Kritik

Ma Rainey's Black Bottom Netflix

„Ma Rainey’s Black Bottom“ // Deutschland-Start: 18. Dezember 2020 (Netflix)

Ihre Stimme ist legendär, ihre Launen aber auch: Ma Rainey (Viola Davis) gehört in den 1920ern zu den ganz Großen des Blues, ihre Platten werden in Massen gekauft. Das weiß sie auch, als sie eines Tages das Studio betritt, um neue Lieder aufzunehmen. So lässt sie jeden dort spüren, wer das Sagen hat, darunter auch Irvin (Jeremy Shamos), ihren Manager, den sie regelmäßig in seine Schranken verweist. Während die meisten pflichtbewusst ihren Anweisungen folgen, um die Arbeit möglichst schnell hinter sich zu bringen, wagt Kornettist Levee (Chadwick Boseman), der selbst Ambitionen auf eine eigene Band hat, wiederholt Widerspruch, was die angespannte Situation noch weiter eskalieren lässt …

Fiktiver Blick auf eine vergessene Legende
Heutzutage ist Gertrude Rainey, besser bekannt unter dem Namen Ma Rainey, eher etwas in Vergessenheit geraten. Doch vor rund hundert Jahren war die Sängerin eine Ikone, gehörte zu den ersten Afroamerikanern, die professionell Blues-Alben aufnahmen, wurde zu einem maßgeblichen Einfluss auf zeitgenössische, aber auch nachfolgende Künstlerinnen. Hinzu kommt ein turbulentes Privatleben, welches allein schon Grund genug wäre, ein Biopic über die „Mother of Blues“ zu drehen. Wer sich dies von Ma Rainey’s Black Bottom erhofft, wird aber enttäuscht. Der Netflix-Film ist zum einen zeitlich sehr eng begrenzt, beschränkt sich auf wenige Stunden in einem Tonstudio. Die Geschichte selbst ist zudem fiktiv.

Das macht den Film jedoch weder beliebig noch belanglos. Vielmehr ist das Drama, welches auf deinem Theaterstück von August Wilson (Fences) basiert, ein spannendes, teils sehr bitteres Zeitdokument, welches die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den 1920ern festhält. So ist Ma Rainey zwar ein Star, ihre Auftritte zogen ein großes Publikum an, mit ihren Platten ließ sich jede Menge Geld verdienen. Gleichzeitig macht sie sich keine Illusionen darüber, dass auch nur irgendjemand im dem Musikgeschäft, am wenigsten die Weißen, sich für sie als Menschen interessieren. Sie ist eine Ware, deren Wert sich allein aus ihrem Nutzen ergibt.

Der Machtkampf als Ritual
Entsprechend gestalten sich auch die Aufnahmen. Sich ihrer momentanen Macht bewusst, wenn alle von ihr abhängen, nutzt sie jede sich bietende Gelegenheit, um die anderen zurechtzuweisen, sie zu beschimpfen, jeder zweite Satz ist eine Drohung, alles hinzuschmeißen und wieder wegzugehen. Das ist erwartungsgemäß beeindruckend von Viola Davis gespielt, die selbst den Verzehr einer gewöhnlichen Cola zu einem Statement machen kann, zu einem Event. Das kann man dann amüsant finden, die Genugtuung genießen, wenn sich jemand auf seine Weise gegen ein System erhebt, das Menschen gleichzeitig feiert und ausnutzt – vor allem solche, die Minderheiten angehören. Aber es ist auf Dauer auch ein wenig eintönig, wie Ma Rainey auf diesen dauernden Machtkampf reduziert wird, wie sie nicht wirklich mehr sein darf als eine anstrengende Diva.

Bei den übrigens Figuren sieht es größtenteils nicht wirklich anders aus. Weder bei den ebenfalls afroamerikanischen Bandmitgliedern noch den Weißen lässt sich sonderlich viel Persönlichkeit finden, sie werden alle nur durch den unterschiedlichen Zugang zu den Aufnahmen definiert. Die eine große Ausnahme ist die Figur des Levee, der sich in dem System nicht wirklich verorten lässt. Auch er rebelliert gegen die Bevormundung durch die Weißen, will sich ihnen nicht unterordnen. Gleichzeitig interessiert ihn der Kampf von Ma Rainey jedoch herzlich wenig, sieht sie nicht als potenzielles Vorbild oder Verbündete, sondern als Hindernis, um seine eigenen Träume zu verwirklichen. Denn anders als die große Sängerin, jagt er diesen noch nach, hat sich nicht mit dem Status Quo arrangiert – was ihn zu einer gleichermaßen inspirierenden wie tragischen Figur macht.

Stärker noch als Davis bleibt daher der dieses Jahr überraschend gestorbene Chadwick Boseman (Black Panther) in Erinnerung, der selbst eine Ikone geworden ist. Der Schmerz seiner Figur ist noch nicht in Verbitterung umgeschlagen, Enthusiasmus und Verzweiflung sind bei ihm untrennbar miteinander verbunden. Voller Leidenschaft kämpft er in dem stickigen, klaustrophobischen Setting gegen seine Fesseln, die bewussten wie die unbewussten, lässt dabei auch die noch immer spürbaren Einschränkungen der Bühnenvorgabe hinter sich. Das schön ausgestattete Ma Rainey’s Black Bottom wurde damit in mehrfacher Hinsicht ein Vermächtnis, welches die Kraft der Kunst feiert und dabei zugleich eine sehr schmerzhafte Erfahrung ist.

Credits

OT: „Ma Rainey’s Black Bottom“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: George C. Wolfe
Drehbuch: Ruben Santiago-Hudson
Vorlage: August Wilson
Musik: Branford Marsalis
Kamera: Tobias A. Schliessler
Besetzung: Viola Davis, Chadwick Boseman, Glynn Turman, Colman Domingo, Michael Potts

Bilder

Trailer

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Ma Rainey’s Black Bottom
„Ma Rainey’s Black Bottom“ zeigt eine fiktive Version, wie die legendäre Blues-Sängerin eines ihrer berühmtesten Lieder aufnahm. Die Adaption des gleichnamigen Theaterstücks kümmert sich dabei jedoch weniger um die Figuren als den Kampf gegen ein repressives System. Auch wenn manches davon etwas einfach gehalten ist, so ist das Drama doch ein gleichzeitig inspirierendes wie tragisches Vermächtnis, welches die Kraft der Kunst feiert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Lanz

    Diese Besprechung, wie die anderen, die ich gelesen habe, widmet sich dem, was man gerne aus dem Film herausnehmen möchte, der Moral von der G’schicht sozusagen. Das kann man so machen, ist auch nicht falsch.
    Daneben gibt es aber noch das, was man tatsächlich zu sehen bekommt. Und da ist nicht nur die tatsächlich auf Dauer etwas anstrengende Divenhaftigkeit der Titelfigur. Keine der Figuren denkt daran, sich zu solidarisieren.
    Besonders Levee verhält sich auf eine unangenehme Weise wie ein unbedarfter sexbesessener Taugenichts. Er möchte seinen Erfolg mit Hilfe der weissen Studiobetreiber erringen; als man ihm eine Abfuhr erteilt, wendet sich seine Agression gegen seine Musikerkollegen. Beim finalen dramatischen Ereignis, habe ich dann abgeschaltet. Nicht mehr auszuhalten.

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