„Les Affamés“, Kanada, 2017
Regie: Robin Aubert; Drehbuch: Robin Aubert; Musik: Pierre-Philippe Côté
Darsteller: Marc-André Grondin, Monia Chokri, Brigitte Poupart, Édouard Tremblay-Grenier, Micheline Lanctôt, Marie-Ginette Guay

Les Affames

„Les Affamés“ läuft im Rahmen der Fantasy Filmfest White Nights 2018 (20./21. und 27./28. Januar 2018)

Die Welt hat sich verändert. Die Menschen auch: Überall verwandeln sie sich in blutrünstige Bestien, die übereinander herfallen und sich gegenseitig beißen. Nur einige wenige haben die Epidemie überlebt. Bonin (Marc-André Grondin) zum Beispiel, der mit seinem Kompagnon Vézina (Didier Lucien) durch die Gegend fährt. Musikerin Tania (Monia Chokri), die in einer Hütte gefangen wurde. Céline (Brigitte Poupart) und Ti-Cul (Édouard Tremblay-Grenier), die ihre gesamte Familie verloren haben. Auch Réal (Luc Proulx) musste sich von seiner geliebten Ehefrau verabschieden. Schlimmer noch: Er hat sie töten müssen. Pauline (Micheline Lanctôt) und Thérèse (Marie-Ginette Guay) sind hingegen vergleichsweise glimpflich davongekommen und haben sich nun in ihrem Haus verbarrikadiert, wo ihnen langsam die Vorräte ausgehen.

Das Fantasy Filmfest wäre einfach nicht komplett, wenn nicht irgendwo ein paar geifernde Zombies durch die Gegend schlurfen. Beim 2018er Winterableger White Nights fällt diese Ehre nun Hungrig aka. Les Affamés zu, der schon bei diversen anderen Filmfesten – unter anderem Toronto – die Kritiker verzückte und nun endlich auch seinen Weg nach Deutschland findet. Kritikerlob für einen Zombiefilm? Das ist nicht ganz so alltäglich. In dem Fall aber durchaus gerechtfertigt, denn der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Robin Aubert hat hier auch keinen ganz alltäglichen Genrevertreter vorgelegt.

Zombie-Überlebenskampf as usual
Dabei ist das große Ganze so, wie wir es eigentlich immer zu sehen bekommen. Eines Tages bricht ein Virus aus, der einen Großteil der Menschen in Zombies verwandelt. Die machen nun Jagd auf die Menschen; ein Biss reicht, um aus Letzteren selbst frischgebackene Zombies werden zu lassen. Woher der Virus kommt, wird wie immer nicht erzählt. Stattdessen folgen wir einer kleinen Truppe Überlebender bei ihren täglichen Kämpfen, beobachten, wie sie zu einer Schicksalsgemeinschaft heranwachsen und dabei immer weniger werden. Business as usual also im Zombie-Geschäft.

Es sind jedoch die Details, welche Les Affamés von der großen Konkurrenz unterscheiden. Da wäre zum einen die Zusammensetzung der Gruppen. Hier gibt es kein knapp bekleidetes Mädel, das als Love Interest für den starken Helden herhalten muss. Es gibt ja noch nicht mal den starken Helden. Mit Bonin ist gerade mal ein Mann im üblichen Protagonistenalter dabei. Und der ist nicht wirklich eindrucksvoll. Auch Tania ist mit Mitte 30 noch an der Rahmengrenze des Hollywood-Vertretbaren. Der Rest? Zwei Kinder, eine Frau im fortgeschrittenen Alter, drei Senioren. Zwei davon, so lässt sich zumindest vermuten, sind zudem lesbisch. Wenn sich diese wackeren Kämpfer hier einer Horde Menschenfresser entgegenstellen, dann ist das mindestens ein ungewöhnlicher Anblick.

Persönlich, ruhig, surreal
Aubert verwendet zudem viel Zeit darauf, den Helden wider Willen auch persönlich näherzukommen. Zwischenzeitlich ist Les Affamés mehr individuelles Drama als globaler Horror. Es wird mehr gesprochen als geschossen. Und noch viel mehr geschwiegen. Allzu gesprächig ist die frankokanadische Produktion nicht, nach einem einzelnen Satz zu Beginn der Katastrophe wird erst einmal nichts mehr gesagt. Der Film nutzt die Stille dabei sehr geschickt, um eine unheimliche, einsame Stimmung zu erzeugen, das Gefühl, wirklich völlig auf sich allein gestellt zu sein. Wenn dann doch mal Musik ertönt, dann ist auch sie zurückhaltend. Große dramatische Momente gibt es keine, stattdessen beunruhigende, fremdartige Klänge, die hin und wieder von furchterregenden Schreien unterbrochen werden.

Fremdartig sind aber auch die Bilder. Teilweise sind sie sehr schön anzusehen, zeigen das ländliche Kanada. Dann wiederum wird es sehr surreal. Denn irgendwie wollen sich auch die Zombies nicht so verhalten, wie sie sollten. Dass sie sehr agil sind, teilweise wohl auch intelligent, wird manchem Puristen übel aufstoßen. Aber es sorgt doch immer wieder für spannende Szenen. Und auch sehr seltsame, wenn sie ihre Zeit ausgesprochen konstruktiv verwenden. Am Ende wird Les Affamés keine neuen Erkenntnisse gebracht oder den Zombiefilm als solchen revolutioniert haben. Die kleinen Variationen, der bizarre Comic Relief, gekoppelt mit der dichten Atmosphäre machen den Film aber zu einem der besseren Beispiele der letzten Zeit, weshalb sich hoffentlich noch ein regulärer deutscher Verleih hierfür finden wird.

Hungrig
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Hungrig
„Les Affamés“ verlegt die übliche Zombieapokalypse ins kanadische Hinterland, während wir einer kleinen Zahl von Überlebenden über die blutende Schulter schauen. Das entspricht strukturell erst einmal dem Genrestandard. Die ungewöhnlichen Protagonisten, komische bis surreale Momente und ein gelungener Einsatz von (Nicht-)Musik machen die Indie-Produktion aber zu einem der interessanteren Vertreter der letzten Zeit.
7von 10

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