A Trip to Infinity Netflix
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A Trip to Infinity

A Trip to Infinity Netflix
„A Trip to Infinity“ // Deutschland-Start: 26. September 2022 (Netflix)

Inhalt / Kritik

Spätestens nach den ersten fünfzehn Minuten von A Trip to Infinity muss die Frage gestattet sein, an wen sich die neue Netflix-Dokumentation überhaupt richten soll. Da wird erst einmal Hilberts Hotel vorgestellt (ohne diesen Namen zu verwenden, hier „Infinite Hotel“ genannt), was an sich ein valider Einstieg in die Unendlichkeits-Thematik ist: Im vom Mathematiker David Hilbert ersonnenen Gedankenexperiment gibt es ein Hotel mit unendlich vielen Zimmern, beginnend mit 1 fortlaufend nummeriert, welche alle belegt sind. Nun erscheint aber ein weiterer Gast, und um diesen beherbergen zu können, wechseln alle bisherigen Gäste einfach das Zimmer – der Gast aus Zimmer 1 zieht um in Zimmer 2, der Gast aus Zimmer 2 in Zimmer 3 und so weiter. Da das Hotel unendlich viele Zimmer hat, gibt es kein letztes Zimmer, weshalb der neue Gast problemlos in Zimmer 1 einziehen kann.

Nachdem Mathematiker Steven Strogatz die ganze Sache ein wenig detailreicher vorgetragen hat, und am Ende von der Hotelmanagerin erzählt, die alle Räume innerhalb einer Minute inspizieren kann, fragt der Interviewer ihn, wie sie denn von der Unendlichkeit wieder an ihren Rezeptionsposten gelangen würde. Strogatz scheint dieser Einwurf völlig aus der Bahn zu werfen, als wäre das eine noch nie dagewesene Betrachtungsweise. Zufällig ist es jedoch genau derselbe Einwand, welchen der Rezensent höchstpersönlich Anfang dieses Jahrtausends im Mathematikunterricht der gymnasialen Oberstufe als Klassenclown vorbrachte, und die Reaktion des entsprechenden Mathematiklehrers ließ bereits erahnen, dass dieser nur darauf gewartet hat, den lauen Gag, der völlig am Thema vorbeigeht, zum unendlichsten Male zu hören.

Nicht zu anspruchsvoll

Die visuelle Präsentation und die leichtverdauliche inhaltliche Aufbereitung legen nahe, dass sich die Dokumentation eher an Jugendliche oder junge Erwachsene richtet, denen es verwehrt geblieben ist, eine höhere Bildung zu genießen, oder die in der Schule ein wenig geschlafen haben. Das ist natürlich nur aus der Sicht einer Person geschrieben, welche das deutsche Bildungssystem durchlaufen hat und den Lehrplan des amerikanischen Pendants nicht kennt. Die Formulierung „das Rad (nicht) neu erfinden“ ist ziemlich abgedroschen, aber im dritten Kapitel (oder genauer dem 3.1415926…-ten, denn ohne Pi-Joke geht es hier natürlich nicht) scheint genau das versucht zu werden.

Da wird ernsthaft erzählt, dass ein Kreis, wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, ja gar keine Seiten und keine Ecken hat. Und dass ein Dreieck sich nicht so gut als Rad eigenen würde, ein Dekagon (wobei der Begriff auch nicht verwendet wird, um ja niemanden zu überfordern) schon eher, und wenn dann immer mehr Ecken hinzufgeügt würden, bis das Ding unendlich viele Seiten hätte, käme ja irgendwann ein Kreis dabei heraus, der ein hervorragendes Rad abgibt. Das ist inhaltlich ja alles überhaupt nicht falsch, aber eben so vorgetragen, als handelte es sich um unglaublich tiefgründige Erkenntnisse, die nur das Ergebnis jahrelanger Meditation sein können, und nicht einfach ab einem gewissen Wissensstand logische Schlussfolgerungen sind.

Visuell abwechslungsreich

Mit einer Laufzeit von knapp 80 Minuten (und wenn schon ein Pi-Joke drin ist, hätte das Ding wenigstens als Anlehnung ans Unendlichkeitszeichen 88 Minuten gehen können – oder noch besser nur 8) ist A Trip to Infinity vielleicht nicht die größte Zeitverschwendung, aber jeder, der mit der Materie in Grundzügen vertraut ist und ein gewisses Basiswissen mitbringt, sollte seine endlich bemessene Zeit lieber anderweitig verbringen. Optisch ist das Ganze aber tatsächlich recht hübsch aufgearbeitet, von Cartoons in unterschiedlichen Zeichenstilen über Stop-Motion-Sequenzen bis zu aufwendigeren Computergrafiken wird hier schon einiges vom Spektrum abgedeckt, das grafische Darstellung zu bieten hat.

Credits

OT: „A Trip to Infinity“
Land: USA
Jahr: 2022
Regie: Jonathan Halperin, Drew Takahashi
Drehbuch: Jonathan Halperin, Alex Ricciardi
Musik: Efrim Manuel Menuck
Kamera: James Ball, Zachary Fink
Mitwirkende: Anthony Aguirre, Stephon Alexander, Eugenia Cheng, Moon Duchin, Kenny Easwaran, Delilah Gates, Rebecca Goldstein, Brian Greene, Janna Levin, Alan Lightman, Carlo Rovelli, Steven Strogatz

Trailer

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fazit
Style over substance: Der Dokumentarfilm „A Trip to Infinity“ überzeugt optisch, bleibt inhaltlich aber erschreckend oberflächlich. Wer sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat, findet hier einen akzeptablen Einstieg, alle anderen sollten mit ihrer begrenzten Zeit Besseres anzufangen wissen.
Leserwertung41 Bewertungen
4.4