Kritik

Der Apotheker The Pharmacist Netflix

„Der Apotheker“ // Deutschland-Start: 5. Februar 2020 (Netflix)

An True Crime Dokus mangelt es auf Netflix nun nicht gerade. Mal geht es um ungelöste Verbrechen (Wer hat den kleinen Grégory getötet?), mal rücken die Täter in den Vordergrund (Der Teufel wohnt nebenan), dann wiederum können es allgemeine Themen sein wie Die Welt der Drogen: Dope Stories, die als eine Art Gesamtpaket abgehandelt werden. Der Run auf diese Alltagskitzel versprechenden Filme und Serien hält an, für Nachschub ist ständig gesucht. Neuester Zugang in dem rapide anwachsenden Sortiment des Streamingdienstes ist die Miniserie Der Apotheker, welche eine Art Mischung aus den obigen Titeln ist, dabei aber doch auch irgendwie einzigartig.

Die vier Folgen umfassende Produktion beginnt dabei als klassischer Whodunnit: Der titelgebende Apotheker Dan Schneider muss den Schicksalsschlag verkraften, dass sein nach ihm benannter Sohn tot ist. Mehr noch, er wurde ermordet. Warum und von wem, das ist zunächst ein Rätsel. Die – so wird zumindest gesagt – durch und durch korrupte Polizei hat kein echtes Interesse daran, den Täter zu schnappen, in New Orleans soll die Aufklärungsrate von Morden geradezu sprichwörtlich gering sein. Für Schneider ist das Fehlen von Antworten jedoch nicht hinnehmbar, weshalb er anfängt, selbst nach welchen zu suchen.

Das Verbrechen nach dem Verbrechen
Tatsächlich ist er erfolgreich, nachdem er eine ganze Weile von Haus zu Haus gegangen ist, findet er eine Zeugin, die dazu beiträgt, dass der Täter hinter Schloss und Riegel kommt. Bei True Crime Dokus ist an der Stelle normalerweise schon Schluss. Nicht so bei Der Apotheker: Hier fängt das eigentliche Thema erst an. Denn der wahre Feind für Schneider, das sind gar nicht die kleinen Drogendealer, welche auf der Straße etwas verticken, so verheerend das Ergebnis sein kann. Vielmehr realisiert er durch den Verlust seines Sohnes, wie sehr Pharmaunternehmen, aber auch Ärzte und Ärztinnen von der Sucht der Bevölkerung leben. Der Handel mit Schmerzmitteln, so wird ihm bewusst, ist ein viel größerer Drogenmarkt, zudem völlig ungeahndet.

Ein Großteil der Serie befasst sich dann auch mit dem Kampf des kleinen Apothekers gegen die mächtige Industrie. Er nimmt sich beispielsweise eine Ärztin vor, die als Beispiel für die sogenannten „pill mills“ dient: Arztpraxen, die massenweise Schmerzmittel verschreiben, oft völlig unnötig, und damit jede Menge Geld verdienen. Und sie ist kein Einzelfall, vielmehr nur das Symptom einer Gesellschaft, für die Sucht zu einem Geschäft geworden ist. Das erinnert manchmal an den Netflix-Kollegen Take Your Pills, der ebenfalls vom Missbrauch von Medikamenten handelte. Während dort jedoch zumindest ein beträchtlicher Teil der Verantwortung bei den Konsumenten lag, sind die unverhältnismäßig verabreichten Schmerzmittel Ausdruck eines kaputten Systems, das sich nicht um eine tatsächliche Therapie bemüht.

Ob Der Apotheker deshalb tatsächlich unter die Kategorie „True Crime“ so gut aufgehoben ist, darüber kann man sich streiten. Dass das US-amerikanische Gesundheitssystem und die dortigen Pharmaunternehmen kriminelle Züge haben, das wird deutlich. Die Serie fällt dabei jedoch eher in den Bereich Gesellschaftsporträt, wenn der ermordete Junge irgendwann praktisch keine Rolle mehr spielt. Das ist für sich genommen aber immer noch interessant, auch wenn die Serie doch zu Wiederholungen neigt und ein bisschen plump emotional manipulieren möchte. Als Aufreger taugt das hier auf jeden Fall, zudem ist eine solche David-gegen-Goliath-Situation immer schön, selbst wenn der Anlass hier ein sehr trauriger ist.

Credits

OT: „The Pharmacist“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Julia Willoughby Nason, Jenner Furst
Musik: Danielle Furst, Khari Mateen

Trailer



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Der Apotheker
„Der Apotheker“ erzählt von einem Mann, der erst den Mörder seines Sohnes sucht, um im Anschluss gegen die Pharmaindustrie zu kämpfen. Die Serie mischt dabei persönliches Schicksal mit Gesellschaftsporträt, was durchaus interessant ist, jedoch als Kommentar spannender ist, weniger als die True Crime Doku, als die sie verkauft wird.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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