Kritik

Hillbilly Elegie Elegy Netflix

„Hillbilly-Elegie“ // Deutschland-Start: 24. November 2020 (Netflix)

Sein Jurastudium hat er bald abgeschlossen, nun gilt es für J. D. Vance (Gabriel Basso), einen Job zu bekommen. Tatsächlich steckt er mitten in der Vorstellung bei einer renommierten Kanzlei, als er einen Anruf von daheim bekommt: Seine Mutter Bev (Amy Adams) ist rückfällig geworden und liegt nach einer Überdosis Heroin im Krankenhaus. Obwohl der Zeitpunkt mehr als ungünstig ist, nimmt ihm seine Schwester Lindsey (Haley Bennett) das Versprechen ab, sofort nach Ohio zurückzukehren. Dort angekommen, dauert es nicht lange, bis die ersten Konflikte ausgetragen werden und er sich daran erinnert, wie er als Junge (Owen Asztalos) bei seiner Mutter und seiner resoluten, aber warmherzigen Großmutter Mamaw (Glenn Close) aufgewachsen ist …

Eigentlich interessiert sich ja niemand so wirklich für das ländliche Amerika. Für das Amerika, das von allen vergessen und im Stich gelassen wurde, während die Globalisierung traditionelle Jobs in Massen vernichtete. Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt, nicht aus Mitgefühl und Anteilnahme, sondern weil klar wurde, dass die Menschen dort notwendig sind, um in den USA Wahlen zu gewinnen und entsprechend Macht zu haben. Auf einmal war man sich bewusst, dass dort spannende bis erschütternde Geschichten zu erzählen gibt. Und so gab es zuletzt eine ganze Reihe von Filmen, die sich der Provinzen annehmen und deren täglichen Kämpfe aufzeigen. Dramen wie Lorelei oder Donnybrook – Below the Belt führen die Perspektivlosigkeit vor Augen, die dort herrscht, lassen einen spüren, wie es ist, mit dem Rücken zur Wand zu stehen und nicht mehr weiter zu wissen.

Gefangen in der Einöde
Hillbilly-Elegie versprach, ein eben solcher Film zu werden: Basierend auf dem Bestseller von J. D. Vance, der in seinem Buch seine schwierige Kindheit in der Provinz beschrieb, der er so bald wie möglich zu entkommen versuchte, statten wir einem Landstrich einen Besuch ab, in dem man höchstens stecken bleibt, an den sich ansonsten aber keiner verirrt. Weil dort gesellschaftliche Strukturen fehlen, springt die Familie ein. Der wird hier immer wieder eine besondere Bedeutung beigemessen – selbst wenn sie ein absoluter Albtraum ist. Und das darf man bei Familie Vance wohl behaupten, wenn Bev so gar nicht in der Lage ist, sich um ihre Kinder zu kümmern, es überall an allem mangelt. Nur nicht an Drogen.

Das Drehbuch von Vanessa Taylor (Shape of Water – Das Flüstern des Meeres) konzentriert sich dabei sehr stark darauf, eben diesen Drogenkampf der Mutter zu zeigen. Das Drumherum, die Gesellschaft, die Einwohner und Einwohnerinnen, all das verschwindet. Es ist nicht einmal so, dass man von der Familie so wahnsinnig viel zu sehen bekommen würde. Eigentlich gibt es nur Bev, die beiden Kinder und die Großmutter. Der Rest steht mal daneben, ohne dass man genau wüsste, wer diese Leute sind und was sie hier suchen. Wobei die Figurenzeichnung allgemein doch sehr zu wünschen übrig lässt. J. D. Vance ist viel zu sehr passiver Beobachter – oder auch Opfer –, um eine Persönlichkeit zu entwickeln. Bev wird auf die typischen Junkiemerkmale reduziert. Allenfalls Mamaw darf ein bisschen Kante zeigen.

Gut gespielt und trotzdem nichtssagend
Wobei der Verdienst dafür eher bei Glenn Close liegt, der mal wieder Oscar-Chancen zugestanden werden – schließlich wurde sie schon sieben Mal nominiert, ohne je gewonnen zu haben. Tatsächlich kann man über die Charakterisierung ihrer Figur sagen, was man will, die Schauspielerin tritt hier als Urgewalt auf, deren Energie ebenso beeindruckend ist wie die groteske Perücke. Leider gibt es von ihr aber einmal abgesehen nicht so wahnsinnig viele zwingende Gründe, sich Hillbilly-Elegie anschauen zu wollen. Adams zeigt ebenfalls Mut zur Hässlichkeit, visuell wie charakterlich, kommt aber kaum gegen die wenig interessante Rolle an. Und das ist ein Problem bei einem Film, der sich vollkommen von dem soziologischen Aspekt lösen will und sich auf einzelne Menschen fokussiert. Denn was bleibt bei einem Charakterdrama ohne Charakter?

Wobei der Film nicht die absolute Katastrophe darstellt, die derzeit reihenweise von allen mit Häme überschüttet wird. Vielmehr ist Hillbilly-Elegie ein ziemlich nichtssagender Film, dessen größtes Manko ist, dass er noch nicht einmal ansatzweise das inhaltliche wie schauspielerische Potenzial abruft. Bei Regisseur Ron Howard (Apollo 13) gibt es statt erhellender Einsichten nur oberflächliche Wohlfühl-Banalitäten um die Wichtigkeit der Familie, die sich im Zweifel wieder zusammenrauft. Klar darf man das sagen. Dafür hätte es aber mehr als Konservenemotionen geben müssen. Wäre da nicht das prominente Ensemble und das Drumherum, das für mehr Aufmerksamkeit sorgt, kaum einer würde hiervon wohl Notiz nehmen.

Credits

OT: „Hillbilly Elegy“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Vanessa Taylor
Vorlage: J. D. Vance
Musik: David Fleming, Hans Zimmer
Kamera: Maryse Alberti
Besetzung: Amy Adams , Glenn Close, Gabriel Basso, Haley Bennett, Freida Pinto, Bo Hopkins, Owen Asztalos

Bilder

Trailer

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4.5/5 - (15 votes)
Hillbilly-Elegie
Die Erwartungen an „Hillbilly-Elegie“ waren groß, die Ernüchterung ist es auch. Wenn hier ein junger Mann in seine alte Heimat zu der dysfunktionalen Familie zurück muss, der er eigentlich entkommen wollte, dann gewährt das nicht die erhofften Einblicke in das ländliche Amerika. Stattdessen gibt es ein belangloses Charakterdrama ohne viel Charakter, das von einer starken Glenn Close getragen wird.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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