Kritik

Ares Netflix

„Ares – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 17. Januar 2020 (Netflix)

Rosa (Jade Olieberg) ist es irgendwie alles leid. Leid, sich um ihre Mutter kümmern zu müssen und alles am Laufen zu halten. Aber auch an der Universität sieht sie keine echte Perspektive, wenn die Leute dort nur stur ihr Programm abspulen. Eigenes Denken? Eine wirkliche Forderung? Gibt es nicht. Und so braucht es dann auch gar nicht viel Überzeugungskraft durch Jakob (Tobias Kersloot), als es um eine geheime Studentenverbindung geht. Vielleicht erlaubt ihr das ja, mal etwas Neues zu sehen und ihrem eintönigen Leben zu entkommen. Tatsächlich erhält sie auch das Angebot, Ares beizutreten, muss dabei jedoch bald feststellen, dass dort einiges nicht so ist, wie es den Anschein hat …

Während Netflix in Deutschland zuletzt richtig Gas gegeben hat und eine ganze Reihe höchst unterschiedlicher Serien produzierte, mit einigen weiteren bereits in den Startlöchern, da sieht es in den Niederlanden bislang sehr mau aus. Man lizensierte die Serie Toon und den Spielfilm Der Bankier des Widerstands und klebte das „Netflix Original“-Label drauf. Das war es aber schon. Ein bisschen neugierig durfte man deshalb schon sein, wie wohl Ares ausfallen würde, die erste echte niederländische Serie des Streaminggigangten. Zumal diese auch noch im Horror-Genre angesiedelt ist, welches wir nicht unbedingt mit unserem Nachbarn in Verbindung bringen.

Das Drama der Exklusivität
Ganz so ungewöhnlich ist Ares dann aber doch nicht. Serien über junge Menschen in einem übernatürlichen Umfeld, die gibt es auf Netflix natürlich zur Genüge. Vor allem der Vergleich zu The Order drängt sich auf, wo es ebenfalls um geheime Verbindungen im universitären Umfeld ging, verbunden mit fantastischen Elementen. Im Gegensatz zu den US-Amerikanern waren die Niederländer jedoch nicht daran interessiert, dieses Szenario mit Teeniedramen zu verbinden. Dramatisch wird es hier schon, das zeigt bereits der Einstieg. Persönliche Befindlichkeiten kommen ebenfalls immer mal wieder zum Zuge. Auch innerhalb der Privilegierten gibt es beispielsweise Bevorzugte und Außenseiter.

Diese Element treten jedoch nie in den Vordergrund. Tatsächlich bleiben die meisten Figuren seltsam unnahbar. Rosa ist hier die große Ausnahme, da sie als Stellvertreterin des Publikums langsam in die Gesellschaft eingeführt wird und tiefer in deren Abgründe versinkt. Bei ihr macht sich auch eine Entwicklung bemerkbar, wenn der Luxus und der Machtrausch von Ares sie nach und nach korrumpiert. Das ist auch deshalb interessant, weil es in der Serie keine echte Gegenposition gibt. Die Geschichte ist irgendwann so stark innerhalb der Verbindung verhangen, dass es keine Außenwelt mehr zu geben scheint. Ausnahmsweise gibt es hier daher keinen Kampf zwischen gut und böse. Die Frage ist eher: Wie böse wird das Ganze noch?

Viele Fragen, wenige Antworten
Eine Antwort auf diese Frage kommt zwar, allzu viel sollte sich das Publikum aber nicht erwarten. Allgemein hatten Michael Leendertse und sein Drehbuchteam wenig Interesse daran, eine durchgängige, klar fassbare Geschichte zu erzählen. Stattdessen gefällt sich Ares in seinen Mystery-Aspekten, lässt immer wieder ominöse Anspielungen und Warnungen auf den Boden bröckeln, ohne dass das je so richtig greifbar würde. Vieles erschließt sich nicht, bleibt etwas zu gewollt nebulös, greift zudem noch auf Klischees zurück. Wer sich eine ausgeklügelte Verschwörungsstory erhofft, eine Art Illuminati im Serienformat, der wird enttäuscht – allein schon, weil die Verbindung zwar mächtig sein soll, ihr Wirken aber nie demonstriert wird.

Wo Ares jedoch mächtig auftrumpft, das sind die Bereiche Optik und Atmosphäre. Sicher, das grundsätzliche Ambiente der Verbindung ist nicht wirklich anders als das, was man so aus vergleichbaren Geschichten gewohnt ist. Luxusanwesen, ernst dreinblickende Leute in seltsamer Kleidung, eine altmodische Einrichtung. Doch die Umsetzung ist sehr gut gelungen mit einigen sehr schönen, kunstvollen Aufnahmen. Und auch die diversen Horrorelemente sind dem Regieduo Giancarlo Sanchez und Michiel ten Horn geglückt. An den Stellen kommt den beiden zudem die Rätselhaftigkeit der Serie zugute, wenn immer wieder bizarre bis verstörende Szenen den moralischen Abstieg kurz aufhalten. Es wäre schön gewesen, wenn die Bilder von einem ebenso starken Drehbuch begleitet worden wären. Aber es bleibt auch so ein interessanter Einstieg der Niederländer, der darauf hoffen lässt, dass die obligatorische zweite Staffel noch mehr draus macht.

Credits

OT: „Ares“
Land: Niederlande
Jahr: 2020
Regie: Giancarlo Sanchez, Michiel ten Horn
Drehbuch: Michael Leendertse, Thomas van der Ree, Matthijs Bockting, Pieter van den Berg, Joost Reijmers, Sarah Offringa
Musik: Jesper Ankarfeldt
Kamera: Stephan Polman, Joris Kerbosch
Besetzung: Jade Olieberg, Tobias Kersloot, Lisa Smit, Frieda Barnhard, Hans Kesting, Rifka Lodeizen

Bilder

Trailer

 

 

 

 

 

 



(Anzeige)

Ares – Staffel 1
3.53 (70.5%) 40 Artikel bewerten

Ares – Staffel 1
„Ares“ nimmt uns mit in eine geheime Verbindung, welche die Fäden in den Niederlanden zieht. Das ist als Beispiel moralischer Korrumpierung sehenswert und punktet zudem mit kunstvollen Bildern und guten Horror-Momenten. Das Drehbuch hätte jedoch etwas konkreter und greifbarer sein dürfen, anstatt sich so sehr auf dem Mystery-Aspekt auszuruhen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

3 Responses

  1. Fabian

    Was für eine wahnsinnig ärgerliche Serie.
    Sehr schnell merkt man, dass am Ende bestimmt eine wichtige Botschaft vermittelt werden soll. Natürlich ist dem auch so und natürlich ist das auch eine gute und wichtige Botschaft.
    Aber gerade in der Kunst -was diese Serie ja in jeder verdammten Sekunde hände- und um Fassung ringend sein möchte- rechtfertigt der Zweck nicht immer die Mittel. Oder zumindest nicht alle Mittel, da der Zweck, wie hier geschehen, durch die falschen Mittel kaputt gemacht werden kann.
    Spoiler: Im Kern befasst sich die Serie mit Postkolonialismus, Rassismus und der heutigen (niederländischen) Gesellschaft.
    Es wirkt nur leider so, als hätte man die Relevanz dieser Themen als Schutzschild benutzt, um dahinter allen möglichen Unsinn zu verzapfen! So wahnsinnig viele Szenen und Handlungsverläufe in dieser Serie ergeben keinen Sinn und ich kann nicht anders, als den MacherInnen hier Absicht zu unterstellen. Jede zweite Szene scheint nach dem Prinzip aufgebaut: Wäre es nicht geil, wenn jetzt noch das und das passiert und dann filmen wir es so, das sieht bestimmt hammer aus!
    An den Zweck wurde offensichtlich nicht gedacht, während die Mittel auf Hochglanz poliert wurden.
    Das ist das große Ärgernis an dieser Serie, dass die enorme Relevanz dieser Themen offensichtlich erkannt und analysiert wurde und also auch rein theoretisch ein guter Beitrag dazu hätte entstehen können! Aber vielmehr wird die Relevanz dieser Themen als Maske für die eigene Eitelkeit benutzt.

    Antworten
  2. Barbara Richiger

    Wer auch nur rudimentär eine Ahnung davon hat, dass Europa sein Vermögen im transatlantischen Handel, im Sklavenhandel gemacht hat, erkennt bereits in den ersten Szenen wohin die Reise gehen wird.
    Ungeschickter postkolonialer Versuch der Niederländer, die dunkle Vergangenheit anzuerkennen.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.