Kritik

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel L'incredibile storia dell'isola delle rose Netflix

„Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel“ // Deutschland-Start: 9. Dezember 2020 (Netflix)

Einfallsreich war Giorgio Rosa (Elio Germano) schon immer, der Ingenieur liebt es einfach, an den unterschiedlichsten Sachen herumzutüfteln. Doch damit stößt er nicht immer auf Gegenliebe bei den anderen: Seine Freundin Gabriella (Matilda De Angelis) hat ihn verlassen, die Eltern sind enttäuscht, dazu gibt es Ärger mit der Justiz. Und das nur, weil er gerne ein eigenes Leben führen würde, ohne die Regeln der anderen! Da kommt er auf die Idee, wie er genau das erreichen könnte: Er gründet einfach seinen eigenen Staat, indem er bei Rimini außerhalb des italienischen Hoheitsgewässers eine künstliche Insel errichtet. Bald kann er weitere für das Vorhaben gewinnen, darunter Maurizio Orlandini (Leonardo Lidi) und den deutschen Staatenlosen Wolfgang Rudy Neumann (Tom Wlaschiha). Was als ausgelassene Feier beginnt, schlägt jedoch bald beim Nachbarn Italien große Wellen, der so gar nicht amüsiert ist, dass in unmittelbarer Nähe eine anarchistische Gruppe alles in Frage stellt …

Reif für die Insel
Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, auf einer einsamen Insel zu leben, fernab von den Bestimmungen des grauen Alltags, nur seiner inneren Uhr zu folgen und das zu machen, worauf man Lust hat. Für Giorgio Rosa und einige andere wurde dieser Traum im Jahr 1968 tatsächlich Wirklichkeit. Zwar gab es auf der Insel keine Puderzucker-Strände, exotische Palmen oder lauschige Hängematten. Vielmehr glich die Roseninsel, auf die er sein Werk letztendlich taufte, mehr einer Landeplattform. Dafür tanzte dort ein anarchischer Schelm, ganz im Geiste der freiheitsliebenden 68er, überzeugte sich und andere, dass es ein Leben abseits der Regulierungen und Erwartungen gibt – man muss es sich nur schnappen.

Der Netflix-Film Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel erinnert an diesen kuriosen, aber tatsächlich wahren Vorfall, der sich vor über 50 Jahren bei Italien zugetragen hat. Und er tut es mit jeder Menge Humor: Regisseur und Co-Autor Sydney Sibilia inszeniert den Vorfall als Farce, bei der man nicht immer sagen kann, ob man mit dem Kopf schütteln oder laut lachen soll. Schon die Idee, eine künstliche Insel zu schaffen und sie zu einem Staat zu erklären, klingt so bescheuert, dass nicht nur die Figuren im Film, sondern auch das Publikum daheim vor den Bildschirmen erst einmal etwas verdutzt reagieren dürfte. „Die haben was getan? Aber warum? Und dürfen die das überhaupt?“

Letzteres ist eine Frage, die im Film leider unbeantwortet bleibt, auch weil seinerzeit alle so sehr von dieser Situation überfordert waren und die Angst groß vor einem Präzedenzfall war. Denn auch wenn das Ganze eigentlich eine überschaubare Geschichte war, die mehr von einer Kleine-Jungen-Spinnerei hatte als von einem großen politischen Statement, in Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel wird der Vorfall von den Behörden und Regierungen durchaus ernst genommen. Das verstärkt natürlich nur noch mehr die Komik, wenn Krisensitzungen einberufen werden, mit allen Mitteln die unliebsamen Partyleute wieder vertrieben werden sollen, sich sogar der Vatikan und der Europäische Gerichtshof einmischen.

Kuriosität mit satirischen Spitzen
Anders als man zu Beginn denken könnte, ist Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel deshalb auch mehr als eine witzige, letztendlich banale Anekdote, an die sich kaum einer mehr erinnern kann. Vielmehr hat Sibilia immer wieder satirische Elemente eingebaut, um gerade die Politik vorzuführen. Aber auch andere bekommen ihr Fett ab, in dem Film macht praktisch kaum einer eine wirklich gute Figur. Auf der Insel tummeln sich Aufschneider und Aussteiger, Leute, die einfach nur vor der Verantwortung fliehen wollen. Auf der Gegenseite findet man Personen, die sich an ihre Macht klammern und denen Gerechtigkeit eigentlich völlig egal ist. Ein bisschen Korruption, gefälligst? Warum nicht, ist ja für eine gute Sache.

Weniger geglückt ist dabei der emotionale Teil, der hin und wieder eingebaut wird und weswegen der Film eigentlich auch als Tragikomödie verkauft wird. So gibt Elio Germano (Der Mann ohne Gravitation) zwar eine sympathische Darstellung des wenig kompromissbereiten Träumers ab, ganz schlüssig wird seine Figur aber nicht. Da hätte dann doch mehr Arbeit in die sehr oberflächlichen Beziehungen zu den anderen investiert werden müssen. Bei den anderen Aussteigern versucht man nicht einmal, tatsächliche Charaktere zu schaffen, sondern beließ es meistens bei einer Eigenschaft, die dann den ganzen Film über halten muss. Doch auch wenn Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel trotz der gelegentlich pointierten Einblicke in die damalige Zeit und Vorstellungen nicht unbedingt der tiefgründigste Film wurde, die mit viel Augenzwinkern erzählte Komödie macht Spaß und weckt dabei den Wunsch, selbst eine kleine Insel sein eigen zu nennen.

Credits

OT: „L’incredibile storia dell’isola delle rose“
Land: Italien
Jahr: 2020
Regie: Sydney Sibilia
Drehbuch: Sydney Sibilia, Francesca Manieri
Musik: Michele Braga
Kamera: Valerio Azzali
Besetzung: Elio Germano, Matilda De Angelis, Tom Wlaschiha, Luca Zingaretti, Fabrizio Bentivoglio, Leonardo Lidi, François Cluzet, Violetta Zironi, Alberto Astorri

Bilder

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel
„Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel“ erinnert an den wahren Vorfall, als 1968 eine Gruppe von Leuten eine künstliche Insel errichteten und zu einem Staat erklären wollen. Der Film entdeckt in dem Thema vor allem die Komik, die vereinzelt mit satirischen Spitzen einhergeht. Das macht Spaß, auch wenn der Tiefgang sich dann doch in Grenzen hält, gerade bei den Figuren wurde nicht sehr viel getan.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort