Kritik

Plagi Breslau Die Seuchen Breslaus Netflix

„Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus“ // Deutschland-Start: 22. April 2020 (Netflix)

Der Fund war ebenso bizarr wie abscheulich: ein Mann, eingenäht in Rindsleber, das ihn beim Trocknen zu Tode gequetscht hat. Woher das Leder kommt, das findet die ermittelnde Polizistin Helena Rus (Malgorzata Kozuchowska) schnell heraus. Aber warum sollte jemand einen derart furchtbaren Mord verüben? Und es bleibt nicht bei diesem einen, jeden Tag wird eine neue Leiche gefunden, aufs Fürchterlichste zugerichtet. Gemeinsam mit ihrer neuen Kollegin Magda (Daria Widawska) begibt sie sich auf die Suche nach dem Täter. Während der Druck der Öffentlichkeit immer größer wird, auch wegen der sensationslüsternen Presse, tauchen sie immer tiefer in die Geschichte der Stadt ein …

Bei Netflix steht bekanntlich Quantität über allem: Das Publikum soll durch eine Flut von Neuerscheinungen gar nicht erst in Versuchung kommen, das Programm zu wechseln, abzuschalten oder – schlimmer noch – das Abonnement zu kündigen. Zu diesem Zweck produziert der Streamingdienst seit einer Weile schon eigene Titel in Massen, kauft zudem gerne größere Lizenzfilme ein, um auch mit bekannten Nahmen protzen zu können. Zusätzlich gehen die US-Amerikaner aber auch gerne auf Shoppingtour und besorgen sich die Rechte kleinerer Produktionen aus aller Welt, die anschließend als Netflix Original vermarktet werden.

Eine Leiche, wie man sie nur selten sieht
Der Weg führte dabei auch hin und wieder nach Polen, mit dem historischen Thriller The Coldest Game und der Krimiserie Im Sumpf kamen dieses Jahr bereits zwei düstere, etwas ältere Werke zu neuem Streamingruhm. Ähnliches verspricht man sich wohl von Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus, das eigentlich schon 2018 fertig gestellt wurde, aber erst jetzt dank Netflix den Weg zu uns findet. Erneut darf es hier um Abgründe gehen und um große Gefahr. Anders als die beiden obigen Kollegen fackelt dieser Film aber nicht lange. Schon zum Einstieg sehen wir die besagte Leiche und die sie umgebende Lederhaut, welche indirekt zum Tod geführt hat. Zur Einstimmung macht das einiges her, einen derart bizarren Mord sieht man nur selten.

Anders als der zeitgleich veröffentlichte Thriller Das Schweigen des Sumpfes, der ebenfalls mit einem eindrucksvollen Mord beginnt, ist das hier jedoch nur der Auftakt. Zeit zum Luftholen ist kaum, Regisseur und Drehbuchautor Patryk Vega konfrontiert das Publikum in kurzem Abstand mit immer neuen Todesfällen. Die sind dann vielleicht nicht immer so originell wie der zu Beginn, dafür aber ausgesprochen brutal. Tatsächlich ist der Film so explizit, dass die Freigabe ab 18 mehr als gerechtfertigt ist. Manches ist so grausam, dass das Werk Saw sehr viel näher steht als einem herkömmlichen Krimi. Wem also besagtes Im Sumpf zu gemächlich und zurückhaltend war, hier wird bewiesen, dass es in Polen auch ganz anders zugehen kann.

Bekanntes Vorbild mit seltsamen Folgen
Wobei der naheliegendste Vergleich ohnehin Sieben ist. Die ausgefallenen Morde, die Regelmäßigkeit und Vorgehensweise, aber auch die gesellschaftskritische Note erinnern schon frappierend an den Klassiker. Das gilt leider auch für die Ermittlungen, die in beiden Fällen nur ein Mittel zum Zweck sind, in hohem Tempo beiseitegeschoben werden, damit es weiter zur nächsten Leiche gehen kann. Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus ist in der Hinsicht noch mal ein ganzes Stück kaltschnäuziger. Da wird derart unbekümmert von Thema zu Thema gesprungen, von Spur zu Spur, als würden wir hier die Zusammenfassung einer Serie sehen, keinen Spielfilm. Es ist noch nicht einmal so, dass ein Roman zugrunde liegen würde, der einfach zu lang war für neunzig Minuten. Nein, das Drehbuch ist einfach nur schlampig.

Das hat dann Vor- und Nachteile. Langweilig wird es bei dem Affentempo nicht. Der Film ist auch nicht wirklich vorhersehbar, denn das würde voraussetzen, dass die Geschichte und die Handlung irgendwie Sinn ergeben würden. Tun sie aber meistens nicht. Andererseits reißt einen das eben auch immer wieder aus dem Geschehen, wenn man mehr über die holprige Willkürlichkeit nachdenkt als über alles andere. Aber auch die Figuren tragen dazu bei, dass Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus irgendwie immer irgendwie seltsam ist. Hauptfigur Helena läuft durch die Gegend, als wäre sie völlig verkatert, ein Kollege macht Selfies mit Leichen, der Staatsanwalt ist mehr mit Niesen als mit Arbeiten beschäftigt – Heuschnupfen. Das ist oft ein wenig skurril, dem skandinavischen Kino nicht unähnlich, ohne dass daraus je ein schlüssiges Konzept würde. Spannend ist das selten, auch nicht so abgründig wie erhofft, aber doch immerhin ungewöhnlich genug, dass man bis zum völlig überzogenen Ende dranbleibt.

Credits

OT: „Plagi Breslau“
Land: Polen
Jahr: 2018
Regie: Patryk Vega
Drehbuch: Patryk Vega
Musik: Lukasz Targosz
Kamera: Miroslaw Brozek
Besetzung: Malgorzata Kozuchowska, Daria Widawska, Katarzyna Bujakiewicz, Maria Dejmek, Andrzej Grabowski

Bilder

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Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus
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Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus
„Plagi Breslau – Die Seuchen Breslaus“ folgt beliebten Thriller-Vorbildern, wenn jemand auf bizarre Weise Menschen ermordet und für Vergehen bestraft. Die Geschichte und die Ermittlungen sind dabei jedoch schnell Nebensache. Dafür sticht der polnische Film durch überraschend brutale und explizite Morde hervor, ist zudem an vielen Stellen derart willkürlich und überhastet, dass man kaum mehr weiß, wie einem geschieht.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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