Kritik

Großkatzen und ihre Raubtiere Tiger King Netflix

„Großkatzen und ihre Raubtiere“ // Deutschland-Start: 20. März 2020 (Netflix)

Und weiter geht es mit der Verbrecherjagd! Nachdem Netflix mit seinen True Crime Dokus so große Erfolge gefeiert hat, darf man sich sehr regelmäßig über Nachschub aus der großen, weiten Welt des menschlichen Abschaums freuen. Auch Großkatzen und ihre Raubtiere fällt in diesen Bereich, wenngleich das Label hier ein bisschen erzwungen wird. Zwar macht der Streamingdienst Werbung damit, dass jemand einen Auftragsmörder angeheuert hat – oder auch nicht –, um eine unliebsame Widersacherin aus dem Weg zu räumen. Und auch sonst gibt es immer wieder Verweise auf verübte Verbrechen. Tatsächlich im Mittelpunkt stehen diese aber nicht.

Stattdessen dreht sich hier alles – der Titel Großkatzen und ihre Raubtiere verrät es bereits – um Leute, die Tiger, Löwen, teilweise auch andere exotische Tiere halten, züchten und ausstellen. Und von denen scheint es jede Menge zu geben. In den USA leben, so verrät die Dokumentation zum Schluss, 5000 bis 10.000 Tiger in Gefangenschaft. Dem gegenüber stehen 4000 Tiger, die in freier Wildbahn leben. Weltweit, wohlgemerkt. Das ist schon erschreckend, ohne jeden Zweifel. Traurig natürlich auch. Und doch sei es notwendig, so behauptet Joe Exotic, einer eben jener Großkatzenbesitzer. Denn auf diese Weise könnte der Fortbestand der bedrohten Tierart gesichert werden.

Die Menschen hinter den Tieren
Darüber kann man geteilter Meinung sein, im Grund läuft es auf die mit Zoos immer wieder verbundene Frage hinaus, ob das Einsperren und Ausstellen von Tieren gerechtfertigt sein kann. Die Serie geht dieser Frage aber nicht weiter nach. Zwar zeigt das Regieduo Eric Goode und Rebecca Chaiklin immer wieder solche Tiere, mal in Käfigen, mal beim Füttern oder Spielen. Sehr viel mehr sind die beiden jedoch an den Zweibeinern interessiert, die immer wieder durch die Gegend laufen, sich über die Tiere auslassen, sich oft aber auch miteinander beschäftigen – gerne mit Beschimpfungen, Verdächtigungen und Kriegserklärungen.

Tatsächlich erinnert Großkatzen und ihre Raubtiere oft an eine Art Wrestlingring, in der sich die Kontrahenten mit bescheuerten Namen gegenüberstehen, teils groteske Kleidung tragen und sich aus der Ferne Unverschämtheiten an den Kopf werfen. Wie viel Spaß man an der Serie hat, hängt dann auch maßgeblich damit zusammen, wie sehr man sich an solchen Schlammschlachten erfreuen kann. Das hat ein bisschen was von trashigen Nachmittags-Talk-Shows, nur dass die Duelle hier aus der Ferne stattfinden. Mal wird die eine Seite interviewt, mal die andere. Aber auch das Umfeld darf ein bisschen Öl ins Feuer gießen.

Ein Verrückter mit Ansage
Doch selbst wenn nicht dieser Streit zwischen Joe und der von ihm gehassten Tierschutzaktivistin Carole Baskin das Geschehen dominiert, darf man oft genug ungläubig auf den Bildschirm starren. Dafür sorgt Joe selbst, mit Genuss. Der hatte eigentlich eine tragische Kindheit, wuchs als junger Schwuler in einem homophoben Umfeld auf, in dem er sich verstecken musste. Vielleicht rührt daher sein großes Sendungsbewusstsein, wenn er einen YouTube-Channel betreibt, sein eigenes Merchandising herstellt, ein etwas auffälligeres Äußeres pflegt und zwischendurch für den Posten des US-Präsidenten kandidiert, wenigstens aber als Gouverneur tätig sein will und schon mal Kondome mit seinem Gesicht verteilt. Das ist lustig. Weniger lustig sind die sich im Laufe der sieben Folgen offenbarenden Methoden, mit denen er sich junge Männer gefügig machte und an sich band.

Die Doku führt diese verschiedensten Aspekte zusammen, das Bizarre, das Tragische, das Erschreckende, ist mal komisch, dann wieder schockierend. Tatsächlich informativ ist Großkatzen und ihre Raubtiere hingegen nicht. Offenbar wussten Goode und Chaiklin selbst nicht so genau, was sie mit der Fülle an Material anfangen sollten. Die Folge ist, dass die Serie immer wieder von einem Thema zum nächsten springt, ohne ein klar zu erkennendes Konzept zu verfolgen, auch kaum Kontexte liefert. Das wiederum führt zu einigen Wiederholungen. Wenn sich Joe und Carole darüber auslassen, wie schäbig der jeweils andere ist, dann hat man dies schon beim Einstieg verstanden, da hätte es nicht mehrere Szenen gebraucht. Die wirklich relevanten Themen rund um Tierschutz oder auch die Frage, was die Faszination dieser Tiere ausmacht, dass sie das Leben Einzelner so bestimmen können, die kommen dabei kurz. Am Ende ist das hier einem Zoobesuch erschreckend ähnlich: Die Doku ist unterhaltsam, teilweise faszinierend, lässt einen aber darüber nachgrübeln, ob es wirklich moralisch vertretbar ist, sich die Freakshow anzuschauen.

Credits

OT: „Tiger King: Murder, Mayhem and Madness“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Eric Goode, Rebecca Chaiklin
Musik: Mark Mothersbaugh, John Enroth, Albert Fox, Robert Mothersbaugh
Kamera: Damien Drake

Trailer

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Großkatzen und ihre Raubtiere
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Großkatzen und ihre Raubtiere
„Großkatzen und ihre Raubtiere“ erzählt von einem exzentrischen Großkatzen-Züchter und seiner privaten Fehde mit einer Tierschützerin. Das ist unterhaltsam, teils schockierend, bringt aber relativ wenige Erkenntnisse mit sich. Zudem hat die Doku ein Problem, aus der Fülle an Material ein tatsächliches Konzept zu machen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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