„6 Balloons“, USA, 2018
Regie: Marja-Lewis Ryan; Drehbuch: Marja-Lewis Ryan; Musik: Heather McIntosh
Darsteller: Abbi Jacobson, Dave Franco

6 Balloons

„6 Ballons“ ist seit 6. April 2018 auf Netflix verfügbar

Wochenlang hat sie sich auf den Tag vorbereitet, hat Freunde und Familie eingespannt, damit auch ja alles perfekt ist. Denn Katie (Abbi Jacobson) ist Perfektionistin. Auch dann, wenn es darum geht, eine Überraschungsparty zum Geburtstag ihres Freundes vorzubereiten. Ihre eigentliche Überraschung erwartet sie jedoch, als sie ihren Bruder Seth (Dave Franco) und dessen 4-jährige Tochter Ella abholen soll. Schon früher hatte der immer mal wieder Probleme mit Drogen gehabt. Hatte geschworen, mit dem Zeug aufzuhören, nur um dann doch wieder rückfällig zu werden. Und auch jetzt scheint er wieder an der Nadel zu hängen. Das bedeutet für Katie ein echtes Dilemma: Wie soll sie sich um ihren Bruder kümmern, während gerade ihre Partygäste auf sie warten, die nichts von der Situation mitbekommen dürfen?

Wir alle haben Menschen, den wir helfen wollen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten – die einen mehr, die anderen weniger. Doch was tun, wenn sich die Person gar nicht helfen lässt? Weil sie es nicht kann, vielleicht auch nicht will? Die Netflix-Produktion 6 Ballons zeigt, dass die richtige Antwort auf eine solche Frage gar nicht so leicht gibt. Immer wieder gerät Katie in Situationen, in denen sie an ihre eigenen Grenzen stößt. In der es um Verantwortung geht – Verantwortung ihrem Bruder gegenüber, aber auch sich selbst.

Zufällig, spontan, spannend
Eine wirkliche Entwicklung zeigt der Film dabei nicht. Stattdessen folgen wir Katie, wie sie eine unangenehme Erfahrung nach der anderen macht, eine jede davon stellt sie aufs Neue auf die Probe. Langweilig ist 6 Ballons deswegen aber nicht. Zum einen sorgt Regisseurin und Drehbuchautorin Marja-Lewis Ryan durch den bloßen Zeitdruck für Spannung. Von Anfang an wird nervös auf die Uhr geschaut, wenn Katie nach einer Lösung sucht, während daheim die ersten Gäste auftauchen. Wird sie es schaffen, ihrem Bruder zu helfen, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt? Erschwerend kommt hinzu, dass die Sucht von Seth schon so weit fortgeschritten ist, dass er Entzugserscheinungen bekommt. In Ruhe das Pro und Contra abwägen, das ist keine Option, hier muss unter großem Druck gehandelt werden.

Die eine oder andere Szene ist dabei vielleicht ein wenig übertrieben, sodass 6 Ballons nicht ganz real wirkt. Aber auf reinen Realismus setzt Ryan ohnehin nicht bei ihrem Film. Schon die ersten Minuten, wenn Jane Kaczmarek als nervtötende Mutter von Katie und Seth einen wahnsinnig komischen Kurz-Auftritt hat, geben dem Drama einen leicht verschrobenen Charakter. Die Komik wird später zwar überwiegend wiedereingestellt, das Drama wird sogar zu einer regelrechten Zumutung, wenn wir Seth in die Drogenhölle folgen. Dem setzt Ryan aber eine andere Form von Eskapismus entgegen: ein Selbsthilfebuch, aus dessen Kapiteln regelmäßig vorgelesen wird.

Im Leben ertrinken
Von Booten ist dort die Rede. Boote, die wir nicht steuern können, aber zu steuern versuchen. Boote, die vielleicht auch nicht mehr sicher sind, veraltet, verrostet. Und von Wasser, in dem wir ertrinken. Es ist keine besonders subtile Metapher auf Katies Situation, die sich mehr aufhalst, als sie letztlich bewältigen kann. Aber doch eine sehr passende, die das Dreckige mit dem Poetischen verbindet. Die auch die Verzweiflung und Hilflosigkeit ausdrückt, in der sich Angehörige von Drogenabhängigen befinden.

Manche Stellen von 6 Ballons sind dann auch ziemlich schmerzhaft geworden, ohne – trotz der Anwesenheit eines kleinen Mädchens – auf allzu plumpe Manipulation zu setzen. Aber es sind auch schöne Szenen dabei, wenn sich die beiden entfremdeten Geschwister in der Not zusammenraufen, neue Krisen durchleben, aber auch alte Erinnerungen miteinander teilen. Das hat viel von einem Road Movie, auch wenn wir kein einziges Mal die Stadt verlassen: eine allmähliche Annäherung auf der Straße, viele Anekdoten zwischen komisch und tragisch. Eine Fahrt, die uns an einen Ort nimmt, uns vor allem aber an einer Familie und einer besonderen Beziehung teilhaben lässt. Die ist wunderbar gespielt, zeigt die beiden eher comedyaffinen Jacobson und Franco (Bad Neighbors, The Disaster Artist) in ungewohnt dramatischen Rollen, welche sie aber würdevoll und glaubwürdig meistern. Die Geschichte von 6 Ballons mag simpel sein, verzichtet auch aufgrund der kurzen Laufzeit von etwa 70 Minuten auf viel Drumherum. Aber sie ist gut und einnehmend erzählt, ein kleiner Geheimtipp in dem nicht immer schön wuchernden Netflix-Film-Dschungel.

6 Ballons
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6 Ballons
„6 Ballons“ lässt uns an der besonderen Beziehung zweier Geschwister teilhaben, die von den Drogenproblemen des Bruders geprägt ist. Das ist mal komisch, später dreckig und schmerzhaft, zwischendrin aber auch poetisch. Die Geschichte einer nächtlichen Autofahrt bleibt dabei simpel, ist aber doch so gut erzählt und gespielt, dass man den beiden ewig folgen könnte, ohne sich zu langweilen.
7von 10

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