Most Beautiful Thing Netflix

„Most Beautiful Thing – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 22. März 2019 (Netflix)

Es war ein so schöner Traum, den Malu (Maria Casadevall) da hatte: Gemeinsam mit ihrem Mann eine Bar in Rio de Janeiro aufmachen. Doch aus dem Traum wird nichts, denn ihr Göttergatte ist kurze Zeit später bereits verschwunden, mit ihm das komplette Geld. Die Verzweiflung ist groß bei Malu, bis sie eine neue Idee hat. Warum nicht zusammen mit Adélia (Pathy Dejesus) einen Club eröffnen, bei dem nicht nur der beste Alkohol ausgeschenkt wird, sondern auch aufregende Musiker auftreten? Schließlich schreiben wir das Jahr 1959, der Boss Nova schickt sich an, die Herzen der Menschen zu erobern. Die Umsetzung stellt sich jedoch als ziemlich knifflig heraus, denn keiner traut den Frauen zu, etwas auf die Beine zu stellen.

„Eine Frau muss viel mehr sein als nur schön. Sie muss etwas Trauriges an sich haben, das einen zum Weinen bringt. Sie muss Sehnsucht ausstrahlen, den Hauch eines gebrochenen Herzens. Die besondere Schönheit, die von dem Kummer zeugt, eine Frau zu sein.“

Manchmal reicht tatsächlich die erste Minute einer Serie, um eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu bekommen, was einen erwartet. Bei Most Beautiful Thing, auch als Girls from Ipanema bekannt, ist es der obige Prolog. Der verrät zwar nichts über die Handlung der Netflix-Produktion. Aber die ist auch zu vernachlässigen. Stattdessen geht es um Frauen, die schön sind, denen aber übel mitgespielt wird, und die im Laufe der Zeit lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.

Selbst ist die Frau!
Das ist als Thema nicht unsympathisch, trotz des 50er-Jahre-Settings auch nach wie vor aktuell. Schön, dass sich Adélia als Analphabetin herausstellt, ist heute nicht mehr ganz so leicht vorzustellen. Dass sie sich aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe mit Rassismus auseinandersetzen muss hingegen schon. Und auch der geringe Respekt, der den Frauen entgegenschlägt, als sie ihren Club eröffnen wollen, dürfte nach wie vor ein weit verbreitetes Phänomen sein. Da will man doch schon fast aus Prinzip den Damen die Daumen drücken, dass sie sich erfolgreich gegen die Unterdrückung wehren.

Gleichzeitig ist das aber auch eines der Probleme von Most Beautiful Thing: Es ist zu einseitig. Ständig passiert etwas, ständig werden die Frauen zu Opfern gemacht, entweder von Männern oder äußeren Umständen. Das soll Sympathien und Mitleid wecken, schon klar. Es regt aber eher dazu an, kräftig mit den Augen zu rollen oder irgendwann einfach abzuschalten. Die Häufung von Katastrophen in Verbindung mit den sehr genügsamen Charakterisierungen – die Schwarzweißmalerei hat Kinderfilmniveau – trägt nicht dazu bei, dass man der Serie die Geschichte abnimmt. Immerhin gibt es auch böse Frauen, eine herablassende Schwiegermutter zum Beispiel. Aber das macht die Sache auch nicht besser.

Tragisch, tragisch
Vielmehr offenbart es eine Schwäche des Drehbuchteams: Seine einzige Vorstellung der Geschichtenerzählung liegt darin, abwechselnd auf die Protagonistinnen einzuprügeln – teilweise wortwörtlich –, nur damit die danach wieder aufstehen. Das ist nicht nur übertrieben. Es ist auch ziemlich langweilig. Denn was vermutlich aufbauend und inspirierend sein sollte, wenn Frauen in den 1950ern ihren Mann stehen, ist eine billig zusammengeschriebene Seifenoper, bei der Pathos Esprit ersetzt. Vor gegen Ende hin, als sich die Ereignisse wirklich böse überschlagen.

Ärgerlich ist zudem, wie wenig Most Beautiful Thing aus dem eigenen Setting macht. Einen Club aufzumachen, in dem junge Vertreter einer neuen Musikrichtung auftreten, das sollte eigentlich aufregend sein und ein bisschen Aufbruchstimmung vermitteln. Ist aber nicht. Der Club ist bieder, hat so gar nichts von einem Ort des Neuanfangs oder gar Rebellion. Zwar wird behauptet, dass hier die unterschiedlichsten Leute und Stile zusammenkommen. Zu fühlen ist davon aber nichts. Stattdessen verschwimmt hier alles so einem schick zurechtgemachten Brei ohne Kontraste und Kanten, der nicht gerade zu einem wiederholten Besuch einlädt.



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Girls from Ipanema – Staffel 1
Die Idee ist durchaus sympathisch: Eine verlassene Ehefrau und eine schwarze Analphabetin wollen 1959 in Brasilien einen Club eröffnen, entgegen aller Widerstände. Das Ergebnis ist jedoch sehr viel weniger spannend: „Most Beautiful Thing“ ist oft nicht mehr als eine Seifenopfer, die zwischen langweilig und übertrieben wankt, von aufregender Aufbruchsstimmung ist hier nichts zu spüren.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

3 Responses

  1. Antje Medina

    Kann nur zustimmen: Gute Idee, leider nicht überzeugend umgesetzt. Das mit dem Analphabetismus ist in Brasilien leider bis heute Realität. Knapp 20 Prozent der Bevölkerung können entweder gar nicht lesen und schreiben oder sind funktionale Analphabeten, würden also z.B. so einen Vertrag nicht verstehen.

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  2. Ekkehard

    Sehe ich anders. Klar, wir haben hier diverse Seifenopernelemente, aber immerhin muss eine solche Serie in Brasilien auch mit den Telenovelas konkurrieren. In brasilianischen Serien passiert eben einfach mehr (Brasilianer halten deutsche Filme und Serien für äußerst langweilig, weil so wenig passiert), und für uns kann das auch mal klamaukhaft wirken. Dafür hat die Serie einen unwiderstehlichen Charme, den es in deutschen, biederen Serien schon lange mehr gibt oder nie gab. Die Musik, die Bilder, die Frauen und Männer…ich freue mich auf mehr!

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  3. Ella

    Ich finde „Most Beautiful Thing“ eine interessante Serie, die jedoch holprig ist und ein groteskes, geradezu lächerliches Ende hat. Das Setting, Rio de Janeiro in den 50ern, ist außergewöhnlich und bestechend schön, genau wie die Hauptdarsteller. Jedoch sind beide von Klischees durchzogen und immer wieder übertrieben. Und dann scheint es, als würden die verschiedenen Geschichten von unterschiedlichen Regisseuren kommen und wahllos aneinander geheftet sein. Als Zuschauer wird man dadurch immer wieder an die Wand manövriert. Es ist einfach keine runde Sache. Die Handlung ist so verdichtet, dass Leidenschaft und Leiden sich doch sehr zusammen quetschen. Die Eröffnung eines Clubs wird im Wirrwarr der Beziehungen fast schon zu einer Nebensache, die mit einem Wink des Zauberstabs im Hintergrund funktioniert. Stattdessen könnte die Serie auch „Frauen und Männer“ heißen. Eine Beziehungskrise folgt der nächsten, es gibt kaum ein Register was nicht gezogen wird. Als Zuschauer ist man bei dieser Serie vor allem unentschlossen. Manchmal scheint die Geschichte ihren Stil gefunden zu haben, scheint unabhängig und mutig zu sein. Es gibt sie, die Momente in denen die Charaktere glänzen und man sie dafür bewundert. Dann wieder verdreht man die Augen ob einer allzu vorhersehbaren Handlung oder einer unnötigen Komplikation. Die Hauptdarstellerinnen müssen alle ihre Männer abschütteln, um ihren Weg gehen zu können und doch dreht sich ihr Leben weiterhin um sie. Es fehlt an Glaubhaftigkeit und eigentlich fragt man sich bald warum zur Hölle alles in wenigen Wochen zu Staub zerfällt aus dem alle Frauen dann gemeinsam auferstehen nur um wieder zu Boden gestoßen zu werden. Manche Handlungen wirken nur aufgestellt um zu Fall gebracht werden zu können.
    „Most Beautiful Thing“ hätte seinem Titel gerecht werden können. Brasilien in den 50ern ist ein rauschendes Fest und die Hauptdarsteller schillernde Figuren. Aber das Produzententeam wollte zu viel und hat es sich damit vermasselt. Die Serie ist eine Achterbahnfahrt, bei der einem schwindelig wird. Alles scheint vertreten zu sein, nur an einem mangelt es der Serie: Eleganz.

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