich zwar prinzipiell für etwas Nervenkitzel an, wenn mit den Figuren um etwas viel Größeres gekämpft wird. Aber nicht allein, dass The Coldest Game diese Verbindung eben ungenügend herstellt, der Film findet auch kein Mittel, das Duell anregend darzustellen. Bill Pullman einfach nur verkniffen auf das Brett schauen zu lassen, das ist dann doch etwas wenig. Zumal die Schachpartien an sich kaum vermittelt werden, eine Aufgabe, an der auch Das Wunder von Marseille vor ein paar Wochen gescheitert ist. Dort gab es aber wenigstens einige Figuren, für die man Interesse aufbringen konnte sowie eine Geschichte, die nahegeht. Im Vergleich dazu bleibt der Thriller zu sehr auf Distanz, von der aufdringlichen Musik einmal abgesehen. Die schöne Ausstattung und die irgendwie nostalgische Stimmung machen zwar einiges von den Makeln wieder wett. Aber das reicht nicht, um den Film und dessen Geschehen zu einem wirklichen Ereignis zu machen, so sehr es das Drehbuch auch behauptet.

Credits

OT: „The Coldest Game“
Land: Polen
Jahr: 2019
Regie: Łukasz Kośmicki
Drehbuch: Łukasz Kośmicki, Marcel Sawicki
Musik: Łukasz Targosz
Kamera: Paweł Edelman
Besetzung: Bill Pullman, Lotte Verbeek, James Bloor, Robert Więckiewicz

Trailer

Filmfeste

Tallinn Black Nights Film 2019



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The Coldest Game
3.39 (67.83%) 23 Artikel bewerten

The Coldest Game
In „The Coldest Game“ wird ein alkoholkranker Exprofessor gezwungen, an einem wichtigen Schachspiel teilzunehmen, auf der Höhe der Kubakrise. Das hört sich spannend an, ist es jedoch weniger. Anstatt notwendige Verbindungen aufzubauen, wirft der Thriller einfach nur eine Wendung nach der anderen vor die Füße, ohne etwas Nennenswertes daraus zu machen.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2012 schreibe ich über Filme und Serien, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Titel jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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