„Annihilation“, USA/UK, 2018
Regie: Alex Garland; Drehbuch: Alex Garland; Vorlage: Jeff VanderMeer; Musik: Ben Salisbury, Geoff Barrow
Darsteller: Oscar Isaac, Natalie Portman, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Tessa Thompson, Jennifer Jason Leigh

Ausloeschung

„Auslöschung“ ist seit 12. März auf Netflix erhältlich

Er weiß nicht, wo er war. Wie lange er dort war. Wie er wieder zurückgekehrt ist. Eigentlich hat der Soldat Kane (Oscar Isaac) überhaupt keine nennenswerte Erinnerung mehr an das vergangene Jahr. Er hat aber auch keine Zeit darüber nachzudenken, als er kurze Zeit später Blut spuckt und von einer geheimen Regierungsorganisation eingefangen wird. Von dieser erfährt Kanes Frau Lena (Natalie Portman), dass ihr Mann und seine Einheit in einer kontaminierten Gegend unterwegs waren, in der Seltsames vor sich geht. Nur er kam zurück, von dem Rest seiner und aller anderen Truppen fehlt jede Spur. Also entscheidet sie, sich einem Team aus Wissenschaftlerinnen – Anya Thorensen (Gina Rodriguez), Cass Shepard (Tuva Novotny), Josie Radek (Tessa Thompson) und Leiterin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh) – anzuschließen, die ihrerseits versuchen, dem Rätsel auf die Spur zu kommen.

Netflix macht sich dieser Tage mit seiner Großoffensive nicht unbedingt nur Freunde. So schön es an und für sich ist, wenn sich jemand Projekte annimmt, die keine Finanzierung finden, Titel wie Mute oder The Outsider fühlen sich dann doch eher nach Rudis Resterampe an. Bei Auslöschung ist es genau umgekehrt: Die Kritiker übertreffen sich gegenseitig mit Jubelarien und beklagen hier, wie Netflix einen Kino-Titel geklaut hat. Schließlich war die Buchverfilmung für einen Auftritt auf den Leinwänden dieser Welt bereits angekündigt. Aber nur in Nordamerika blieb es dabei, der Rest muss sich mit dem Heimkino begnügen. Ein cineastisches Verbrechen? Irgendwie schon. Denn manche der Bilder hätten es tatsächlich verdient, ganz groß gezeigt und gesehen zu werden. Gleichzeitig lässt sich die Entscheidung aber nachvollziehen, denn an kaum einem Science-Fiction-Film werden sich die Geister mehr scheiden als an diesem hier.

Viele Waffen, wenig Action
Dabei ist Alex Garland, der nach Ex Machina zum zweiten Mal Regie führt, dem Publikum mit seiner Adaption von Jeff VanderMeers Roman schon ziemlich entgegengekommen. Wo die Vorlage oftmals an die Grenzen der Verständlichkeit stößt, da ist Garlands sehr freie Interpretation eigentlich recht geradlinig. Es sind am ehesten noch die diversen Flashbacks, die etwas über die vorherige Expedition, vor allem aber über Lenas Beziehung zu Kane verraten, durch die die Geschichte ihre Komplexität erlangt. Aber auch darüber wird bereits gestritten. Ist es der Tiefgang wert, dass die Handlung dafür immer wieder so unterbrochen wird? Zumal die Handlung vergleichsweise kurz ist. Die fünf Teammitglieder mögen ein wenig das weibliche Ghostbusters-Reboot erinnern. Zu den Waffen greifen sie jedoch eher selten. Es stehen die Spannungen innerhalb der Truppe im Vordergrund, nicht die Spannungen mit der fremden Außenwelt.

Wobei natürlich auch Letztere zum Film dazugehören. Vor allem eine Szene gehört zu dem Besten, was das Genre uns in den letzten Jahren gezeigt hat. Denn hier kommen Spannung und das interessante Konzept hinter der Geschichte gleichermaßen zum Ausdruck. Aber es gibt auch andere Beispiele, wie die grundsätzliche Idee unwirkliche Umsetzungen erfahren hat. Da muss dann auch gar nicht so wahnsinnig viel passieren. Es reicht die grotesken Gebilde anzuschauen, die in der Zone auf das Quintett und die Zuschauer gleichermaßen warten.

Überall Farben, nicht aus dieser Welt
Ohnehin: Optisch ist Auslöschung sehr stark. Anders als viele Science-Fiction-Größen, welche die Zukunft in erster Linie mit düsteren Stimmungen gleichsetzen, sticht der Film zudem durch seine Farbgebung hervor. Denn hier wird es bunt. Sehr bunt. Ein Paradies auf Erden, unirdisch erhöht, ein bizarrer Albtraum in Grün, garniert mit freundlich-surrealen Quasi-Gestalten. Und allein für das Finale hat sich die Reise ohnehin schon gelohnt, selbst wenn dieses viele Fragen noch nicht mal zu beantworten versucht.

Ganz so viel gibt es bei Auslöschung aber ohnehin nicht, über das man groß nachdenken könnte oder müsste. In der Hinsicht hatte Ex Machina doch deutlich mehr zu bieten. Auch Arrival forderte mehr geistige Beteiligung beim Umrunden der Geschichte. Und trotz der Flashbacks: So wahnsinnig spannend sind die Figuren hier nicht. Auslöschung ist eher als ein was-wäre-wenn-Szenario interessant. Hier heißt es sich zurücklehnen, die ausgefallenen Folgen genießen. Sich auf eine Welt einzulassen, in der alles sich langsam auflöst, jede Gewissheit, jede Regelmäßigkeit. Denn auch das gehört hier dazu: Geheimnisse, Lügen, Doppeldeutigkeiten. Wenn Menschen nicht mehr sie selbst sind, jeder jedem misstraut, wir nicht einmal der Protagonistin richtig glauben wollen, dann bedeutet das einen Horror, der über zähnefletschende Bestien hinausgeht – mögen sie noch so gut aussehen wie diese hier.

Auslöschung
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Auslöschung
Lange erwartet, endlich da! „Auslöschung“ mag vielleicht nicht ganz die Science-Fiction-Revolution sein, die sich mancher erwartet hat. Dafür gibt es hier zu wenig tatsächlichen Stoff, über den man nachdenken müsste. Aber es ist ein faszinierender Ausflug in eine Welt, in der nichts wirklich Bestand hat, und die dabei auch noch fantastisch aussieht – zwischen Paradies und surrealem Albtraum.
8von 10

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