Criminal Deutschland Germany Netflix

„Criminal: Deutschland – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 20. September 2019 (Netflix)

An Krimiserien mangelt es Netflix nicht gerade. Zum einen produziert der Streamingdienst selbst fleißig wie zuletzt etwa die Serien Top Boy oder Unbelievable. Und für den Fall, dass das nicht reichen sollte, lizensiert man eben noch den einen oder anderen Titel. Das ist schön für die Fans, führt aber auch dazu, dass man hier – wie so oft – schnell den Überblick verliert, was es eigentlich alles im Angebot gibt. Es braucht da schon einen gewissen Kniff, um einen einzelnen Titel in den Vordergrund stellen zu können und ihn zu etwas Besonderem zu machen. Bei Criminal ist es das komplette Konzept, das immer mal wieder für Schlagzeilen gut war. Nicht nur, dass sämtliche Folgen in einem Verhörzimmer stattfinden, also allein durch Dialoge getragen werden. Die Serie besteht aus lauter Unterserien, die unter einem gemeinsamen Titel vermarktet werden.

Genauer gibt es vier Unterserien, die jeweils in einem anderen Land produziert wurden, mit anderen Regisseuren und Drehbuchautoren, mit einem anderen Ensemble. Das Vereinigte Königreich, Frankreich und Spanien haben jeweils eigene Fassungen gedreht. Auch Deutschland hat drei Folgen beigetragen. Die haben dann nichts mit den Geschichten der Kollegen und Kolleginnen zu tun, was ein wenig den Reiz des Projektes schmälert. Die Chance, eine ambitionierte länderübergreifende Anthologie zu schaffen, mit Gastauftritten und Querverweisen – eine Art Marvel Cinematic Universe als Krimiserie –, wurde erst gar nicht ergriffen. Das Ergebnis ist sehr viel gewöhnlicher als zuvor erhofft.

Viele Elemente, kein Plan
Nicht einmal die einzelnen Episoden innerhalb eines Landes bauen aufeinander auf. Konstanten gibt es natürlich. So führt bei den drei Folgen der ersten Staffel von Criminal: Deutschland bzw. Criminal: Germany jeweils Oliver Hirschbiegel (Das Experiment) Regie. Und auch auf der Polizeiseite gibt es Konstanten, da das Team die drei Geschichten hindurch gleich bleibt. Im Mittelpunkt stehen der von Sylvester Groth verkörperte Polizist, der gerne mal etwas aufbrausender ist und sich ungern an Regeln hält. Ihm gegenüber steht eine schwangere Kollegin, verkörpert von Eva Meckbach, die das Gegenteil darstellt: sanft und regeltreu. Das führt zwangsläufig dazu, dass es ständig zu Reibereien kommt, ohne dass jedoch die Beziehung nennenswerte Fortschritte machen würde. Auch hier gibt es über das Szenario hinaus kein wirkliches Konzept, keinen übergreifenden Plan, keine Entwicklung.

Nun ist das zweifelsfrei vergeudetes Potenzial. Es bedeutet aber nicht zwangsläufig das Todesurteil für eine Krimiserie. Denn die meisten Zuschauer und Zuschauerinnen wird das Drumherum weniger interessieren, so lange das Ergebnis schön spannend ist. Leider enttäuscht Criminal: Deutschland aber auch in der Hinsicht. Am stärksten ist noch die erste Episode. Sie kommt auch einem Krimi am nächsten. Darin wird der von Peter Kurth verkörperte Jochen beschuldigt, an dem rund 30 Jahre zurückliegenden Tod eines Handwerkers beteiligt gewesen zu sein. Dass die Geschichte nicht ganz so eindeutig sein kann, ist klar. Aber erst zum Schluss wird in einer überraschenden Wendung verraten, was es wirklich mit dem Tod auf sich hat. Das ist auch deshalb sehenswert, weil hier die Wiedervereinigung ein großes Thema ist und die Serie darüber spricht, was es bedeutet, nach den Jubelfeiern ein Ossi gewesen zu sein.

Die Katze pennt
Auch die zweite Folge Yilmaz hat etwas zur Gesellschaft beizutragen. Der von Deniz Arora gespielte Titelcharakter mit Immigrationshintergrund wird beschuldigt, die Frau die Treppe hinuntergestoßen zu haben. Erneut gibt es hier einen Twist, der aber viel früher schon erkennbar ist, weshalb die Folge die langatmigste ist – obwohl sie sogar etwas kürzer ist als die anderen. Und auch Claudia zieht sich. Darin spielt Nina Hoss eine bereits vor Jahren beschuldigte Mörderin von sechs Jugendlichen, von denen eine jedoch nie wiedergefunden wurde. Anders als bei den beiden anderen Folgen geht es hier also nicht darum, einen Tathergang zu rekonstruieren. Vielmehr stehen zwei Fragen im Raum: Wird Claudia Jahre später doch noch den Ort verraten, an dem die Leiche vergraben wurde? Und weshalb hat sie die scheußlichen Taten eigentlich begangen? Das sorgt für etwas mehr Spannung, da die Folge die einzige der drei ist, bei der es tatsächlich zu eine Art Duell-Situation kommt. Das Katz-und-Maus-Spiel, mit dem Criminal: Deutschland beworben wird, nur hier trifft es zu.

Insgesamt enttäuschen die drei Folgen dann auch, jeweils auf eine eigene Weise. Befremdlich ist durch und durch, wie schrecklich inkompetent die Polizei hier wirkt, wenn Vorgeschichten nicht überprüft wurden, Nebenfiguren dummes Zeug von sich geben und man viel zu oft den Eindruck hat, dass hier eigentlich niemand weiß, was er tut. Damit einher gehen plötzliche Sinneswandel, die nie plausibel aufgezeigt werden, so wie allgemein die Glaubwürdigkeit fehlt. Da auch die Hauptfiguren nicht unbedingt Gründe liefern, um dabei zu bleiben, sie entweder langweilig oder nervig sind, ist zumindest der deutsche Beitrag zu dem Krimiexperiment keiner, den man unbedingt gesehen haben müsste.



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Criminal: Deutschland – Staffel 1
3.9 (78.1%) 21 Artikel bewerten

Criminal: Deutschland – Staffel 1
Ein paar gute Ideen hat „Criminal: Deutschland“ schon, die sich vor allem auf gesellschaftliche Themen beziehen. Und doch enttäuscht der deutsche Beitrag zur Krimi-Anthologie. Spannend werden die drei Fälle nicht, vieles ist willkürlich, zum Teil ziehen sich die Folgen auch ziemlich. Aus dem interessanten Konzept, alle Geschichten nur in einem Verhörzimmer spielen zu lassen, wird ohnehin nichts gemacht.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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