The House Netflix
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Inhalt / Kritik

The House Netflix
„The House“ // Deutschland-Start: 14. Januar 2022 (Netflix)

An neuen Animationstiteln mangelt es bei Netflix normalerweise nicht. Dabei ist die Verteilung jedoch etwas einseitig. Während es im Serienbereich unzählige zum Teil sehr unterschiedliche Produktionen gibt, wird der Filmbereich zuweilen ein wenig vernachlässigt. Hinzu kommt: Die meisten Sachen, die da veröffentlicht werden, sind CGI-Produktionen, die sich an ein jüngeres Publikum richten. Gegen die ist zwar grundsätzlich nichts einzuwenden. Ein bisschen eintönig ist das aber schon, zumal das mit der Qualität so eine Sache ist. Während beispielsweise das leider größtenteils ignorierte Stand By Me Doraemon 2 eine wirklich spaßige Adaption der Mangareihe ist, sind Zurück ins Outback oder Das Seehund-Team eher wenig bemerkenswert. Wer gerne etwas ganz anderes sehen möchte, der wird jetzt aber reich beschenkt. Die Stop-Motion-Anthologie The House ist mit wenig vergleichbar, was auf dem Streamingdienst zu finden ist.

Festivalgrößen in einem Film vereint

Wer animierte Kurzfilme auf Filmfestivals anschaut, der wird sich hier hingegen ziemlich zu Hause fühlen. Genauer vereint das Werk drei Kurzfilme, deren jeweiligen Kreativteams zuvor mehrfach von sich haben reden machen. Der Auftakt ist dann auch unverkennbar von Emma de Swaef und Marc James Roels, dem belgischen Duo, das zuvor die Kolonial-Farce This Magnificent Cake! gedreht hat. Wie dort verwenden sie hier Puppen, die aus Stoff gefertigt wurden, was ihnen gerade bei den Gesichtern ein ganz eigenes Aussehen verleiht. Auch wenn die Proportionen realistisch sind, haben die Puppen doch immer etwas Fremdes an sich. Das passt dann auch gut zu der Geschichte, die von den Anfängen des Hauses erzählt. Eine Familie zieht neu in das Anwesen und muss dabei feststellen, dass dieses irgendwie seltsam und unheimlich ist. Dieses Segment nutzt das Haus am stärksten, wenn The House hier zu einer Art Haunted House Horror wird und wir an der Seite der Kinder in dem dunklen, labyrinthartigen Ort verlorengehen.

Der zweite Abschnitt ist da schon freundlicher. Im Gegensatz zum Auftakt, der im 19. Jahrhundert spielt, sind wir hier in der Gegenwart. Aus dem einst freistehenden Gebäude wurde eines, das mitten in der Stadt steht. Dieses Mal geht es um einen Mann, der das Haus verkaufen möchte. Genauer ist es eine Maus, da Regisseurin Niki Lindroth von Bahr wie schon in ihren gefeierten Kurzfilmen The Burden und Something to Remember auf Tiere als Protagonisten setzt. Mit niedlichen Disney-Familienfilmen hat das dann aber weniger zu tun. Auch diese Episode von The House ist reichlich schräg, gerade bei der Musical-Nummer – ebenfalls eine Spezialität der Schwedin. Der Humor verschiebt sich mit der Zeit jedoch in Richtung des Verstörenden, wenn die Mannmaus mit immer mehr Hindernissen zu kämpfen hat und dabei selbst die Kontrolle verliert.

Eigenwillig und kunstvoll

Im dritten Abschnitt, diesmal von Paloma Baeza inszeniert, ist die Kontrolle schon längste Geschichte. So wie das meiste andere auch. Die Stadt ist verschwunden, das Haus ist einer der wenigen Orte, die noch stehen. Oder besser: schwimmen. Ganz klar wird nicht, was da eigentlich vorgefallen ist und warum die Welt unter Wasser steht. Doch die Protagonistin, nunmehr eine Katze, ist auch zu sehr damit beschäftigt, das Haus wieder in Stand zu setzen und sich mit den nicht zahlen wollenden Mietern herumzuplagen. Auch hier zeigt sich The House von einer etwas humorvolleren Art, wobei das Bedrohliche der ersten beiden Segmente weg ist. Wenn ist es eine Melancholie, welche die Atmosphäre bestimmt. Ein Gefühl des Verlustes. Gleichzeitig spendet der Film hier Hoffnung, auf eine leicht märchenhafte Weise. Das Leben geht weiter. Und wenn sie nicht gestorben sind: Das Haus gibt es noch.

Das Haus bleibt dann auch die einzige inhaltliche Komponente, die bis zum Schluss verwendet wird. Zwar hat Enda Walsh alle drei Episoden geschrieben, einen wirklichen Zusammenhang gibt es zwischen diesen aber nicht. Man sollte The House aber auch nicht unbedingt der Geschichte wegen anschauen, die wie bei so vielen Kurzfilmen rudimentär bleibt. Stattdessen ist das Stop-Motion-Werk eine Demonstration der handwerklichen und visuellen Klasse der beteiligten Künstler und Künstlerinnen. Sie zeigen auf, dass diese weitgehend aus der Mode gekommene Animationstechnik noch immer sehr viel Charme und ihre Daseinsberechtigung hat, zumal hier – anders als etwa bei Aardman (Wallace & Gromit – Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen) und vor allem Laika (Coraline) – auf große Spezialeffekte aus dem Computer verzichtet wird. Stattdessen kreieren die drei Segmente aus dem Bekannten das Unbekannte, zeigen auf faszinierende und atmosphärische Weise, wie bloße Objekte zum Leben erweckt werden können, gleichzeitig vertraut und fremd sind.

Credits

OT: „The House“
Land: UK
Jahr: 2022
Regie: Emma de Swaef, Marc James Roels, Niki Lindroth von Bahr, Paloma Baeza
Drehbuch: Enda Walsh
Musik: Gustavo Santaolalla

Bilder

Trailer

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„The House“ ist eine faszinierende und atmosphärische Demonstration, dass die außer Mode gekommene Stop-Motion-Technik noch immer eine große Kunst sein kann – in den richtigen Händen. Die drei Geschichten, die sich um ein Haus zu verschiedenen Zeiten drehen, schwanken zwischen unheimlich, humorvoll und melancholisch. Aber es ist vor allem die ungewöhnliche Umsetzung, welche die Anthologie so sehenswert macht.
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