Kritik

Die drei Tode der Marisela Escobedo

„Die drei Tode der Marisela Escobedo“ // Deutschland-Start: 14. Oktober 2020 (Netflix)

Zuletzt hat Netflix wieder einiges an Stoff für die Fans von True Crime Dokus besorgt. Während Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit stärker in der investigativen Tradition steht und das Publikum über gesellschaftliche Zustände rund um das Verbrechen aufklärt, ist American Murder: Die Bilderbuchfamilie für ein Publikum gedacht, das sich solche Dokumentationen wegen der emotionalen Komponente anschaut. Mit Die drei Tode der Marisela Escobedo folgt nun die dritte Produktion aus diesem beliebten Bereich und siedelt sich irgendwo in der Mitte von beidem an, versucht den Bogen von einer kleinen, persönlichen Geschichte hin zu einem sehr viel größeren Phänomen zu schlagen.

Zwischen Recht und Gerechtigkeit
Die Ausgangsposition ist auf jeden Fall sehr tragisch: Die 16-jährige Ruby wurde ermordet. Der mutmaßliche Täter ist zwar schnell identifiziert, Sergio Rafael Barraza Bocanegra wurde vor Gericht gestellt, wo er auch gestand. Aufgrund der mexikanischen Gesetzeslage – ein Geständnis ist ohne weitere Beweise nicht genug für eine Verurteilung – wurde der Verdächtige jedoch wieder freigelassen. Später hob ein anderes Gericht dieses Urteil wieder auf. Doch zu dem Zeitpunkt ist Sergio längst über alle Berge, weshalb die Strafe nicht vollstreckt werden kann. Der Fall ist ein interessantes Beispiel dafür, wie ein Gesetz, das Opfer schützen soll, ad absurdum geführt werden kann, sodass es nun die Täter schützt: Erlassen wurde es, um erzwungene Geständnisse zu verhindern.

Der eigentliche Inhalt von Die drei Tode der Marisela Escobedo ist aber nicht dieser Mord oder auch die Frage, wie Recht und Gerechtigkeit zusammenhängen. Vielmehr porträtiert der Film den Kampf von Rubys Mutter Marisela, die nach der Freilassung viele Jahre dafür kämpfte, dass der Fall nicht einfach zu den Akten gelegt wird. Dieser Kampf glich einem gegen Windmühlen, da Behörden, Politik und Justiz nicht viel tun konnten oder wollten. Da mag mal an mangelndem Interesse gelegen haben, mal an zu geringen Ressourcen. Aber auch Korruption sorgt dafür, dass Ermittlungen zuweilen versanden oder falsche Abbiegungen nehmen. So oder so ist es ein Versagen mit System: Jeden Tag werden, so verrät eine Texttafel zum Ende des Films, zehn Frauen in Mexiko ermordet. 97 Prozent dieser Fälle bleiben ungelöst.

Der Schmerz eines ganzen Volkes
Auf diese Weise verbindet Die drei Tode der Marisela Escobedo geschickt die verschiedenen Richtungen der True Crime Dokus: Der Film nutzt den Schmerz und die Wut von Marisela, um das Publikum zu packen und zu empören, verbindet dies mit einer Anklage gegen ein System, das solche Fälle ermöglicht. Regisseur Carlos Perez Osorio geht an diesen Stellen nicht unbedingt subtil vor, sondern setzt ganz klar auf Emotionalität, selbst die vielen Interviewszenen sind mit einer gewissen Theatralik verbunden. Aber die erwünschte Wirkung stimmt: Die Zuschauer und Zuschauerinnen dürfen abwechselnd mit den Menschen leiden, sich über die schockierenden Zustände aufregen, aber auch eine Frau bewundern, deren unbeirrter Kampf sie zu einer tragischen Ikone werden ließ.

Die chronologisch erzählte Dokumentation wird auf diese zu einem Hoffnungsschimmer, der die Verbrechen nicht ungeschehen macht, weder die in dem Film selbst noch die vielen anderen. Die drei Tode der Marisela Escobedo trägt aber zumindest dazu bei, dass ihnen mehr Aufmerksamkeit zuteilwird und das wenig beachtete, dabei weit verbreiteten Phänomen des Frauenmords nicht mehr ganz so leicht unter den Teppich gekehrt wird.

Credits

OT: „Las tres muertes de Marisela Escobedo“
IT: „The Three Deaths of Marisela Escobedo“
Land: Mexiko
Jahr: 2020
Regie: Carlos Perez Osorio

Trailer

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Die drei Tode der Marisela Escobedo 
„Die drei Tode der Marisela Escobedo“ erzählt von dem Mord an einer 16-Jährigen und dem Kampf ihrer Mutter um Gerechtigkeit. Die Dokumentation nutzt dabei den persönlichen Schmerz, um auf ein System aufmerksam zu machen, in dem sowohl die Zahl der Morde an Frauen wie auch die geringe Aufklärungsrate schockierend sind.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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