Inhalt / Kritik

Two Distant Strangers Netflix

„Two Distant Strangers“ // Deutschland-Start: 9. April 2021 (Netflix)

Eigentlich sah das nach einem guten Tag für Carter (Joey Bada$$) aus. Er hat die Nacht mit der schönen Perri (Zaria Simone) verbracht. Ob das eine Zukunft hat, weiß er zwar noch nicht. Aber der Anfang war schon mal gut. Als er sich auf den Weg zu seiner Wohnung macht, wo sein Hund schon auf ihn wartet, wird er von dem Polizisten Merk (Andrew Howard) aufgehalten. Schnell kommt es zu einer Meinungsverschiedenheit, der NYPD Officer geht mit aller Härte gegen Carter vor, am Ende ist der junge Schwarze tot. Oder vielleicht doch nicht? Kurze Zeit später wacht er wieder neben Perri auf, so als wäre nichts geschehen. Was ihm zunächst wie ein böser Albtraum erscheint, stellt sich aber bald als Zeitschleife heraus, an deren Ende Carter immer von Merk getötet wird …

Der alltägliche Schrecken

Schon bevor die erschreckenden Bilder um den Mord an George Floyd durch die Polizei um die Welt gingen, wurde in Filmen verstärkt das Thema exzessive und rassistisch motivierte Polizeigewalt aufgegriffen. Ob nun der eigenwillige Roadmovie-Mix Queen & Slim oder die Horror-Interpretation Body Cam – Unsichtbares Grauen, immer mehr zum Teil prominent besetzte Werke nehmen sich dieser Problematik an, stecken auf ihre Weise den Finger in die offene Wunde. Durch das Aufflammen der Black-Lives-Matter-Bewegung wird das in Zukunft sicherlich noch zunehmen. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der für einen Oscar nominierte Kurzfilm Two Distant Strangers, der exklusiv auf Netflix zur Verfügung steht.

Travon Free, der das Drehbuch schrieb und gemeinsam mit Martin Desmond Roe Regie führte, wählte jedoch ein ungewöhnliches Genre, um auf den Missstand aufmerksam zu machen. Während die meisten für dieses Thema ein Drama oder auch einen Thriller wählen würden, da nimmt der US-Amerikaner das aus dem Science-Fiction-Bereich bekannte Element der Zeitschleife. Das erfreute sich in den letzten Jahren einer großen Beliebtheit, in den unterschiedlichsten Variationen wurde erzählt, wie Figuren einen Tag oder einen anderen Zeitraum wieder und wieder erleben. Der naheliegendste Vergleich für Two Distant Strangers sind da natürlich Happy Deathday und Matrjoschka. In allen drei Fällen endet die Zeitschleife damit, dass die Hauptfigur stirbt.

Nicht subtil, aber wirkungsvoll

Auch die Reaktionen sind recht ähnlich. Wie seine Leidensgenossinnen versucht Carter, dieser unerfreulichen Situation aus dem Weg zu gehen, sei es indem er sich Merk gegenüber anders verhält, sei es indem er diesem gar nicht erst begegnen will. Doch das Schicksal findet immer seinen Weg, am Ende ist der junge Mann tot, bevor er wieder neben Perri aufwacht. Der Ablauf an sich ist dabei über weite Strecken bekannt, weshalb Two Distant Strangers trotz der kurzen Laufzeit von wenig mehr als 30 Minuten zwischendurch etwas durchhängt. So ganz konnte sich Free auch nicht dazu durchringen, die verschiedenen Todessequenzen tatsächlich mit schwarzem Humor durchzuspielen. Ansätze dazu gibt es zwar. Aber mehr sollte es nicht sein, zu ernst ist am Ende das Thema.

Das Ergebnis ist nicht unbedingt sonderlich subtil, Two Distant Strangers vertraut da mehr dem Holzhammer, um die Nachricht ins Publikum zu prügeln. Gleichzeitig ist es doch sehr effektiv, wie der Kurzfilm die zunehmende Verzweiflung und den Frust von Carter aufzeigt. Denn eigentlich ist es egal, wie er sich verhält, was er tut und was er sagt. Er ist in einem System gefangen, das ihn nicht zufällig tötet, sondern das gezielt in Kauf nimmt, wenn nicht gar so will. Das darf einen betroffen und wütend machen, gerade auch zum Ende hin, wenn Free geschickt mit den Erwartungen des Publikums spielt. Und doch ist der Kurzfilm nicht von Resignation geprägt, sondern versteht sich als Mutmacher. Als Aufforderung, trotzdem gegen das System anzukämpfen, auch wenn die Situation hoffnungslos erscheint. Denn da ist immer der nächste Tag, der es erlaubt weiterzumachen.

Credits

OT: „Two Distant Strangers“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Travon Free, Martin Desmond Roe
Drehbuch: Travon Free
Musik: James Poyser
Kamera: Jessica Young
Besetzung: Joey Bada$$, Andrew Howard, Zaria Simone

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2021 Bester Kurzfilm Nominierung

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Two Distant Strangers
In „Two Distant Strangers“ stirbt ein junger schwarzer Mann durch einen brutalen weißen Polizisten – und das jeden Tag aufs Neue. Der Kurzfilm verknüpft auf originelle Weise das beliebte Zeitschleifen-Element mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zu einem Werk, das zwar nicht subtil ist, aber doch große Wirkung zeigt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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