Gänsehaut um Mitternacht The Midnight Club Netflix
© Eike Schroter/Netflix

Gänsehaut um Mitternacht

Gänsehaut um Mitternacht The Midnight Club Netflix
„Gänsehaut um Mitternacht“ // Deutschland-Start: 7. Oktober 2022 (Netflix)

Inhalt / Kritik

Ilonka (Iman Benson) hat eine glänzende Zukunft vor sich: Regelmäßig hat die Schülerin Bestnoten, ihr stehen alle Türen und Tore offen. So dachte sie zumindest Doch dann wird bei ihr Krebs festgestellt, statt College ist Krankenhaus angesagt. Als alle Versuche scheitern, den Krebs zu besiegen und die Ärztin keine Hoffnung mehr sieht, stößt Ilonka auf einen alten Artikel über eine von Dr. Georgina Stanton (Heather Langenkamp) geleitete Einrichtung speziell für sterbende Jugendliche. Dort soll es einer jungen Frau namens Julia Jayne gelungen sein, die Krankheit zu besiegen. Und das muss doch irgendwie auch bei ihr möglich sein. In ihrem neuen Zuhause angekommen lernt sie Anya (Ruth Codd), Sandra (Annarah Cymone), Amesh (Sauriyan Sapkota), Spence (Chris Sumpter), Kevin (Igby Rigney), Cheri (Adia) und Natsuki (Aya Furukawa) kennen, die alle ihr Schicksal teilen. Zusammen bilden sie den Mitternachtsclub, der sich täglich trifft, um selbst erdachte Gruselgeschichten zu erzählen, und einen Pakt über den Tod hinaus geschlossen hat …

Zwischen Horror und Drama

Zwar hatte Mike Flanagan natürlich schon vorher einige bemerkenswerte Horrorfilme gedreht. Inzwischen ist sein Name aber untrennbar mit den Serien verbunden, die er für Netflix macht. Der Auftakt Spuk in Hill House, eine recht freie Neuinterpretation von Shirley Jacksons Horror-Klassiker, wurde zu einem Phänomen. Später folgten Spuk in Bly Manor, eine weitere Roman-Adaption, sowie die Eigenentwicklung Midnight Mass. Typisch für den US-Amerikaner ist dabei, dass er das Horrorgenre in erster Linie nutzt, um etwas über die Menschen zu sagen. Wo Figuren in diesem Bereich oft reine Wegwerfware sind, ein Mittel zum Zweck, um das Publikum zu erschrecken, da ist es bei Flanagan meist anders herum. Tatsächlich sind seine Werke nicht ganz unumstritten, gerade im Hinblick auf die Frage, ob das überhaupt noch Horror ist oder nicht doch in erster Linie ein Drama.

Bei Gänsehaut um Mitternacht, seiner nunmehr vierten Serie für Netflix, ist das ganz ähnlich. Wieder schnappte er sich einen Roman, dieses Mal das 1994 veröffentlichte Die Mitternachtsfreunde von Christopher Pike. Er beließ es auch bei dem damaligen Setting, weshalb immer wieder Musik der damaligen Zeit verwendet wird, unter anderem von Bush und Hootie & the Blowfish. Auch die Spielkonsolen von damals werden zwischendurch einmal angesprochen. Dabei handelt es sich jedoch weniger um eine dieser ungeniert an Nostalgie appellierenden Produktionen, wie es sie in den letzten Jahren zuhauf gegeben hat. Stattdessen erzählen Flanagan und Leah Fong, die gemeinsam die Serie entwickelt haben, überwiegend zeitlose Geschichten, die man problemlos in allen möglichen Epochen hätte unterbringen können – sieht man einmal von dem an AIDS erkrankten Spencer ab.

Das Menschliche im Schrecken

Dabei stellt sich Gänsehaut um Mitternacht gleich in zweifacher Hinsicht als Geschichtensammlung heraus. Auf der einen Seite sind da natürlich die individuellen Schicksale der todgeweihten Jugendlichen, über die wir nach und nach mehr erfahren. Ähnlich zu Club der roten Bänder sind wir dabei, wie aus mehreren Menschen, die durch eine traurige Situation zusammenkommen, eine echte Gemeinschaft heranwächst. Dabei teilen sie ihr Leben miteinander, das ständig vom Tod überschattet wird. Da geht es um typische Jugendthemen wie Selbstfindung, Akzeptanz und erste Liebe. Einige der acht hatten glückliche Leben, bevor die niederschmetternde Diagnose kam. Bei anderen war auch sonst einiges kaputt. Die Mischung aus allem stimmt, von den üblichen Seifenoper-Dramen ist die Serie ein gutes Stück entfernt.

Interessant wird dies durch die Verbindung zu den Gruselgeschichten, welche die acht sich erzählen. Immer wieder kommt es zu Parallelen, wenn die Jugendlichen ihr Leben und ihre jeweiligen Probleme darin verarbeiten. Ob Hexen, Engel, Zeitreisen oder Serienmörder, sie alle sind Ausdruck ihres jeweiligen Innenlebens und Versuche, mit etwas klarzukommen, das zu groß für sie ist. Gänsehaut um Mitternacht ist deshalb eine Serie um Geister und den Tod. Es ist aber vor allem eine Serie um Freundschaft, Liebe und Hoffnung. Über die Katharsis des Geschichtenerzählens und wie wir darin Halt und uns selbst finden können. Das ist streckenweise sehr bewegend, Flanagan zementiert damit seinen Ruf, der große Humanist inmitten der Horror-Regisseure zu sein. Auch wenn das Ausmaß der Charakterisierung unter den acht schwankt, manche stehen mehr als andere im Mittelpunkt: Man hat hier doch das Gefühl, es mit tatsächlichen Menschen zu tun zu haben.

Wenig Grusel und langsam erzählt

Die Kehrseite der Medaille ist, dass wie schon bei den vorangegangenen Serien der Horror-Part immer wieder stark in den Hintergrund rückt. Tatsächlich ist er zuweilen so sparsam, selbst innerhalb der Gruselgeschichten, dass nicht wenige sich langweilen werden. Hin und wieder mal eine geisterhafte Erscheinung, das ist dann doch zu wenig. Das Fragmentarische führt zudem dazu, dass die Entwicklung der Rahmengeschichte recht langsam ausfällt. Die zehn Folgen von Gänsehaut um Mitternacht erfordern schon einiges an Geduld und geben am Ende noch nicht mal alle Antworten, die man sich erhoffen durfte. Die gemischten Reaktionen, die Flanagans vorherigen Netflix-Titel provozierte, sie werden hier nicht eindeutiger sein kann. Wer tatsächlich in erster Linie Spannung sucht, für den ist das hier eher weniger geeignet. Wer hingegen in erster Linie Interesse an Menschen und ihren Geschichten hat, der findet in der etwas anderen Einrichtung viel Stoff.

Credits

OT: „The Midnight Club“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Mike Flanagan, Michael Fimognari, Emmanuel Osei-Kuffour Jr., Axelle Carolyn, Viet Nguyen, Morgan Beggs
Drehbuch: Mike Flanagan, Leah Fong, Julia Bicknell, Elan Gale, James Flanagan, Chinaka Hodge
Idee: Mike Flanagan, Leah Fong
Vorlage: Christopher Pike
Musik: The Newton Brothers
Kamera: James Kniest, Michael Fimognari, Corey Robson
Besetzung: Iman Benson, Igby Rigney, Ruth Codd, Annarah Cymone, Chris Sumpter, Adia, Aya Furukawa, Sauriyan Sapkota, Matt Biedel, Samantha Sloyan, Zach Gilford, Heather Langenkamp, Larsen Thompson

Bilder

Trailer

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Gänsehaut um Mitternacht
fazit
„Gänsehaut um Mitternacht“ ist eine typische Serie von Mike Flanagan, bei der kräftig gestritten werden darf, ob das jetzt Horror oder Drama sein soll. Die Romanadaption um todkranke Jugendliche, die sich gegenseitig Gruselgeschichten erzählen, wird selten tatsächlich spannend. Und doch ist sie sehenswert als Schicksalssammlung, die sich in erster Linie für die Menschen interessiert und die kathartischen Kräfte des Geschichtenerzählens betont, die für uns ein Leben greifbar machen, das seinen Sinn verloren hat.
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von 10