Kritik

Noch nie in meinem Leben NEVER HAVE I EVER Netflix

„Noch nie in meinem Leben … – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 27. April 2020 (Netflix)

Es war ein schwieriges Jahr für Devi Vishwakumar (Maitreyi Ramakrishnan). Erst hat die Schülerin ihren Vater verloren, der mitten in einer Schulvorführung gestorben ist. Anschließend litt sie an einer mysteriösen Krankheit, welche sie monatelang in einen Rollstuhl zwang. Doch das ist vorbei, jetzt steht wieder der Alltag an. Das bedeutet Abhängen mit ihren besten Freundinnen Eleanor (Ramona Young) und Fabiola (Lee Rodriguez), Streitereien mit ihrer strengen Mutter Nalini (Poorna Jagannathan), welche die indischen Wurzeln ihrer Familie pflegt, sowie der Konkurrenzkampf mit ihrem Mitschüler Ben Gross (Jaren Lewison), der schon seit Kindheitstagen ihr Erzfeind ist. Doch dann bringt der Mädchenschwarm Paxton Hall-Yoshida (Darren Barnet) alles durcheinander, als er sich anscheinend tatsächlich für Devi interessiert und die daraufhin von der Situation völlig überfordert ist …

Und die nächste Serie bei Netflix, die sich mit Leid und Leben von Jugendlichen auseinandersetzt. Von denen hat es dieses Jahr nicht zu knapp gegeben, erst kürzlich gingen mit Outer Banks und Love 101 zwei neue an den Start, in denen junge Menschen sich mit komplizierten Gefühlen, gesellschaftlichen Zwängen und traumatischen Erfahrungen auseinandersetzen mussten. Das ist bei Noch nie in meinem Leben … im Grunde ganz ähnlich, wenn die Serie all die Punkte brav abhakt, die ein solches Szenario vorgeben. Die Serie macht das nur mit deutlich mehr Humor, findet selbst in den größten Abgründen und Schwierigkeiten noch etwas Komisches.

All die Farben des Lebens
Das ist kein wirkliches Wunder, steckt doch Mindy Kaling dahinter, die zusammen mit Lang Fischer das Konzept der Serie entwickelt hat. Und Mindy ist in den letzten Jahren zu einer vielbeachteten Komödiantin herangewachsen, die sowohl als Schauspielerin wie auch als Drehbuchautorin viel Talent bewiesen hat – etwa in ihrer Serie The Mindy Project oder in dem Film Late Night – Die Show ihres Lebens. Darin greift sie auf ihre eigenen Erfahrungen zurück, welche sie zum einen als Frau in der Unterhaltungsbranche gemacht hat, aber auch als jemand mit Migrationshintergrund. Wenn sie in Noch nie in meinem Leben … also eine junge Amerikanerin mit indischen Eltern in den Alltagskampf zwischen Schule und kulturelles Erbe schickt, dann weiß die Serienschöpferin, wovon sie spricht.

Wem das schon zu viel Diversity ist, der sollte lieber einen großen Bogen um Noch nie in meinem Leben … im Leben machen, denn Kaling und Fisher bringen hier alles zusammen, was man so finden kann. Devis eine beste Freundin hat einen asiatischen Hintergrund, die andere ist eine ungeoutete Lesbe, Paxton hat japanische Wurzeln, dessen Schwester ist mongoloid, Ben ein Jude. Die einzige Hauptfigur, welche nicht in irgendeiner Form einer Minderheit angehört, ist Tennis-Star John McEnroe, der als Erzähler der Serie in Erscheinung tritt – eine von vielen wunderbar skurrilen Einfällen, die man hatte. Ein derart geballtes Auftreten der unterschiedlichsten Ethnien und Kulturen kann schnell überladen und erzwungen wirken. Doch es gelingt hier, diese Elemente einfließen zu lassen, ohne gleichzeitig alles andere zu dominieren.

Die ganz alltäglichen Probleme eines jungen Menschen
Tatsächlich erzählt Noch nie in meinem Leben … von Erfahrungen, die über weite Strecken so universell sind, dass sich jeder darin wiederfinden kann, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung. Da sind die Erwartungen, die deine Eltern an dich haben, fortlaufende Konkurrenzkämpfe, die Suche nach der großen Liebe, Angst vor den eigenen Gefühlen, das Gefühl der Fremdheit, Defizite in der Kommunikation sowie eine sich schnell verändernde Welt – die Netflix-Serie zeigt auf, wie ähnlich sich die Erfahrungen sind, die Jugendliche machen können. Manchmal ist die Geschichte fast schon zu universell, wenn die Probleme sich nach bekanntem Schema anhäufen, vieles hier lässt sich problemlos vorhersagen. Doch dazwischen finden sich eben auch schön absurde Situationen und Elemente, welche das Schema aufbrechen.

Und es findet sich neben gelungenen Gags jede Menge Herz. Wenn beispielsweise immer wieder die Sprache auf den Tod von Devis Vater kommt, den die Jugendliche nach allen Kräften zu verdrängen versucht, dann wird Noch nie in meinem Leben … gleichzeitig zu einer bewegenden Auseinandersetzung mit Trauer. Schön ist zudem, dass die Figuren der Serie alle ihre Macken haben dürfen, nicht auf Teufel komm raus gut und vorbildhaft sein müssen. Umgekehrt gibt es keine wirklichen Feindbilder, jeder hat mit Problemen zu kämpfen, und sei es nur Einsamkeit und Vernachlässigung. Glücklicherweise hat man hierfür auch eine tolle Besetzung gefunden: Die Schauspieler und Schauspielerinnen sind bislang zwar alles andere als namhaft, empfehlen sich mit ihren Leistungen aber für weitere Auftritte.

Credits

OT: „Never Have I Ever“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Tristram Shapeero, Linda Mendoza, Kabir Akhtar, Anu Valia
Drehbuch: Mindy Kaling, Lang Fisher, Justin Noble, Amina Munir, Chris Schleicher, Akshara Sekar, Aaron Geary, Ben Steiner, Erica Oyama, Matt Warburton
Idee: Mindy Kaling, Lang Fisher
Musik: Joseph Stephens
Kamera: Rhet Bear
Besetzung: Maitreyi Ramakrishnan, Darren Barnet, Ramona Young, Lee Rodriguez, Jaren Lewison, Poorna Jagannathan, Richa Moorjani, John McEnroe

Trailer

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Noch nie in meinem Leben … – Staffel 1
3.82 (76.36%) 11 Artikel bewerten

Noch nie in meinem Leben ... – Staffel 1
„Noch nie in meinem Leben“ erzählt von einer jungen Amerikanerin mit indischen Eltern, die sich unter anderem mit dem Tod ihres Vaters, der ersten Liebe und Konkurrenzkämpfen an der Schule auseinandersetzen muss. Das ist viel Stoff, zumal die Serie auch viel Platz den verschiedenen Themen rund um Diversität einräumt. Das Ergebnis ist jedoch nicht so überladen wie befürchtet, vielmehr warmherzig und irgendwo zwischen universell und originell.
7von 10

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