Kritik

Miss Americana Taylor Swift Netflix

„Miss Americana“ // Deutschland-Start: 31. Januar 2020 (Netflix)

Auch wenn die Verkaufszahlen der letzten beiden Alben nicht mehr ganz so astronomisch ausfielen wie die der vorangegangenen, Taylor Swift ist und bleibt eines der Aushängeschilder der derzeitigen Musikindustrie. Noch bevor sie erwachsen war, brach sie erste Rekorde. Mit inzwischen dreißig Jahren hat sie mehr als 50 Millionen Alben und 150 Millionen Singles verkauft, zahlreiche Lieder von ihr waren an der Spitze der Charts zu finden. Ihre ohnehin eher schwachen Country-Wurzeln hat sie auf dem Weg dorthin ausgerissen, die Sängerin schaffte mit blütenweißem Pop weltweit ein großes Publikum für sich zu gewinnen.

Wenn solche Ikonen eine eigene Dokumentation spendiert bekommen, dann weiß man daher schon im Vorfeld, dass es an Superlativen und Lobhuldigungen nicht unbedingt mangeln wird. Kritische Auseinandersetzungen sind in derartigen Filmen nicht üblich. Zumal Miss Americana auch noch eine Netflix-Produktion ist, die zweite Zusammenarbeit zwischen dem Streamingdienst und der Sängerin nach dem Konzertfilm Taylor Swift: Reputation Stadium Tour. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu sabotieren, liegt da kaum im Interesse, weder auf der einen, noch der anderen Seite. Mehr als einen längeren Imagefilm durfte man dabei nicht wirklich erwarten.

Everbody’s Darling
Zum Teil erfüllt Miss Americana diese Erwartungen auch ganz brav. Zumindest in der ersten Hälfte beschränkt sich Regisseurin Lana Wilson auf die übliche Erfolgsgeschichte, wenn Künstler ganz hart an sich arbeiten und zur Sensation werden. Dazu gibt es noch ein bisschen Musik und frühe Aufnahmen, etwa von Auftritten bei Radiosendern, die das Gefühl vermitteln, hautnah dran zu sein. Das funktioniert, ist aber reichlich konventionell, ein bisschen langweilig auch. Der einzige Anflug von Persönlichkeit, den Swift in diesen Passagen zeigt, ist ihre geradezu manische Sehnsucht danach, von anderen wahrgenommen und gemocht zu werden.

Interessanter wird der Film, wenn er sich von der eigentlichen Karriere löst und ein bisschen umfassender auf das Phänomen blickt. Beispielsweise hat Swift einiges darüber zu sagen, wie sie als Frau deutlich mehr zu leisten hat als Männer, immer möglichst gefällig sein muss, dabei abwechslungsreich, um dauerhaft relevant zu bleiben. Inwiefern das nun allgemeingültig ist oder nur ihr persönliches Empfinden, das bleibt jedoch offen, die Aussage steht mitten im Raum. Gleichzeitig wird die Kehrseite dieser Gefälligkeit nicht angesprochen. Wie viel von ihrem Erfolg würde der Sängerin bleiben, wenn sie nicht jung, weiß und schön wäre? Ist sie Opfer des Systems oder hat sie davon profitiert?

Zwischen Privatem und Politischem
Dafür gibt es an anderer Stelle tiefere Einblicke. Beispielsweise spricht die Doku, die auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere hatte, die Krebserkrankung ihrer Mutter an und welche Auswirkungen diese auf ihr eigenes Leben hatte. Und natürlich ist die zunehmende Politisierung von Swift spannend. Ausgerechnet sie, die sich nie so wirklich auf etwas festlegen lassen wollte – an einer Stelle heißt es, ihre Lieder seien so zeitlos, weil sie jegliche Verweise auf die Gegenwart vermeiden –, entdeckte angesichts der republikanischen Bedrohung ein Verantwortungsbewusstsein. Ihr Einsatz bei den letzten Wahlen in den USA sorgte für jede Menge Erstaunen, für Freude auf Seiten der Demokraten, für Ärger bei den Gegnern.

Natürlich bemüht sich Miss Americana an der Stelle, Swift erneut im positiven Licht zu zeigen, ohne allzu sehr in die Tiefe zu gehen. Sollten sich Künstler politisch äußern? Haben sie das Recht, die Pflicht, Fans in eine bestimmte Richtung lotsen zu wollen? Der Film zeigt auf, welche Risiken es für die Sängerin bedeutete, sich aus der gefälligen Komfortzone zu bewegen und eventuell Fans vom anderen Ende des politischen Spektrums zu verlieren. Der Film spricht jedoch nicht an, dass eine solche Beeinflussung von allen Seiten aus geschehen könnte. Dennoch, dieser Sinneswandel ist mutig, dabei interessant, zusammen mit den anderen Überlegungen und Themen auch für Leute, die nichts mit ihren Popliedern anfangen können, hier einmal hineinzuschauen. Ihre Anhänger und Anhängerinnen tun das sowieso, da sie dem Phänomen auf diese Weise näherkommen, als sie es allein durch die Musik könnten.

Credits

OT: „Miss Americana“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Lana Wilson
Musik: Taylor Swift, Alex Somers
Kamera: Emily Topper

Trailer

Filmfeste

Sundance 2020



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Miss Americana
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Miss Americana
„Miss Americana“ ist der Versuch, hinter dem Pop-Phänomen Taylor Swift auch den Menschen zu entdecken. Das ist über weite Strecken, wie bei solchen Dokus üblich, alles sehr wohlwollend ausgefallen, eine tiefere Auseinandersetzung findet nicht statt. Dafür gibt es ein paar gesellschaftliche Themen drumherum, die den Film auch für Nicht-Fans interessant machen können.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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