Inhalt / Kritik

Tribes of Europa Netflix

„Tribes of Europa“ // Deutschland-Start: 19. Februar 2021 (Netflix)

Im Jahr 2074 ist von Europa nicht viel übrig geblieben. Nach einer verheerenden Katastrophe und einem Globalen Blackout gibt es längst keine Staaten mehr. Stattdessen haben sich die Menschen zu mehreren Stämmen zusammengetan. Die drei Geschwister Kiano (Emilio Sakraya), Liv (Henriette Confurius) und Elja (David Ali Rashed) gehören dabei dem der Origines an, die im Einklang mit der Natur und in Frieden zu leben versuchen. Doch mit dem Frieden ist es eines Tages vorbei, als ein Mitglied der fortgeschrittenen Atlantier über ihnen abstürzt und die drei Geschwister getrennt werden. Während Elja einen seltsamen Würfel erhält und zusammen mit Moses (Oliver Masucci) eine weite Reise antritt, landet Kiano bei dem von Varvara (Melika Foroutan) diktatorisch geleiteten Crows. Liv wiederum reist umher, um die anderen ihres Stammes wiederzufinden …

Die Suche nach dem nächsten Düsterhit

Immer wieder werden neue Netflix-Serien aus Deutschland als das neue Dark beworben. Das zeigt einerseits, was für ein Phänomen der Mystery-Thriller war, der weltweit für offene Münder sorgte und dem hiesigen Publikum zeigte: Wir können auch anders! Andererseits ist es auch der weniger schmeichelhafte Beweis dafür, dass dem Streamingdienst danach nicht mehr so wirklich was gelungen ist. An düsteren Produktionen mangelte es dabei nicht. Ob nun die Jugendrebellion Wir sind die Welle oder der Science-Fiction-Thriller Biohackers, da erschienen schon ein paar Anwärter. Vorgenommen hatte man sich bei diesen Serien dabei zwar schon etwas, wollte ganz aktuelle Themen aufgreifen und finster verpackt verkaufen. Die Reaktionen waren aber im besten Fall von Gleichgültigkeit geprägt.

Nun steht mit Tribes of Europa der nächste Versuch an. Und erneut muss man dem Team dahinter zugutehalten: Ja, sie wollten hiermit etwas Großes schaffen. Das mit der Aktualität ist dabei so eine Sache. Die von Philip Koch (Play) entworfene, zum Teil auch geschriebene und inszenierte Serie, spielt zwar in der Zukunft und verwendet einige futuristische Technologien. Gleichzeitig zeigt er uns eine Welt, die nach einer Katastrophe mal wieder um das eine oder andere Jahrhundert zurückgeworfen wurde. Das Ergebnis ist daher vielmehr eine Kreuzung aus Dark und Barbaren, wenn Raumschiffe neben Pfeil und Bogen eine nicht immer ganz friedliche Co-Existenz führen.

Das konzeptionelle Chaos

Dass das nicht so richtig zusammenpasst, ist klar, soll es auch gar nicht. Verstärkt wird das Gefühl von Heterogenität zudem durch den Inhalt. Einerseits gibt es nicht die eine Geschichte. Vielmehr werden hier drei Parallelstränge, je einer für die drei Geschwister, nebeneinander erzählt. Immer wieder springt der Fokus zwischen den dreien umher. Andererseits zeigt Tribes of Europa, wie der Titel bereits verrät, eine Reihe verschiedener Stämme, die sich alle für sehr eigene, dabei höchst inkompatible Lebensweisen entschieden haben. Für die Crows gibt es nur Lust und Gewalt, für die Origines Natur und Frieden, die Crimsons stellen das „ordentliche“ Militär. Und dann wären da noch die mysteriösen Atlantier, die im Gegensatz zu den übrigen Völkern ihren technologischen Status nicht nur bewahren, sondern gewaltig ausbauen konnten.

Dieses Geheimnis um das verborgene Elitevolk gehört zusammen mit dem, was genau damals bei dem großen Blackout geschehen ist, sicherlich zu den inhaltlichen Triebfedern. Man möchte da schon gern wissen, was Sache ist. Ansonsten hat Tribes of Europa aber leider nur sehr wenig zu bieten. So sind die Stämme selbst langweilige Klischees, die Serie klappert nur das ab, was andere Endzeitproduktionen schon längst auserzählt haben. Das hätte alles deutlich kreativer sein dürfen, gerade auch bei der Ausgestaltung der jeweiligen Kulturen oder der Sprachen. Schlimmer noch sind aber die grauenvollen Dialoge. Wenn an einer Stelle beispielsweise die verbindende Idee Europas beschworen wird, ist das gut gemeint, aber ziemlich peinlich. Auch Ausführungen zu Ehre, Schmerz und Opfer triefen vor Pathos, untermalt von einem ungeniert theatralischen Soundtrack.

Bilderrausch aus einer vergangenen Zukunft

Die Bilder sind dafür umso besser. Die Serie wechselt zwischen Naturaufnahmen und verfallenen Gebäuden, einstige High-Tech-Visionen verkümmerten zu archaischen Bunkerarenen. Das ist dann zwar, wie so vieles bei Tribes of Europa, etwas sehr gewollt auf düster gemacht, weshalb mal wieder ein Grauschleier dominiert. Dennoch: Die Kulissen machen einiges her mit einer Mischung aus Zukunft und Vergangenheit, auch die wuchtigen Fahrzeuge tragen zu einem sehenswerten Setting bei. Und dann wäre da ja noch Oliver Masucci, der dem Ganzen mit der nötigen ironischen Distanz begegnet und vermutlich weiß, wie unsinnig hier vieles ist, dabei aber dennoch seinen Spaß hat. Den darf man natürlich auch als Zuschauer und Zuschauerin haben. Dennoch ist es frustrierend, wie hier einige starke Elemente mit so schwachen verbunden werden konnten, man an der einen Stelle fasziniert auf den Bildschirm schaut, nur um sich im nächsten dafür schämen zu müssen, was man sich da gerade anschaut.

Credits

OT: „Tribes of Europa“
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Philip Koch, Florian Baxmeyer
Drehbuch: Philip Koch, Jana Burbach, Benjamin Seiler
Musik: Clinton Shorter
Kamera: Christian Rein
Besetzung: Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu

Bilder

Trailer

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Tribes of Europa – Staffel 1
Nach einer Katastrophe zerfällt Europa in verschiedene Stämme, drei Geschwister kämpfen sich getrennt durch postapokalyptische Wälder. Visuell hat „Tribes of Europa“ einiges zu bieten. Hinzu kommt das reizvolle Geheimnis, was denn wirklich vorgefallen ist. Nur wird das mit unzähligen Klischees und grausamen Dialogen verbunden, die man höchstens noch für ihren Trashfaktor gut finden kann.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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