Kritik

The Call 2020 Netflix

„The Call“ // Deutschland-Start: 27. November 2020 (Netflix)

Als Seo-yeon (Shin-hye Park) in ihr altes Zuhause fährt und dort das Telefon klingelt, glaubt sie zuerst, dass die Person am anderen Ende sich einfach nur verwählt hat. Schließlich verlangte die nach jemandem, der gar nicht hier wohnt. Doch als Young-sook (Jong-seo Jeon) erneut anruft und mit angsterfüllter Stimme nach ihrer Freundin fragt, wird Seo-yeon stutzig. So behauptet sie nicht nur, dass ihre Mutter (El Lee), eine eiskalte Schamanin, sie fortlaufend misshandelt. Young-sook scheint zudem im selben Haus zu leben wie Seo-yeon – nur zwanzig Jahre zuvor. In weiteren Gesprächen freunden sich die beiden immer mehr, erzählen aus ihrem Leben und stellen dabei fest, dass sie trotz des zeitlichen Abstands das Leben des jeweils anderen beeinflussen können, mit unvorhersehbaren Folgen …

Die Gefahr der Vergangenheit
Die Zeitreise gehört zu den wohl beliebtesten Motiven des Science-Fiction-Genres. Aus gutem Grund: Sie erlaubt uns Dinge und Orte zu sehen, die uns normalerweise verschlossen bleiben, historische Persönlichkeiten kennenzulernen. Vor allem erlaubt sie uns, ein bisschen Schicksal zu spielen, wenn wir etwa Ereignisse der Vergangenheit verändern, um so die Gegenwart oder Zukunft zu beeinflussen. Dass das nicht ohne Risiko ist, versteht sich von selbst. Ob nun der Kulthit Zurück in die Zukunft oder auch die Animeserie Steins;Gate, immer wieder wird vor den Eingriffen gewarnt, weil auf diese Weise eine ganze Kettenreaktion ausgelöst werden kann, die wir nicht überschauen können.

In The Call ist das ganz ähnlich, aber doch irgendwie anders. Eigentlich hätte der Mysterythriller daheim in Südkorea in die Kinos kommen sollen, wurde dann aber aufgrund der Pandemie verschoben, bevor er schließlich weltweit bei Netflix landete. Anders als so mancher Kollege, der auf diese Weise bei einem Streamingdienst landete, ist der Film jedoch mehr als nur ein bloßer Lückenfüller. Vielmehr hat Regisseur und Drehbuchautor Chung-hyun Lee ein packendes Spielfilmdebüt gedreht, welches das Publikum immer wieder überrascht. Denn auch wenn man früh meint zu glauben, die weitere Richtung der Geschichte vorhersehen zu können, wird man doch bald eines Besseren belehrt.

Eine ungleiche Begegnung
So verrät Lee zwar früh, dass im Leben der beiden jungen Frauen tragische Ereignisse warten. Seo-yeon hat dabei einen klaren Vorsprung: Da sie in der Zukunft lebt, weiß sie bereits, was passieren wird und an welchen Stellen man etwas ändern kann, um den weiteren Verlauf zu ändern. Young-sook ist in der Hinsicht blind, zudem durch ihre fanatische Mutter eingeschränkt. Dafür kann sie handeln, sie hat die besseren Möglichkeiten, das Leben beider zu ändern. Dadurch entsteht eine interessante Dynamik zwischen zwei Menschen, die sich gegenseitig brauchen, die ohne den jeweils anderen nicht ans Ziel kommen können, die dabei aber zwangsläufig nicht auf Augenhöhe agieren.

Das wird vor allem im letzten Drittel relevant, wenn sich die Lage nach diversen Wendungen auf eine schön fiese Weise zuspitzt. Wo in anderen Zeitreisefilmen meistens früh ein bestimmtes Ereignis benannt wird, das als Finale des Abenteuers verhindert oder wiederhergestellt werden soll, da steht das hier mehr oder weniger am Anfang. Tatsächlich geschieht die Erfüllung der Aufgabe so früh, dass man ganz verwirrt auf die Uhr schaut: Moment, geht der Film nicht noch eine Stunde? Das ist einerseits willkommen, da man hier eben nicht nach dem bekannten Muster verfährt. Allerdings ist The Call tendenziell zu lang, da das Szenario über kurz oder lang in eine Sackgasse führt, aus der es keinen überzeugenden Ausweg gibt. Lee versucht zwar anderweitig noch Dramatik hineinzubringen, was das Dilemma aber nicht wirklich verbergen kann – zumal die einfache Prämisse auf einmal umständlich und wenig überzeugend verkompliziert wird.

Doch auch wenn der von The Caller – Anrufe aus der Vergangenheit inspirierte Film zum Schluss hin abfällt und aus der Situation nicht so viel herausholt, wie möglich gewesen wäre: Der Mystery macht Spaß. Shin-hye Park (#amLeben) und Jong-seo Jeon (Burning) liefern überzeugende Performances ab, wenn ihr jeweiliges Schicksal auf rätselhafte Weise aneinandergekettet ist. Für die anderen Figuren bleibt daneben nicht wirklich viel Platz, sie verkommen zuweilen zu einem reinen Mittel zum Zweck. Aber als Pfandmittel, um den Dramateil zu erhöhen, reichen sie aus: Hier darf man tatsächlich mitfiebern, wenn aus einem anfänglich harmlos erscheinenden Telefonat auf einmal ein Kampf um Leben und Tod wird.

Credits

OT: „Call“
Land: Südkorea
Jahr: 2020
Regie: Chung-hyun Lee
Drehbuch: Chung-hyun Lee
Musik: Dalpalan
Kamera: Young-jik Jo
Besetzung: Shin-hye Park, Jong-seo Jeon, Sung-ryung Kim, El Lee, Ho-san Park

Bilder

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The Call (2020)
In „The Call“ erhält eine junge Frau einen Anruf einer anderen, die zwanzig Jahre in der Vergangenheit lebt. Der südkoreanische Mysterythriller nimmt das Motiv der Zeitreise, macht daraus aber etwas ganz eigenes. Gegen Ende geht das Konzept nicht mehr wirklich auf, zuvor gibt es aber gut Spannung und ein schön fieses Szenario, das von einer ganz eigenen Dynamik zwischen den beiden Figuren lebt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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