Kritik

Wir können nicht anders Netflix

„Wir können nicht anders“ // Deutschland-Start: 4. Dezember 2020 (Netflix)

Eigentlich war das mit Samuel (Kostja Ullmann) und Edda (Alli Neumann) ja nur als flüchtige Begegnung gedacht, als eine gemeinsame Nacht, die sie zusammen in seinem Campingbus verbracht haben. Und es wäre wohl auch besser dabei geblieben: Als sich Samuel von Edda überreden lässt, mit ihr zu Nikolaus in ihre alte Heimat in die Provinz zu fahren, platzen sie mitten in eine Gruppe von Männern, die gerade jemanden hinrichten wollen. Das kann der Literatur-Juniorprofessor nicht einfach so zulassen, weshalb er versucht, auf die Fremden einzureden – mit dem Ergebnis, dass diese kurze Zeit später auch auf sie Jagd machen …

Kriminelle Komik in der Provinz
Auch wenn der Gedanke nahe liegt, mit Wir können nicht anders hat Detlev Buck keine Fortsetzung seines Films Wir können auch anders … gedreht. So gibt es keine Anknüpfung an die damalige Geschichte, es treten andere Figuren auf. Und doch liegen die Gemeinsamkeiten auf der Hand. In beiden Fällen handelt es sich um Komödien mit Genre-Anleihen, wenn wir Männern begegnet sind, die entweder Waffen mit sich führen oder zumindest über ein ungesundes Maß krimineller Energie verfügen. Außerdem spielen beide Filme in einer ländlichen Gegend.

Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber: 1993 erzählte Buck von einem Deutschland nach der Wende, von einem unbekannten Land, bei dem man noch nicht genau absehen konnte, wohin die Reise wohl gehen würde und was einen in der Zukunft noch erwartet. Beim Netflix-Film Wir können nicht anders wiederum scheint schon das Konzept der Zukunft fremd geworden zu sein. Die Flucht vor den Gangstern führt durch eine Gegend, in der die Zeit stillgestanden scheint, in der die Menschen auch krampfhaft an einer Vergangenheit festhalten, wie es sie wohl nur in ihren Köpfen gegeben hat. Eine Welt, in der alles noch sehr viel einfacher war.

Lächerliche Männer einer vergangenen Zeit
Das zeigt sich beispielsweise an dem dort gepflegten Männlichkeitsbild, das auf eine herrlich bescheuerte Weise anachronistisch ist. Da wird dem Titel angemessen an alten Rollenmustern festgehalten und mit ausufernden, teils völlig sinnentleerten Reden unterfüttert, während gleichzeitig auf groteske Weise irgendwelche Waffen herumgewedelt werden. Buck zeigt bei seinem Ausflug in die Provinz eine Ansammlung von Menschen, die von der Welt vergessen wurden und sich inmitten ihrer ausgedünnten Siedlungen, der verlassenen Gebäude und begrabenen Hoffnungen ein eigenes kleines Refugium errichtet haben, in dem sie tun und machen können, was sie wollen, Marotten entwickelt haben, die sie trotz ihrer Brutalität zu Witzfiguren degradieren. Nur merken sie das nicht, weil der Blick von außen fehlt.

Herrlich ist beispielsweise der leider eher kurz geratene Auftritt von Peter Kurth, der eine besonders innige Beziehung zu seinem Zuhause pflegt und dieses auch schon mal zu einer Waffe umfunktioniert, wenn ihm jemand in die Quere kommt. Wir können nicht anders besteht dann auch aus einer Aneinanderreihung solcher Momente, in denen Komik und Gewalt, oder zumindest die Androhung hiervon, zusammen kommen. Das hat dann weniger eine durchgehende Geschichte zu bieten. Auch durch die tendenziell ausgedünnte Menschenlandschaft in der Provinz wird das mehr zur einer Sketchparade rund um simple Typen, die in Regeln gefangen sind, bei denen man schon gar nicht mehr sagen kann, ob überhaupt noch jemand an diese glaubt.

Auf Dauer zieht sich diese Auseinandersetzung jedoch ein wenig. Was anfangs noch kurios und stimmig ist, verfällt dann selbst dem Stillstand. Daran können auch die gelegentlichen Versuche eines Ausbruchs in die Gegenwart nichts ändern, wenn beispielsweise Flüchtlinge wie Fremdkörper in der homogenen Rückständigkeit auftauchen. Denn dafür hätte das konsequenter verfolgt werden müssen, anstatt daraus Pointen zu machen, die aus dem Nichts auftauchen. Amüsant ist Wir können nicht anders sicherlich, zumal im vorweihnachtlichen Angebot der Anteil überzuckerter Produktionen ein bisschen Schärfe als Kontrastprogramm ganz gut tut. Trotzdem hätte es da gern noch mehr sein dürfen, trotz der satirischen Spitzen, die es immer mal wieder gibt, ist die Krimikomödie am Ende doch eher brav.

Credits

OT: „Wir können nicht anders“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Detlev Buck
Drehbuch: Detlev Buck, Martin Behnke
Musik: Konstantin Gropper, Alex Mayr
Kamera: Armin Franzen
Besetzung: Kostja Ullmann, Alli Neumann, Sascha Alexander Gersak, Sophia Thomalla, Merlin Rose, Peter Kurth, Detlev Buck

Bilder

Trailer

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Wir können nicht anders
In „Wir können nicht anders“ fährt ein werdendes Paar in die provinzielle Heimat, wo alte Meinungen noch mit Waffengewalt durchgesetzt werden. Das ist als Demontage einer im gestern verfangenen und von der Welt verlassenen Gemeinschaft schon ganz amüsant, auf Dauer aber zu wenig. Es fehlt an mehreren Stellen die letzte Konsequenz, um aus dem Stoff mehr zu machen als eine nette Krimikomödie.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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