Inhalt / Kritik

Midnight Mass Netflix

„Midnight Mass“ // Deutschland-Start: 24. September 2021 (Netflix)

Mehrere Jahre verbrachte Riley Flynn (Zach Gilford) im Gefängnis, nachdem er betrunken einen Unfall verursachte, in dessen Folge eine junge Frau ums Leben kam. Nun ist er zurück in seiner Heimat, eine kleine Inselgemeinde. Nicht alle sind glücklich über die Rückkehr des jungen Mannes. Während seine streng gläubige Mutter Annie (Kristin Lehman) alles dafür tut, um ihn wieder zu einem Teil der Gemeinde zu machen, und auch seine frühere Freundin Erin Greene (Kate Siegel) ihn willkommen heißt, tun sich andere schwer mit seiner Anwesenheit. Dafür ist ein anderer Neuankömmling umso lieber gesehen: Paul Hill (Hamish Linklater), der als Priester der kleinen Kirche St. Patrick den in die Jahre gekommenen Monsignor Pruitt ersetzen soll, während der unterwegs ist. Mit seinen begeisternden Reden nimmt er die Leute schnell für sich ein, besonders Bev Keane (Samantha Sloyan), die mit großem Eifer ihren christlichen Glauben verbreitet. Gleichzeitig kommt es zu eigenartigen Vorkommnissen, in mehr als einer Hinsicht …

Der Spezialist für Horrordramen ist zurück

Mike Flanagan hat sich innerhalb weniger Jahre als einer der Horror-Regisseure schlechthin etabliert. Dabei kann man sich bei vielem, das er tut, durchaus fragen, ob das überhaupt noch Horror ist. Tatsächlich nehmen in seinen Werken die Figuren und deren Geschichten einen derart großen Raum ein, dass der eigentliche Schrecken oft zweitrangig wird. Schon bei Spuk in Hill House, eine sehr freie Adaption von Shirley Jacksons Gruselklassiker, waren die Geisterszenen und das Drama um eine traumatisierte Familie mehr oder weniger gleichberechtigt. Bei der zweiten von ihm konzipierten Serie Spuk in Bly Manor – diesmal stand Das Drehen der Schraube von Henry James Pate – verschob sich die Gewichtung deutlich in Richtung Drama. Insofern durfte man neugierig sein, wie es wohl bei seiner dritten Netflix-Serie Midnight Mass aussehen würde, umso mehr, da hier ausnahmsweise mal kein Buch adaptiert wurde, sondern es sich um ein Original-Werk handelt.

Wobei literarische Einflüsse durchaus zu spüren sind. Gerade der Vergleich zu Stephen King drängt sich auf, dessen Bücher Flanagan schon mehrfach adaptiert hat. Wie beim Großmeister des Horrors sind wir hier bei einer kleinen Gemeinde zu Gast, in der das Böse Eingang findet. Ein Böses, das sehr viel älter ist als die Menschen und sich in den Schatten ausbreitet. Midnight Mass spielt jedoch nicht in einer dieser typischen US-amerikanischen Vorstädte, die King so gern als Setting verwendet. Stattdessen befinden wir uns auf einer kleinen Insel, die recht weit entfernt vom Festland ist. Als Schauplatz ist so etwas natürlich immer dankbar, vor allem wenn wir uns im Genrebereich bewegen. Schließlich gibt es kaum einen Ort, der vergleichbar gut dazu geeignet ist, das Gefühl von Isolation zu erzeugen. Das Gefühl, jemandem oder etwas ausgeliefert zu sein – siehe Agatha Christies Krimiklassiker Zehn kleine Negerlein – Das letzte Wochenende.

Eine (fast) eingeschworene Gemeinschaft

Anders als bei besagtem Roman ist die Inselbevölkerung jedoch eine mehr oder weniger eingeschworene Gemeinschaft. Klar gibt es Konflikte. Es gibt auch Außenseiter, darunter den muslimischen Sheriff Ali Hassan (Rahul Kohli) und den immer betrunkenen Joe Collie (Robert Longstreet), der ebenfalls für eine Tragödie verantwortlich ist. Ansonsten hält man aber weitestgehend zusammen, als Trutzburg gegen die Welt da draußen. Zumindest sieht es danach aus, bis alles anfängt schief zu gehen. Dabei lässt sich Flanagan recht viel Zeit damit. Wie schon seine vorangegangenen Werke ist Midnight Mass eine Serie, die recht viel Geduld fordert. Das betrifft nicht nur den Einstieg, der auch schon deshalb länger dauert, bis die vielen Figuren vorgestellt wurden, die in die Geschichte hineingezogen wurden. Auch später ist das Tempo meist gemächlich, was zwischendurch zu einer echten Herausforderung wird. Denn selbst als klar geworden ist, worum es geht, geht es kaum voran. Für Horrorfans besteht zudem das Problem, dass es vergleichsweise wenige Stellen gibt, an denen es tatsächlich Grund zum Gruseln gibt, von Angst ganz zu schweigen.

Inhaltlich ist Midnight Mass hingegen spannend. So ist die Serie eine interessante Beschäftigung mit Glauben und Religion. Dabei sind es vor allem die absurde Auswüchse, die hier angesprochen werden, verkörpert durch Bev, die hinter ihrem biederen Aussehen einen knallharten Fanatismus verbirgt. Tatsächlich darf man sich zwischendurch fragen, was den größeren Schrecken verursacht: Das Böse, das sich in den Schatten bewegt, oder der Mensch, der im Tageslicht unter dem Vorwand von Rechtschaffenheit zum Monster wird. Das ist zumindest bei ihr nicht sonderlich nuanciert ausgefallen. Auch an anderen Stellen hält es Flanagan nicht so sehr mit Subtilität. Gerade zum Ende hin werden die Dialoge, die eigentlich Monologe sind, schon ein bisschen plump und wollen mit dem Holzhammer alles in die Köpfe des Publikums hauen. Überhaut: Das Ende ist nicht so ganz geglückt, das lief in den anderen Serien besser.

Fantastische Bilder und ein exzellentes Ensemble

Doch die Stärken überwiegen. Zum einen sieht Midnight Mass oft fantastisch aus, zaubert Aufnahmen auf den Bildschirm, die einen Großteil der Konkurrenz schäbig wirken lassen. Außerdem hat Flanagan erneut ein exzellentes Ensemble um sich versammelt, welches zum Teil aus bekannten Besetzungen, zum Teil völlig neuen handelt. So ist Hamish Linklater grandios als Priester, der gleichermaßen charismatisch wie enigmatisch ist. Samantha Sloyan in der Rolle der Fanatikerin beeindruckt. Aber auch bei der regulären Bevölkerung finden sich mitreißende Perfomances, die zum Teil wahnsinnig traurig sind. Die emotionale Komponente, gepaart mit dem sparsamen, dafür furchteinflößenden Auftritten des Bösen, sorgen dafür, dass auch dieses Werk zum Besten gehört, was Netflix im Horrorgenre hervorgebracht hat, selbst wenn man dabei über so manche Schwäche hinwegsehen muss.

Credits

OT: „Midnight Mass“
Land: USA
Jahr: 2021
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan, James Flanagan, Elan Gale, Dani Parker, Jeff Howard
Musik: The Newton Brothers
Kamera: Michael Fimognari, James Kniest
Besetzung: Kate Siegel, Zach Gilford, Kristin Lehman, Samantha Sloyan, Igby Rigney, Rahul Kohli, Annarah Cymone, Annabeth Gish, Alexandra Essoe, Rahul Abburi, Matt Biedel, Michael Trucco, Crystal Balint, Louis Oliver, Henry Thomas, Hamish Linklater, Robert Longstreet

Bilder

Trailer

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Midnight Mass
„Midnight Mass“ nimmt uns mit auf eine abgelegene Insel, auf der eine eingeschworene Gemeinschaft mit dem Bösen konfrontiert wird. Die Serie ist eine interessante Beschäftigung mit Glauben und Fanatismus, hat auch einige zu Herzen gehende Szenen, die von einem exzellenten Ensemble getragen. Richtig spannend ist die Geschichte dafür nicht, zum Ende hin enttäuscht auch einiges.
7von 10
Leserwertung: (37 Votes)
5.1

6 Responses

  1. Dirk Jungnickel

    Dieses Machwerk ist eine Beleidigung für den Verstand und die Ästhetik und müßte bestraft werden,
    weil man zunächst eine religiöse Auseinandersetzung vermutet, die aber in einer schwachsinnigen Blutorgie gipfelt. Den Christen fehlen durchweg eine Latte am Zaun, nur der Muslim ist halbwegs normal. Er gehört auch nicht zu denen, die bei 9/11 Jubelfeste veranstalteten, die es vielleicht auch gab, aber eine Ausnahme waren.

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  2. Karin Salehi

    Diese Serie hat mich seit langem mal wieder abgeholt. Muss noch die letzte Folge sehen. …freue mich. Lange nicht mehr so erschrocken.
    Aber was Stephen King gefällt, gefällt auch mir.

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  3. Tina Geier

    Also ich hätte echt mehr erwartet, durchweg ziemlich langweilig, kam zu keinem Moment richtig Spannung auf, Christen wurden wirklich als oberdämlichste Spezies hin gestellt, der Schluss war auch einfach nur doof.
    Irgendwie fehlte es dem Film hinten und vorne an allem, nur die Darsteller retteten einiges, aber so viel zu retten gab es da gar nicht. Hätte von der Grundidee wirklich eine tolle Story werden können, da wäre viel raus zu holen gewesen, aber das ist nicht passiert.
    Sa schau ich mir dann lieber Hill House zum vierten Mal an, das war ein Meisterwerk, der einen in seinen Bann zieht, der einen die Darsteller fühlen lässt, man baut etwas zu ihnen und ihrer Geschichte, ihrem Schicksal auf. Passiert leider bei Midnight Mass gar nicht. Also ich hoffe der nächste Versuch wird wieder besser, Bly Manor war ja auch ganz gelungen, aber das hier ganz und gar nicht. Leider, bleibt nur zu sagen, man kann es sich ansehen, gibt ja auch noch schlechteres, aber man muss es nicht unbedingt gesehen haben.

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  4. Bernd Diedler

    Ob die Serie King gefiel.

    Scheint aber heutzutage üblich zu sein das sie Filmkritiker solche Serien bejubeln weil sie von M.F. ist. Mit hat schon “ Spuk in Bly Manor“ nicht gefallen……………die Serie war ohne Spuk…………..

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  5. DeiMudder

    Was irgendwie nie erwähnt wird, ist der Umstand, dass es sich einfach um eine Vampir-Serie handelt. Vampire, die sich ihre Existenz und Daseinsberechtigung über Religion erklären.
    Mir waren die kirchlichen Lieder viel zu viel, und sie dauerten teilweise minutenlang, das war echt hart an der Grenze zu „Wenn ich noch ein mal einen Männerchor höre, schalte ich um“.
    Aber als man endlich versteht, worum es geht – besonders in den letzten 3-4 Folgen, wird es doch ziemlich gut und spannend.

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