Kritik

The Life Ahead La vita davanti a sé The Life Ahead Netflix

„Du hast das Leben vor dir“ // Deutschland-Start: 13. November 2020 (Netflix)

Früher einmal, da arbeitete Madame Rosa (Sophia Loren) als Prostituierte. Doch das liegt lange zurück. Dafür kümmert sie sich heute um die Kinder anderer Prostituierten, die kein Zuhause mehr haben. Eines Tages bittet Doktor Coen (Renato Carpentieri) sie, den 12-jährigen Momò (Ibrahima Gueye) aus dem Senegal bei sich aufzunehmen. Zunächst ist sie wenig von der Idee angetan, zumal die erste Begegnung der beiden etwas ruppig verlief. Am Ende willigt sie aber doch ein. Von Frieden ist dennoch keine Spur. Immer wieder sorgt Momò für Ärger, auch durch seinen Drogenverkauf, dem er weiter unbeirrt nachgeht. Gleichzeitig entwickelt er Interesse für die alte Frau, die ein Geheimnis in sich zu tragen scheint und immer wieder im Keller verschwindet, den außer ihr niemand betreten darf …

Gegen Ende des Jahres gibt es bei Netflix immer verstärkt düstere Stoffe, gerade zu Halloween, in Verbindung mit jeder Menge Familienunterhaltung, damit die Menschen zu Weihnachten auch brav daheim vor den Fernsehern sitzen. Der dritte große Posten sind die Filme, die man zu Beginn der Award Season veröffentlicht und von denen man sich erhofft, sie mögen doch den einen oder anderen Preis nach Hause bringen und damit jede Menge Prestige. Dazu zählt auch Du hast das Leben vor dir. Der Film mag dabei nicht an vorderster Front stehen, italienische Produktionen tun das international nur noch selten. Zumindest aber bei Hauptdarstellerin Sophia Loren munkeln manche, dass da doch noch eine späte Würdigung fällig wäre.

Eine preisgekrönte Vorgeschichte
Zu verdanken hat sie dies ihrem Sohn Edoardo Ponti, der bei ihrem ersten Langfilm seit zehn Jahren Regie führte und am Drehbuch mitschrieb. Die Geschichte selbst geht jedoch auf jemand anderen zurück, genauer auf Romain Gary. Der französische Schriftsteller hatte den Roman 1975 veröffentlicht, damals unter dem Pseudonym Emile Ajar, und dafür den Prix Goncourt erhalten, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs. Und auch die erste Verfilmung aus dem Jahr 1977 erhielt diverse Preise, beispielsweise den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Keine schlechte Vorgaben also. Anstatt jedoch eine reine Adaption des bekannten Stoffes abzuliefern, verlagerte Ponti die Handlung ins heutige Italien, machte aus dem algerischen Jungen einen Senegalesen und veränderte auch sonst einiges am Inhalt.

Das Grundgerüst ist dafür natürlich schon gleich geblieben. Noch immer geht es um eine ehemalige Prostituierte, die traumatische Erinnerungen an den Holocaust in sich trägt, und einen Jungen, der sich als Ausländer alleine durchs Leben schlägt. Zwei Menschen also, die Außenseiter der Gesellschaft sind, denen zum Teil übel mitgespielt wurde, die es aber schaffen sich gegenseitig Halt zu geben. Dafür heißt es jedoch erst einmal, diverse Hindernisse zu überwinden und Vertrauen aufzubauen – ein Punkt, der beiden aufgrund ihrer Erfahrungen schwer fällt. Dass ihnen das am Ende gelingen wird, steht dabei außer Frage. Du hast das Leben vor dir folgt da brav der filmischen Tradition, zwei möglichst unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen zu lassen, nur um diese dann allmählich annähern zu lassen.

Zu viele Themen, zu wenig Zeit
Leider hatte es Ponti dabei jedoch recht eilig. Tendenziell sind Netflix-Produktionen bekanntlich eher zu lang als zu kurz, dehnen Geschichten unnötig auf, weil sie entweder kein Gespür für inhaltliche Balance haben oder der Meinung sind, eine bestimmte Länge erreichen zu müssen – egal wie. Du hast das Leben vor dir hat das gegenteilige Problem: Die rund anderthalb Stunden sind letztendlich zu kurz, um den vielen Themen gerecht zu werden. Der Unterschied zwischen den Religionen, der Handel mit Drogen, die Holocaust-Erfahrungen von Madame Rosa, die familiären Bindungen der anderen, all das wird nur angeschnitten. Das größte Versäumnis ist aber, dass dem Verhältnis zwischen Rosa und Momò so wenig Zeit eingeräumt wird, die Freundschaft zwischen ihnen irgendwann einfach da ist, ohne dass man genau wüsste, wie es dazu kam.

Dafür gibt es eine Reihe starker Einzelmomente in dem Drama. Sophia Loren macht wie erwartet Spaß als unnachgiebige Überlebende, ein Felsen, der langsam zu zerbröckeln beginnt. Vor allem aber Ibrahima Gueye begeistert und stellt sich als echte Entdeckung heraus. Sowohl in den Szenen, in denen er den typischen Alles-Abblocker mimt, wie auch den Momenten des Glücks, wenn Momò die ganze Welt offen zu stehen scheint, beweist er Talent. Der grundsätzliche Einsatz von Du hast das Leben vor dir für all die Außenseiter da draußen, die sich durchs Leben schlagen, der ist ohnehin sympathisch, kommt dabei auch ohne den großen Kitsch aus, den eine solche Geschichte immer befürchten lässt.

Credits

OT: „La vita davanti a sé“
IT: „The Life Ahead“
Land: Italien
Jahr: 2020
Regie: Edoardo Ponti
Drehbuch: Edoardo Ponti, Ugo Chiti
Vorlage: Romain Gary
Musik: Gabriel Yared
Kamera: Angus Hudson
Besetzung: Sophia Loren, Ibrahima Gueye, Renato Carpentieri, Abril Zamora, Asghar Farhadi, Iosif Diego Pirvu, Simone Surico

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Du hast das Leben vor dir
In „Du hast das Leben vor dir“ treffen eine ehemalige Prostituierte, die noch das Holocaust-Trauma in sich trägt, und ein ausländischer Waisenjunge aufeinander. Die Romanadaption ist eine im Grunde sympathische und auch gut gespielte Würdigung von Außenseitern, die immer wieder starke Momente hat, sich allerdings nicht die Zeit nimmt, um die diversen Themen und Figuren zu vertiefen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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