Kritik

Homemade Netflix

„Homemade – Ausgabe 1“ // Deutschland-Start: 30. Juni 2020 (Netflix)

Ein kleiner Trost der aktuellen Corona-Pandemie: Das Virus interessiert es nicht, welche Hautfarbe man hat, ob man gut aussieht, wie alt man ist, über wie viel Reichtum man verfügt. Erwischen kann es alle. Und auch die Lockdowns, die weltweit eingeführt worden sind, sorgten zumindest in Ansätzen dafür, dass die Menschen sich nähergekommen sind und ähnliche Erfahrungen machen. Sicher, in einer 20-Zimmer-Villa bedeutetet Quarantäne etwas anderes als in einer 3-Zimmer-Wohnung, die man sich mit zehn Familienmitgliedern teilt. Doch das Gefühl der Isolation, von allem getrennt zu sein, was man vorher kannte und für selbstverständlich nahm, das hat schon etwas Verbindendes.

Darin erinnert dann auch Homemade, eine neue Netflix-Anthologie, die ausschließlich aus Kurzfilmen besteht, die während der Quarantäne gedreht wurden. Solche gibt es natürlich massig, irgendwie mussten sich die Leute ja die Zeit vertreiben. Improvisierte Beiträge von Künstlern und Künstlerinnen wurden in den Wochen und Monaten zahlreiche gedreht, um Fans zu trösten und zum Durchhalten zu ermuntern. Das ist meist nett gemeint, aber nicht übermäßig interessant, der Versuch eine Form von Nähe zu suggerieren, ohne sich dabei kreativ nun verausgaben zu müssen. Es wäre daher ein leichtes, die hier gezeigten Kurzfilme vorab schon abzuschreiben. Doch zumindest ein Arthouse-Publikum dürfte hellhörig werden, wenn es erfährt, wer hier so alles beteiligt war: Paolo Sorrentino und Naomi Kawase, Pablo Larraín und Nadine Labaki. Insgesamt 18 Künstler und Künstlerinnen, die meisten namhaft, haben sich daran versucht, auch unter diesen Umständen noch Geschichten zu erzählen.

Von allem etwas
Die Bandbreite ist dabei beachtlich, sowohl inhaltlich wie auch optisch gibt es die unterschiedlichsten Kurzfilme. Eine Reihe davon befassen sich erwartungsgemäß damit, wie das Leben der jeweiligen Filmemacher*innen so aussieht, wenn man die eigenen vier Wände nicht verlassen darf. Eine Art Home Story, wenn man so will. Aber selbst in diesem Rahmen wurde kräftig experimentiert, andere fallen durch sehr persönliche Geschichten auf. Johnny Ma nutzte die Gelegenheit etwa, um seiner Mutter eine filmische Nachricht zu senden, als eine Art Flaschenpost, mit der Hoffnung, dass sie sich wieder aussöhnen werden. Rachel Morrison, oscarnominierte Kamerafrau von Mudbound, wendet sich hingegen an ihren Sohn, dem sie wünscht, dass er dieser Zeit etwas Positives abgewinnen kann. Und auch die Geschichten von Gurinder Chadha (Blinded by the Light) gehen zu Herzen, wenn ihre Familie sich durch die Quarantäne annähert und neu kennenlernt. In eine ähnliche Richtung geht der Short von David Mackenzie (Hell or High Water).

Andere wollten jedoch mehr als reine Alltagsbeobachtungen. Sebastian Schipper (Victoria) und Kristen Stewart (Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen) werden in den selbst inszenierten Kurzfilmen langsam wahnsinnig – er auf eine komische, sie auf eine eher erschreckende Weise. Nadine Labaki (Capernaum – Stadt der Hoffnung) und Khaled Mouzanar lassen ein Kind auf irre Weise improvisieren. Naomi Kawase (Die Blüte des Einklangs) gibt hingegen ihrer esoterischen Ader wieder freien Lauf. Auch der Kurzfilm von Ana Lily Amirpour (A Girl Walks Home Alone at Night), erzählt von Cate Blanchett, hat eine besinnliche Natur, betont die Rolle der Kunst als Möglichkeit des Perspektivenwechsels. Ihr Beitrag ist auch einer visuell aufregendsten der Sammlung, wenn eben mit diesen Perspektiven gespielt wird.

Zwischen Lachen und Singen
Maggie Gyllenhaal (The Dark Knight) betont den Endzeitszenario-Aspekt, wenn auch auf eine humorvolle Weise, bei Antonio Campos (Christine) gibt es Mystery, Sebastián Lelio (Eine fantastische Frau) macht aus Corona ein Home-Musical. Ladj Ly schickt wie in Die Wütenden – Les Misérables eine Drohne auf Reise, um den Alltag in den Banlieues zu zeigen. Paolo Sorrentino (Ewige Jugend) und Pablo Larraín (Jackie) nehmen das Ganze mit Humor, wenn sie jeweils von Mann-Frau-Beziehungen erzählen. Rungano Nyoni (I Am Not A Witch) nimmt mittels sozialer Medien und Handy-Apps eine bereits bestehende Partnerschaft auseinander.

Einen roten Faden gibt es dabei natürlich nicht, weshalb einem Netflix auch die Möglichkeit gibt, sich nach dem Zufallsprinzip die 17 Kurzfilme anzeigen zu lassen. Sie sind zudem so unterschiedlich, dass vermutlich jeder etwas finden dürfte, das ihm gefällt – und Werke, die einem so gar nicht zusagen. Sich alle am Stück anzuschauen, ist dennoch nicht ganz zu empfehlen, dafür sind es einfach zu viele, das wird irgendwann ermüdend und wird dem Einzelwerk nicht ganz gerecht. Aber es gibt doch genügend interessante Ansätze, welche die Quarantäne nicht vergessen lassen, dafür im Sinne von Amirpour neue Perspektiven auf das Leben ermöglichen.

Credits

OT: „Homemade“
Land: Chile, Italien
Jahr: 2020
Regie: Ladj Ly, Paolo Sorrentino, Rachel Morrison, Pablo Larraín, Rungano Nyoni, Natalia Beristáin, Sebastian Schipper, Naomi Kawase, David Mackenzie, Maggie Gyllenhaal, Nadine Labaki, Khaled Mouzanar, Antonio Campos, Johnny Ma, Kristen Stewart, Gurinder Chadha, Sebastián Lelio, Ana Lily Amirpour
Drehbuch: Al Hassan Ly, Ladj Ly, Paolo Sorrentino, Rachel Morrison, Pablo Larraín, Reto Caffi, Besa Chisanga, Susan Eigbefoh, Gabriel Gauchet, Mubanga Kalimamukwento, Ndaba Mazibuko, Rungano Nyoni, Natalia Beristáin, Sebastian Schipper, Naomi Kawase, David Mackenzie, Maggie Gyllenhaal, Nadine Labaki, Khaled Mouzanar, Brady Corbet, Mona Fastvold, Antonio Campos, Johnny Ma, Kristen Stewart, Kumiko Chadha Berges, Ronak Chadha Berges, Gurinder Chadha, Paul Mayeda Berges, Sebastián Lelio, Ana Lily Amirpour
Besetzung: Al Hassan Ly, Jaime Vadell, Mercedes Morán, Sebastian Schipper, Mitsuki, Peter Sarsgaard, Christopher Abbott, Kristen Stewart, Cate Blanchett

Trailer

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Homemade – Ausgabe 1
4.1 (82%) 10 Artikel bewerten

Homemade – Ausgabe 1
In insgesamt 17 Kurzfilmen toben sich Künstler und Künstlerinnen aus aller Welt aus, erzählen Alltagsgeschichten aus ihrer Corona-Quarantäne, spinnen manchmal auch genüsslich herum. Die Bandbreite ist dabei groß, inhaltlich wie auch visuell, weshalb sich zumindest mal das Durchzappen lohnt, um die verschiedenen Ansätze kennenzulernen.
7von 10

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