Kritik

Social Distance Netflix

„Social Distance – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 15. Oktober 2020 (Netflix)

Der Film- und Serienbereich gehört mit Sicherheit zu einem der am meisten durch die Corona-Pandemie betroffenen unseres Lebens. Kinofilme wurden verschoben oder auf Video on Demand verwiesen, Kinobetreiber fürchten um ihre Existenz, Festivals mussten ganz abgesagt werden oder finden als Online-Variante ein zweites Leben, auch bei der Produktion gab es massive Auswirkungen, weil unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr gearbeitet werden konnte. Und auch inhaltlich finden sich erste Beispiele dafür, dass die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen ist. Während die eigentlichen Filme zu dem Thema, die unausweichlich folgen werden, noch ein bisschen auf sich warten lassen, gab es doch ein paar kleinere Serien, die mit der speziellen Situation des Lockdowns spielten. Aus Deutschland kam beispielsweise Drinnen – Im Internet sind alle gleich. Homemade wiederum versammelte eine Reihe von Filmemachern und Filmemacherinnen, die während des Lockdowns Kurzfilme drehten.

Zwischen Alltag und Absurdität
Tatsächliches Neuland betritt die Netflix-Serie Social Distance also nicht, wenn in insgesamt acht Episoden aus dem Leben von Menschen erzählt werden, die daheim eingesperrt sind. Die Folgen sind dabei inhaltlich voneinander unabhängig, es sind jedes Mal andere Figuren zu sehen. Auch im Hinblick auf Inhalt, Stimmung und Ambitionen gleicht das einer Lotterie: Da kann wirklich alles Mögliche bei rauskommen. Einige Folgen sind rein auf Humor ausgelegt, überspitzen die Situation gerne mal ins Absurde. Andere sind realistisch gehalten, erzählen von den Versuchen, in der Ausnahmesituation noch weiter zu machen. Und dann gibt es wiederum welche, die unbedingt etwas aussagen möchten, relevant sein möchten – wenn beispielsweise die Ereignisse rund um den Mord an George Floyd integriert werden.

Die teils vernichtenden Kritiken im Netz sind teilweise dann auch darauf zurückzuführen, dass hier offen Rassismus angeprangert wird. Was manche grundsätzlich nicht hören wollen. Wobei die entsprechenden Episoden tatsächlich ein bisschen unbeholfen ausgefallen sind. Während die Absicht zweifelsfrei gut war und die Themen wichtig, das ist teils schon zu konstruiert, um als authentischer Einblick zu zählen. Gerade die Folge um einen schwarzen Jungen, der sich mit seinem schwarzen Chef über den Sinn von Protesten streitet, wirkt eher wie ein Theaterstück als ein Ausschnitt aus einem normalen Leben – woran die wenig natürlichen Dialoge großen Anteil haben. Das ist die direkte Folge des Konzepts, welches für jede Folge nur rund 20 Minuten zur Verfügung stellt. Mehr als ein Schnappschuss ist da nicht möglich, eine Vertiefung der Überlegungen scheitert an dem mangelnden Raum.

Die Tücken der Technik
In anderen Fällen lautet der Vorwurf hingegen, dass Social Distance nichts zu sagen hat. Auch das ist nicht ganz falsch. Wenn eine weit verstreute Familie zusammenkommt vor den Rechnern, um bei einer virtuellen Beerdigung des Opas dabei zu sein, wird auf die üblichen Witze zurückgegriffen, wenn beispielsweise einer sein Mikrofon nicht findet. Neue Erkenntnisse werden aus so etwas nicht gewonnen. Und das gilt auch für die Folge, wenn ein schwules Paar einen Dritten per Internet zu sich bestellt und versucht, Sex und Social Distancing irgendwie zu kombinieren. Dass das irgendwie schief gehen muss ist klar, dafür braucht es keine Schauspieler. Spaß macht es aber schon.

Dann und wann zeigt das Format zudem, dass es einen Zwischenweg gibt, der weder zu belangloser Unterhaltung noch verkrampftem Sendungsbewusstsein führt. Gerade die Folge um ein Paar, bei dem die Mutter erkrankt ist und das Kind nur noch virtuell mit ihr kommunizieren darf, ohne genau zu verstehen warum, dürfte einigen zu Herzen gehen. Ein anderes Beispiel ist eine Jugendliche, die hofft, per sozialer Medien ihrem Schwarm näherzukommen, und dabei bitter enttäuscht wird. In diesen Fällen wird der Lockdown nur zu einem Setting, vor dem sich ganz alltägliche Geschichten abspielen. Wer sich darauf einlassen kann, dass die Folgen stark schwanken und alle auf eine Desktop-Optik à la Searching und Unknown User setzen, der findet hier eine bunte und kurzweilige Mischung, die man gut dazwischenschieben kann.

Credits

OT: „Social Distance“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Anya Adams, Diego Velasco, Phil Abraham, Claire Scanlon, Nick Sandow, Jesse Peretz, Angela Barnes
Drehbuch: Hilary Weisman Graham, Tara Herrmann, Merritt Tierce, Anthony Natoli, Brandon Martin
Idee: Hilary Weisman Graham
Musik: Jonathan Sanford
Kamera: Pedro Luque, Mark Schwartzbard, Alison Kelly, Michael Berlucchi
Besetzung: Mike Colter, Heather Burns, Okieriete Onaodowan, Ajay Naidu, Shakira Barrera, Steven Weber, Helena Howard, Oscar Nuñez, Daphne Rubin-Vega, Guillermo Diaz, Miguel Sandoval, Danielle Brooks, Marsha Stephanie Blake, Isabella Ferreira, Brian Jordan Alvarez, Max Jenkins, Peter Vack, Rana Roy, Peter Scanavino, Ali Ahn, Tami Sagher, Barbara Rosenblat, Michael Mulheren, Becky Ann Baker, Dylan Baker, Marcia DeBonis, Raymond Anthony Thomas, Sunita Mani, Kylie Liya Page, David Iacono, Lachlan Riley Watson, Niles Fitch,  Asante Blackk, Ayize Ma’at, Lovie Simone

Bilder

Trailer

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Social Distance – Staffel 1
4.04 (80.83%) 24 Artikel bewerten

Social Distance – Staffel 1
„Social Distance“ versammelt lauter Einzelgeschichten aus der Zeit des Lockdowns. Die Folgen schwanken dabei zwischen Komödie und Drama, sind mal nah am Leben dran, dann wieder ziemlich konstruiert oder absurd. Für tatsächlichen Tiefgang reicht das nicht, dafür ist die bunte Mischung aber kurzweilig.
7von 10

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