Inhalt / Kritik

Das Leben ist wie ein Stück Papier Kagittan Hayatlar Netflix

„Das Leben ist wie ein Stück Papier“ // Deutschland-Start: 12. März 2021 (Netflix)

Mehmet (Çagatay Ulusoy) hatte es nie besonders leicht im Leben. Geld gab es in seiner Familie nie, auch Zuneigung war Mangelware, er wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Das hat er bis heute, da er jetzt ein erwachsener Mann ist, nie vergessen. Und so versucht er anderen zu helfen, die in einem ärmlichen Viertel Istanbuls ums Überleben kämpfen. Eines Tages lernt er dabei den achtjährigen Ali (Emir Ali Dogrul) kennen, den jemand in einen Müllsack gesteckt hat. Für Mehmet steht sofort fest, dass er sich um den Jungen kümmern und ihm eine Perspektive geben muss. Sein Ziel: ihn wieder mit seinen Eltern vereinen. Einfach ist das jedoch nicht, da ihm Ali selbst nicht so genau sagen kann, wo er herkommt …

Bedrückender Blick auf Istanbuls Straßen

In den letzten Jahren hat Netflix ein ganz ordentliches Sortiment an Titeln aus der Türkei aufgebaut. Ob es nun die Thrillerserie 50 m2 ist um einen Killer, der seiner Vergangenheit nachspürt, oder auch Atiye – Die Gabe um mysteriöse Fähigkeiten und alternative Welten, man konnte da schon ein bisschen was für sich entdecken. Dazu gesellen sich ein paar Komödien und das eine oder andere Drama. In letztere Schublade darf man auch den Film Das Leben ist wie ein Stück Papier stecken, der zwar mit einem sehr poetischen Titel lockt, diesen aber mit einem alles andere als poetischen Inhalt füllt. Vielmehr bekommen wir hier einen Einblick in Existenzen, denen mit dem Adjektiv „gescheitert“ noch geschmeichelt wäre.

Dass Regisseur Can Ulkay keine besonders glückliche Geschichte zu erzählen hat, das wird recht schnell deutlich. Die Einstiegsszene zeigt schließlich einen jungen Mann in einem schicken Auto, der unseren Protagonisten fast über den Haufen fährt, während dieser mühselig Müll einsammelt. Eine der wenigen Methoden, um in dem Viertel zu überleben. Größer könnte der Kontrast kaum sein. Und auch kaum symbolischer, wenn in das Leben von Menschen eintauchen, die versteckt in den Schatten von dem leben, was andere nicht mehr haben wollten. Eigentlich lässt das ein Sozialdrama erwartet. Doch auch wenn Das Leben ist wie ein Stück Papier natürlich immer wieder diese Richtung einschlägt, so ganz stimmt diese Kategorisierung nicht.

Zwischen Dreck, Freundschaft und Geheimnis

Das liegt zunächst an dem Jungen, der dort auftaucht. Ist Das Leben ist wie ein Stück Papier zunächst das Porträt eines Lebens auf der Straße, wandelt sich der türkische Film dann in ein Drama, das vor allem der Freundschaft gewidmet ist. Filme in diese Richtung gibt es natürlich einige. In Bruno zum Beispiel waren es ein Obdachloser und ein Junge, die sich zusammentun, um einen Hund zu finden. Im direkten Vergleich ist das Setting hier aber stärker integriert. Der Netflix-Titel versucht zumindest, die verschiedenen Stränge und Themenbereiche sinnvoll miteinander zu kombinieren. Mal sehen wir einen schönen Moment zwischen den beiden, dann sehen wir wieder das Elend, dazwischen geht es oft um die Familie, die in beiden Fällen nicht unbedingt Vorbildfunktion hat.

So ganz schlau wird man auf dieser Mischung jedoch nicht. Da darf man sich doch immer mal wieder fragen, worauf das Ganze denn hinauslaufen soll. Zumal sich früh noch das Gefühl einschleicht, dass irgendetwas an der Geschichte nicht stimmt. Dieses Gefühl bewahrheitet sich später dann auch. Offensichtlich wollte man bei Das Leben ist wie ein Stück Papier doch ein bisschen mehr als „nur“ ein Drama. Einen wirklichen Gefallen tat man sich damit aber nicht. Was wohl als überraschende Wendung geplant war, wird von einem einigermaßen filmerfahrenen Publikum viel zu früh erkannt. Auch deshalb, weil die Idee selbst ziemlich abgenutzt ist. Schlimmer noch aber: Es hätte das so gar nicht gebraucht. Der Geschichte und den Aussagen wird auf diese Weise nichts hinzugefügt. Man wollte wohl nur noch ein bisschen mehr Tragik drin haben, was sich auch an der schrecklich aufdringlichen und manipulativen Musik zeigt.

Stylische Bilder abseits der Wirklichkeit

Bei der Optik machte man ebenfalls mehr, als unbedingt nötig gewesen wäre. Tatsächlich tragen die ausgesprochen stylischen Bilder sogar zu der Irritation bei, was der Film denn nun genau sein sollte. Schön sind sie, die Aufnahmen der von Armut geprägten Straßen. Nur eben zu schön, wenn es darum ging aufzuzeigen, wie sich ein solches Leben anfühlt. Das Leben ist wie ein Stück Papier hat immer etwas Unwirkliches an sich, so als würde nichts von dem, was hier geschieht, auch in der Realität geschehen. Schlecht ist der Film deswegen nicht. Es gibt immer wieder sehenswerte Momente, die entweder auf einen irrlichternden Çagatay Ulusoy zurückgehen oder auf die besagten starken Bilder. Aber es ist schon bedauerlich, dass das Drama in dem Bestreben mehr zu sein am Ende weniger ist, als es hätte sein können.

Credits

OT: „Kagittan Hayatlar“
IT: „Paper Lives“
Land: Türkei
Jahr: 2021
Regie: Can Ulkay
Drehbuch: Ercan Mehmet Erdem
Musik: Ömer Özgür
Kamera: Serkan Güler
Besetzung: Çagatay Ulusoy, Emir Ali Dogrul, Ersin Arici, Turgay Tanülkü, Selen Öztürk

Bilder

Trailer

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Das Leben ist wie ein Stück Papier
In „Das Leben ist wie ein Stück Papier“ nimmt sich ein aus armen Verhältnissen stammender Mann eines kleinen Jungen an, den er in einem Müllsack entdeckte. Was als Sozialdrama beginnt wird zu einer irritierenden Mischung aus Milieuporträt, Wohlfühlfreundschaft und Familiengeheimnis. Das punktet mit stylischen Bildern und einem faszinierenden Hauptdarsteller, verläuft sich aber in der Konzeptlosigkeit.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

4 Responses

  1. Corinna

    Mich hat dieser Film sehr berührt.
    Die Charaktere sind meiner Meinung nach sehr gut dargestellt und getroffen. Es wird einem ein Einblick in das echte Leben gegeben. Natürlich kann man wegsehen oder sich nicht damit beschäftigen aber so ist es nun mal und das nicht nur in der Türkei, auch in vielen anderen Ländern. Denken wir an die Schlagzeilen von 2010mit dem 5 jährigen Kind. Unfassbar! Solche Schicksalsschläge gibt es leider zu oft, auf der ganzen Welt. Ich finde der Film ist gut gelungen.

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  2. Jennifer

    Ich fand den Film sehr gut! Und traurig, so traurig dass ich sogar weinen musste bei der scene als die Mutter ihren Sohn in den Wagen packt.

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  3. Sommerburg

    das ist türkische dramatik. türkische art filme zu machen,…einfach menschen in ihren sozialen verbänden im kampf ums überleben darstellen, nichts weiter. so ein leben kann man sich natürlich im überflußdeutschland mit seinem als normal empfundenen konsumverhalten und seiner sozialen absicherung nicht vorstellen… wir finden den film ausgesprochen gelungen, denn er zeigt charaktere, die es in ihrer armut und armseeligkeit tatsächlich und wirklich in fast jeder grösseren stadt der türkei gibt.

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  4. Musa

    Ich muss sagen, ich habe den Film anscheinend mit ganz anderen Augen gesehen. Mein Mann hat selbst jahrelang in Istanbul gelebt und es ist Alltag, dass dort Kinder dieser Tätigkeit nachgehen, dass sie von ihren Familien Gewalt erfahren, auf sich allein gestellt sind und kaum Möglichkeiten auf sozialen Aufstieg haben. Dieser extreme Kontrast in dieser wunderschönen Stadt aber oft sehr grausamen Stadt existiert tatsächlich, auch wenn es hier in Deutschland vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Eine Geschichte zu erzählen, in der der Protagonist versucht, sich ein anständiges Leben aufzubauen und anderen zu bieten, indem er den Müll anderer aufsammelt, finde ich an keiner Stelle konzeptlos oder abgenutzt, sondern ein absolutes Novum. Ich denke, dass der Titel nicht nur auf die Tätigkeit referiert, sondern auch auf die psychische Zerbrechlichkeit von Personen, die wir wahrscheinlich niemals wahrnehmen würden, würden wir solche Geschichten nicht hören. Ich bin kein Fan von theatralischer Dramatik, aber eine Geschichte von Kindern, die alleine auf der Welt sind und die auch niemand haben möchte, kann wohl kaum nicht-dramatisch dargestellt werden und diese Geschichten gibt es leider sehr oft in der Welt, von daher empfand ich die Darstellung absolut nicht übertrieben, sondern sehr gelungen.

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