22 Juli July Netflix

„22. Juli“ // Deutschland-Start: 10. Oktober 2018 (Netflix)

Als Viljar (Jonas Strand Gravil) und sein Bruder Torje (Isak Bakli Aglen) zur norwegischen Insel Utøya fahren, ahnen sie noch nicht, was sie dort bald erwartet. Denn der geplante Campingtrip mit den anderen Jugendlichen wird zu einer tödlichen Falle: Verkleidet als Polizist taucht der rechtsextreme Anders Breivik (Anders Danielsen Lie) auf und beginnt wahllos auf Menschen zu schießen. Viele sterben, Viljar überlebt nur schwer verletzt. Während er nun nach einem Weg sucht, mit seinem kaputten Körper und seinem Trauma zu leben, arbeitet Brevik mit seinem Anwalt Geir Lippestad (Jon Øigarden) an einer passenden Strategie vor Gericht.

Skandinavien, das war eigentlich immer der Vorzeigeteil Europas. Die Schulen sind besser, die Menschen so friedfertig und glücklich, allen geht es hier irgendwie gut. Vielleicht war es auch deshalb so schockierend, als im Juli 2011 ganze 77 Menschen dem Rechtsextremisten Breivik zum Opfer fielen, erst bei einer Bombe, später bei dem Massaker auf der Insel. Von den mehreren Hundert Verletzten ganz zu schweigen. Wie sollte man mit dieser Tragödie umgehen? Das fragten sich nicht nur Betroffene und Politiker, die gesamte Gesellschaft war auf eine solche Barbarei nicht eingestellt.

Zwei Filme, zwei völlig verschiedene Ansätze
Vielleicht dauerte es auch deshalb sieben Jahre, bis sich Filmemacher dem Thema stellten. Dafür wurde es innerhalb kürzester Zeit gleich zweimal aufgegriffen: Erst stellte sich der Norweger Erik Poppe der Frage, wie ein solches Ereignis auf Film ausgedrückt werden kann. Nun folgte ihm der Engländer Paul Greengrass, hierzulande bekannt für Filme wie Jason Bourne und Captain Phillips. Und es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich die beiden Interpretationen wurden, inhaltlich wie auch formal. Wo Utøya 22. Juli einen unmittelbaren Thriller daraus machte, der den Amoklauf als solchen aus der Sicht eines Opfers rekonstruierte, da geht 22. Juli auf Distanz, interessiert sich vor allem für die Zeit danach. Nach einer halben Stunde ist Brevik bereits gefasst, danach geht es an die Aufarbeitung.

Anders als die norwegische Kleinproduktion, die dem Täter weder ein Gesicht noch einen Namen eingestand, da befasst sich der Netflix-Film ganz ausführlich mit dem Menschen Brevik. Sehr viel weiter kommt Greengrass, der auch am Drehbuch beteiligt war, damit aber nicht. Das einzige, das wir durch seinen Film erfahren, ist dass er krude rechte Gedanken in seinem Kopf trägt und wohl nicht die beste Kindheit hatte. Das allein erklärt aber nicht, wie es zu der bestialischen Tat kommen konnte. Der Film hat dem Allgemeinwissen nichts hinzuzufügen, wagt sich nie wirklich aus der Deckung, um mal tiefer eintauchen zu wollen. Das Ergebnis: Man ist nach 22. Juli so schlau wie zuvor auch.

Die Regeln einer Welt ohne Regeln
Am interessantesten an dem Drama ist noch die Frage, wie mit einem solchen Menschen umzugehen ist. Gelten Regeln und Gesetze auch für Leute, die diese Regeln und Gesetze selbst missachten und für falsch halten? Wie steht es um das Recht auf eine freie Meinungsäußerung, wenn in ihr anderen die Freiheit genommen wird? Dass sich Greengrass dieser Widersprüche und Ambivalenzen bewusst ist, das macht er an vielen Stellen deutlich. Mal sind es seine Figuren, die diesen Konflikt in Worte fassen. Wenn 22. Juli an einer Stelle zeigt, wie Brevik eine medizinische Behandlung seines Fingers einfordert, den er sich am Schädelsplitter eines seiner Opfer geschnitten hat, dann ist das natürlich Provokation – für die Anwesenden wie auch die Zuschauer.

Ansonsten aber meidet 22. Juli, das während der Filmfestspiele von Venedig Premiere feierte, das Risiko. Von Anfang an setzt der Film auf den Kontrast zwischen Viljar und den Täter – auf der einen Seite der vielversprechende Jugendliche, für den das ganze Leben eine Tortur sein wird, auf der anderen der Irre, dessen Wünsche erfüllt werden. Das ist weder subtil noch konstruktiv, auch nicht allzu aufregend – außer für die Zuschauer, die erst gar nicht mit Brevik konfrontiert werden wollen. Lediglich die Auseinandersetzung mit den langfristigen Verletzungen und Narben, die das Massaker hinterlassen haben, heben die Rekonstruktion etwas von den ähnlichen True-Crime-Dramen ab. Aber auch da wäre mehr möglich und wünschenswert gewesen, durch die Beschränkung auf die Zeit bis zu dem Prozess bleibt das hier zu sehr an der Oberfläche und an Allgemeinplätzen kleben.

22. Juli
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22. Juli
„22. Juli“ befasst sich mit dem brutalen Amoklauf, der 2011 nicht nur Norwegen erschütterte. Das Drama versucht anhand der Gegenüberstellung eines Opfers und des Täters die Frage zu beantworten, wie mit einer solchen Tat überhaupt umzugehen ist. Das ist streckenweise interessant, oft aber auch zu plakativ und mutlos.
6von 10

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