Ein besonderes Leben Special Netflix

„Ein besonderes Leben – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 12. April 2019 (Netflix)

Bislang war das Leben von Ryan Hayes (Ryan O’Connell) sehr behütet, was auch an seiner Mutter Karen (Jessica Hecht) liegt. Denn die hat immer alles für ihren Sohn getan, der aufgrund einer Kinderlähmung nur hinken kann und auch sonst immer wieder motorische Schwierigkeiten hat. Aber mit Ende 20 möchte er dann doch endlich mal auf eigenen Beinen stehen. Vor allem hätte er gern endlich Sex, was nicht ganz einfach ist: Wer will schon einen Schwulen mit einer Behinderung? Als er ein Praktikum bei einem Blogging-Unternehmen anfängt, behauptet er dann auch, sein Hinken wäre das Ergebnis eines Autounfalls. Nicht einmal seine neue beste Freundin Kim (Punam Patel) darf die Wahrheit erfahren. Doch dann lernt er über sie den ebenfalls schwulen Carey (Augustus Prew) kennen. Ob am Ende vielleicht auch für ihn das Glück wartet?

Auch wenn es viele Punkte gibt, die man bei Netflix kritisch sehen kann – von der Produktion belangloser Massentitel über das Aufkaufen von Kinofilmen bis zu der chronischen Unübersichtlichkeit und mangelnden Transparenz –, in einem Punkt hat der Streaminganbieter Vorbildfunktion: Diversität. Neben den ganzen Filmen und Serien, die ethnischen Minderheiten eine Bühne bieten, etwa One Day at a Time oder On My Block, finden sich immer wieder Titel, in denen auch sexuelle Identität thematisiert wird, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt.

Minderheiten an die Front!
Mit Ein besonderes Leben geht der Einsatz für Vielfalt noch einen Schritt weiter, wenn die Hauptfigur gleich zwei Minderheiten angehört: ein Homosexueller mit körperlicher Behinderung. Beide Themen finden natürlich schon immer mal wieder Erwähnung in Film und Fernsehen. Von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – Ziemlich beste Freunde und Die Goldfische etwa beim Thema Behinderung – betrifft das jedoch vor allem die Nebenfiguren. Dass hier jemand im Mittelpunkt steht, der gleich doppelt ein Außenseiter ist, das ist ein ziemliches Novum und dürfte bei konservativen Zuschauern für Unbehagen sorgen. Aber selbst ein offenes Publikum könnte sich an der Stelle fragen: Ist das nicht vielleicht etwas übertrieben?

Dabei basiert die Geschichte durchaus auf einem wahren Leben: Ryan O’Connell, der die Serie entwickelte, die Drehbücher schrieb und gleich noch die Hauptrolle übernahm, erzählt in der semi-autobiografischen Produktion, wie das war, als körperlich beeinträchtigter Schwuler Fuß fassen zu wollen. Dabei stellt sich das Thema Behinderung als deutlich größeres Problem heraus. Während Ryan erstaunlich leicht bei Schwulen Anschluss und Gefallen findet, dort auf märchenhafte Weise Diskriminierung keine Rolle spielt, ist das Leben mit den körperlichen Behinderungen deutlich kniffliger.

Zwischen Realismus und Zeitmangel
Ein besonderes Leben zeigt dabei einfühlsam, aber ohne Kitsch, wie schon banalste Aufgaben zu einer echten Herausforderung werden können: Schuhe binden, Karten mischen, das Klo saubermachen. Gleichzeitig ist die Serie aber auch eine Aufforderung, Menschen mit diesen Herausforderungen zu integrieren, ihnen zu helfen, ohne dabei gleichzeitig über sie bestimmen zu wollen. Sie als Individuen zu sehen, die unabhängig von den körperlichen Gebrechen wahrgenommen werden wollen. O’Connell geht dabei bemerkenswert selbstkritisch mit dem Thema um: Sein Alter Ego ist kein strahlender Held in kaputter Rüstung. Er hat auch charakterliche Mängel, in einer der schönsten und zugleich unangenehmsten Szenen wird ihm der Spiegel vorgehalten. Und es ist kein schöner Anblick, der sich da bietet.

Was nicht heißen soll, dass sich Ein besonderes Leben immer an der Realität da draußen orientiert. Hin und wieder ist das dann doch etwas geschönt oder etwas überspitzt, schließlich war O’Connell nicht an einem authentischen Drama interessiert, sondern an einer Sitcom mit Feel-Good-Elementen. Innerhalb dieses Rahmens ist es aber erstaunlich, wie viel hier angesprochen und gezeigt wird, auch zu sozialen Medien und Körperkult. Umso mehr, da die acht Folgen der ersten Staffel jeweils nur rund 15 Minuten lang sind, deutlich unter der üblichen Sitcom-Länge. Das führt natürlich dazu, dass einiges etwas sehr eilig zu Ende gebracht werden muss, der eine oder andere Zwischenschritt dem Zeitdiktat zum Opfer fällt. Dennoch: Die Geschichte eines jungen Mannes, der sich in mehrfacher Hinsicht selbst finden muss, ist mutig, warmherzig und streckenweise wirklich witzig, ein echter Geheimtipp im wuchernden Netflix-Angebot.

Ein besonderes Leben – Staffel 1
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Ein besonderes Leben – Staffel 1
Schwul und körperlich behindert, ist das nicht ein bisschen viel? Tatsächlich gelingt es der semi-autobiografischen Sitcom „Ein besonderes Leben“ sehr schön, die unterschiedlichsten Themen anzuschneiden, um die andere einen weiten Bogen machen würden. Das ist manchmal vielleicht etwas hastig, überzeugt aber durch Wärme, Witz und erstaunlich selbstkritische Beobachtungen.
7von 10

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