Land der Gewohnheit
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Land der Gewohnheit

Land der Gewohnheit
„Land der Gewohnheit“ // Deutschland-Start: 14. September 2018 (Netflix)

Eigentlich hat Anders Hill (Ben Mendelsohn) nicht wirklich Grund zur Klage. Er hat eine Familie, verdient gut Geld, ist gesund, nennt auch ein schickes Häuschen sein eigen. Wenn das nur nicht alles so furchtbar langweilig wäre. Ein Neuanfang muss her. Also trennt er sich von seiner Frau Helene (Edie Falco), holt sich eine Wohnung, gibt seinen Job auf und will allgemein alles ganz anders machen. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Nicht nur, dass er dadurch ständig Konflikte mit Helene und dem gemeinsamen Sohn Preston (Thomas Mann) hat, vieles nicht ganz so erfüllend ist, wie er es sich im Vorfeld ausgemalt hat. Auch bei einer befreundeten Familie geht es bald drunter und drüber.

Es ist schon ein wenig ein Kreuz mit den vielen Filmfesten. Einerseits ist es schön, dort neue Sachen zu entdecken. Andererseits ist die Konkurrenz enorm, selbst gute Titel riskieren in der Flut an Filmen unterzugehen. Das ließ sich kürzlich ganz gut bei Netflix beobachten. Während alle Medien über die sechs Werke berichteten, die der Streaminganbieter bei den Filmfestspielen von Venedig zeigte, schließlich tummeln sich dort die Oscar-Anwärter, wurde das Aufgebot beim direkt im Anschluss folgenden Toronto International Film Festival größtenteils ignoriert. Leider.

Nur keine Aufregung
Land der Gewohnheit hatte es in der Hinsicht noch einmal schwerer, da die Verfilmung von Ted Thompsons gleichnamigen Roman nicht die Art Film ist, die groß auffällt. Oder groß auffallen wollte. Eine leise Tragikomödie über einen Mann, der alles hat und doch irgendwie nichts hat. Der auf der Suche ist und nicht einmal sagen kann wonach. Man könnte das Midlife-Crisis nennen, wenn man wollte. Aber so richtig passen würde es nicht, was auch damit zusammenhängt, dass hier vieles zu diffus ist. Der Film bereits angefangen hat, nachdem Anders die Konsequenzen gezogen hat.

Regisseurin und Drehbuchautorin Nicole Holofcener zeigt sich hierbei mal wieder als eine Filmemacherin, die lieber zwischen den Zeilen lesen lässt, anstatt alles auszuformulieren. Das wird die enttäuschen, die sich hier das große Drama erhoffen. Selbst wenn es hier mal heftiger zur Sache geht, was im Laufe des Films durchaus geschieht, Land der Gewohnheit bleibt zurückhaltend, ausweichend. Zeigt Konfrontationen nur in ihren Ansätzen und bricht lieber ab, bevor es zu hart und heftig wird. Sagt an manchen Stellen nicht, was genau denn das Problem ist.

Die Kunst der wenigen Worte
So etwas kann in den falschen Händen schnell langweilig werden. Glücklicherweise zeigt Holofcener jedoch mehrfach, dass sie sehr wohl ein Händchen für subtile Momente hat, die sich nur durch Bilder ausdrücken. Wenn Anders beispielsweise gleich zu Beginn an anonymen Reihen voll von Badzubehör geht, überfordert mit der Überflussgesellschaft, dann ist das ebenso spürbar wie seine Begegnungen mit Frauen. Die enden oft im Bett, bringen Sex und Lust, aber weder Glück noch Befriedigung. Land der Gewohnheit ist die Geschichte eines Mannes, der selbst dann nichts hat, wenn er sich das nimmt, was er will.

Die Besetzung mit Ben Mendelsohn (Ready Player One, Die dunkelste Stunde) ist dabei ein einziger Glücksgriff. Verborgen hinter einer zufriedenen Fassade, aber eben nicht zu verborgen, rumort es, da sind Trauer und Wut, manchmal auch nur Müdigkeit. Das ist besonders schön im Zusammenspiel mit den beiden Nachwuchsdarstellern Thomas Mann als seinem Filmsohn und Charlie Tahan, der den Sohn der befreundeten Familie verkörpert. Denn auch sie sind verloren, driften durch das Leben, mit Drogen im Gepäck, auf der Suche nach Antworten und der Sehnsucht, einen Platz zu haben. Diese Sehnsucht wird nicht immer erfüllt, wird in Land der Gewohnheit sogar fast gar nicht erfüllt, was den Film zu einem der traurigsten der letzten Zeit macht, ohne dass dabei Tränen vergossen oder aufdringliche Musik eingespielt werden müsste. Die Tragikomödie zeigt, wie fast alles schiefgehen kann und wie flüchtig das Glück ist, das wir in anderen suchen, in uns selbst und im Leben.



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Was tun, wenn man alles im Leben hat und doch mit nichts zufrieden ist? „Land der Gewohnheit“ erzählt die Geschichte eines Neuanfangs, der letztendlich genauso scheitert wie die Versuche des Umfelds, das Glück zu finden. Das macht die wunderbar gespielte Romanadaption zu einem der traurigsten Filme der letzten Zeit, obwohl diese sehr leise ist, sowohl das große Drama wie auch harte Konfrontationen meidet.
7
von 10