„Mute“, UK/Deutschland, 2018
Regie: Duncan Jones; Drehbuch: Duncan Jones, Michael Robert Johnson; Musik: Clint Mansell
Darsteller: Alexander Skarsgård, Paul Rudd, Justin Theroux, Jannis Niewöhner, Seyneb Saleh

Mute

„Mute“ ist seit 23. Februar 2018 auf Netflix zu sehen

Seit seiner Kindheit schon kann Leo Beiler (Alexander Skarsgård) nicht mehr sprechen, ein Unfall verletzte damals seine Kehle schwer. Eine Operation kam für seine religiöse Familie aber nicht in Frage. Inzwischen ist er erwachsen und arbeitet als Barkeeper in einem Nachtclub. Mit Technik kann er jedoch nach wie vor nicht viel anfangen. Wäre da nicht seine Freundin Naadirah (Seyneb Saleh), die ebenfalls dort arbeitet, er hätte überhaupt keinen Bezug zu der Welt da draußen. Als die eines Tages spurlos verschwindet und sich niemand für ihr Schicksal interessiert, entschließt er sich, selbst nach ihr suchen und stößt dabei auf die beiden Chirurgen Cactus Bill (Paul Rudd) und Duck Teddington (Justin Theroux).

Es ist oft ein kleiner Fluch, wenn Künstler schon mit dem Debüt Großes vollbringen, schließlich wird jedes Folgewerk dann an diesem gemessen. Je höher die geschürten Erwartungen, umso höher auch das Risiko enttäuschter Erwartungen. Siehe Duncan Jones. Der hatte mit dem Indie-Science-Fiction-Film Moon ein Werk geschaffen, das weltweit von den Kritikern gefeiert wurde. Auch Film Nummer zwei, der Zeitschlaufenthriller Source Code, traf auf viel Zuspruch und war zudem ein beachtlicher Erfolg an den Kinokassen. Und dann kam Warcraft: The Beginning, eine ebenso verspätete wie fürchterliche Adaption der bekannten Computerspiele. Nur ein Ausrutscher? So die Hoffnung. Mit dem vierten Werk Mute sollte der Schandfleck vergessen gemacht werden. Denn hier kehrt er zu den Science-Fiction-Anfängen zurück. Mehr noch, Mute sollte sogar an Moon anschließen und der zweite Teil einer Trilogie sein.

Die Zukunft ist deutsch … ein bisschen
Die gute Nachricht: Mute ist tatsächlich interessanter als das hanebüchene Fantasy-Abenteuer. Die schlechte Nachricht: Qualitativ hat sich Jones nicht viel nach oben verbessert. Schön fängt er an, der Ausflug in das Jahr 2052. Dass der Regisseur und Filmemacher sich des Öfteren Blade Runner angeschaut hat, das versucht er nicht einmal zu verbergen. Anstatt wie dort eine asiatisch beeinflusste Zukunftsversion von Los Angeles zu schaffen, suchte er sich hier jedoch Berlin als Standort aus. Deutsche Zuschauer wird das freuen. Nicht nur, dass wir hier immer wieder deutsche Straßenschilder oder Beschriften sehen, es wird auch – selbst im englischen Original – viel auf Deutsch gesprochen. Von deutschen Schauspielern wohlgemerkt. So hat unter anderem Jannis Niewöhner eine ausgedehnte Nebenrolle.

Auswirkungen auf die Geschichte hat das jedoch kaum eine. Warum auch? Die Hauptfigur selbst ist stumm, Cactus Bill ein Amerikaner. Mehr als eine kuriose Randerscheinung sind Standort und die Sprachfetzen nicht. Leider gilt das für nahezu jedes Thema, das Mute zwischendrin anschneidet. Ein Protagonist, der aus einer technophoben Amish-Familie stammt, das ist sicher ein reizvoller Kontrast zu einer völlig technologiedominierten Welt. Jones interessiert sich aber kaum dafür. Auch dass Leo stumm ist, hat keinen wirklichen Einfluss auf das Geschehen, bis auf eine Hand voll Zettel, die er schreibt. Themen wie Pädophilie oder Roboter, die zu sexuellen Zwecken entworfen wurden, die werden so plötzlich eingeführt, wie sie wieder fallengelassen werden.

Diese einzelnen Elemente fügen sich zu einer Welt zusammen, über die man tatsächlich gern mehr erfahren würde, von der man gern mehr sehen würde. Doch genau das tut Mute nicht. Stattdessen folgen wir knapp zwei Stunden lang einem persönlichkeitsbefreiten Hünen, der seine Freundin sucht. Typisches B-Movie-Material, in Videotheken finden sich solche mit Ex-Promis besetzten Actionfeldzüge am laufenden Band. Nur sind die Darsteller hier tatsächlich prominent. Und talentiert. Sehr viel Action gibt es dafür nicht. Wenn den hier doch mal etwas passiert, dann fühlt sich das fast schon wie ein Versehen an. Ein Fremdkörper, so wie alles hier fremd bleibt. Oder auch befremdlich.

Zwischen Ärger, Langeweile und Verblüffung
Lange hat Jones an diesem Film gearbeitet, ein richtiges Herzensprojekt soll es gewesen sein. Es wollte sich nur keiner finden, der Geld dafür ausgibt, bis Mute dann doch noch auf dem Streaming-Dienst Netflix landete. Für den Filmemacher war das sicher schön, seinen Traum doch noch umsetzen zu können. Als Zuschauer überwiegt dann aber doch die Enttäuschung, wie hier interessante Konzepte und diverse Talente unnötig vergeudet werden.

Der sonst auf sympathische Rollen abonnierte Paul Rudd bleibt sicher als cholerischer Brutaloantagonist in Erinnerung, Justin Theroux in der Rolle eines Hippiechirurgen hat ebenfalls etwas. Darüber hinaus erfreut das eine oder andere retro-futuristische Szenenbild das Auge, wenngleich nicht in dem Maße wie bei Ghost in the Shell – von Blade Runner 2049 ganz zu schweigen. Es ist noch nicht einmal so, dass man sich unbedingt wahnsinnig über den Science-Fiction-Thriller aufregen müsste. Denn dafür ist er schlicht zu langweilig und nichtssagend. Er ist vielmehr Anlass für Verwirrung. Verwirrung darüber, wie Jones so viel in einen Film packen und dabei die grundsätzliche Geschichte derart aus den Augen verlieren konnte. Verwirrung auch, was genau es war, das der Amerikaner hier überhaupt hat erzählen wollen.

Mute
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Mute
Die Zukunft ist düster, sie ist bunt, aber auch irgendwie ziemlich nichtssagend. Ideen hat „Mute“ sicherlich genug, immer wieder deuten sich hier Elemente an, aus denen eine spannende Welt hätte werden können. Diese Elemente werden aber nie ausgebaut, sind oft nur willkürliche Störfeuer, während die eigentliche Geschichte vergessen wurde. Das kann man sich für die Bilder und einige der Darsteller ansehen, ein tatsächlich spannender Film sieht aber anders aus.
4von 10

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