„Der Auserwählte – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 28. Juni 2019 (Netflix)

Ein gefährlicher Virus greift um sich in Brasilien, der viele Menschenleben kosten könnte. Glücklicherweise ist ein Impfstoff bereits gefunden, jetzt muss er nur noch unter die Leute gebracht werden. Während das in den Städten kein Problem ist, bereiten den Behörden die abgelegenen Siedlungen im Dschungel Sorgen. Aguazul  Lúcia Santeiro (Paloma Bernardi), Enzo Vergani (Gutto Szuster) und Damião Almeida (Pedro Caetano) sind drei der Ärzte, die damit beauftragt werden, die Leute da draußen vorzubereiten und zu impfen. In einem kleinen Dorf beißen sie sich mit diesem Vorhaben aber die Zähne aus, denn dort verweigern sich alle aus religiösen Gründen der Medizin. Aber was hat es mit diesem mysteriösen Auserwählten auf sich?

Der Glaube ist etwas derart Persönliches, dass es oft eine etwas schwierige Angelegenheit ist, ihn erklären bzw. verstehen zu wollen – schließlich basiert er auf etwas Intuitivem, nicht auf etwas Rationellem. Die Netflix-Serie Der Auserwählte ist so ein Fall, wo es als Außenstehender nahezu unmöglich ist, die Überzeugung nachvollziehen zu können. Natürlich gibt es auch im wahren Leben Gruppierungen, sie sich aus religiösen Gründen gegen bestimmte medizinische Behandlungen entscheiden. Und Impfgegner gibt es ohnehin zunehmend mehr, verbunden mit den kuriosesten Verschwörungstheorien. Da sollte einen nichts mehr schocken.

Warum tut ihr das?
Und doch ist das hier alles ein wenig seltsam, ein wenig bizarr, mit welcher Vehemenz die Einwohner und Einwohnerinnen gegen die Medizin ankämpfen. Denn eigentlich sieht das Dorf gar nicht so extrem losgelöst von der „Zivilisation“ aus. Wer hier etwas ähnlich Exotisches erwartet wie etwa Der Schamane und die Schlange, der sieht sich getäuscht. Man hat hier nur selten den Eindruck, wirklich in einer anderen Welt zu sein. Die Abgeschiedenheit des Dorfes dient in erster Linie dazu, einen ungestört agierenden Kult zu etablieren: Wo nie jemand vorbeikommt, da kann auch niemand stören. Meistens zumindest.

Eine reguläre Auseinandersetzung von Religion und Wissenschaft ist das hier jedoch nicht. Anders als zum Beispiel Kindeswohl, das sich eindeutig als charakterbezogenes Drama präsentiert um einen Jugendlichen, der gegen seine Überzeugung gerettet wird, da ist bei Der Auserwählte bis zum Schluss nicht ganz klar, was die Serie eigentlich sein soll. Drama gibt es hier natürlich auch. Zum einen werden hier immer wieder Flashbacks eingebaut, die den Medizinern mehr Tiefe verleihen sollen. Außerdem dürfen später noch persönliche Bedürfnisse und Befindlichkeiten ins Spiel kommen.

Dramatisches Rätselraten
Gleichzeitig ist Der Auserwählte aber auch ein Mystery-Thriller. Hier wird nicht nur von Religion gesprochen, sie wird auch richtig praktiziert. Oder vielleicht doch nicht? Was hat es mit dem titelgebenden Auserwählten auf sich? Warum haben die Menschen dort so unheimliche Heilungsraten? Und weshalb reagieren sie so anders auf harmlose Medizin? Ein Grund, bei dieser brasilianischen Serie dranzubleiben, ist dann auch die Neugierde, was sich hinter allem verbirgt. Gibt es eine spirituelle Erklärung für die seltsamen Vorkommnisse? Oder gar doch eine naturwissenschaftliche? Für ein bisschen Nervenkitzel sollen aber auch die zwischenmenschlichen Spannungen sorgen, die es nicht nur zwischen den Einwohner*innen und Mediziner*innen gibt, sondern auch untereinander.

Das hört sich alles sehr vielversprechend an, eine Kombination aus Genreunterhaltung und grundsätzlichen Überlegungen. Das Ergebnis hält diese Versprechen aber nicht so recht. Dabei ist es nicht einmal so, dass Der Auserwählte gravierende Fehler machen würde. Die einzelnen Elemente finden sich nur einfach nicht wirklich zusammen. Die gut gemeinten Flashbacks stören den Fluss der Geschichte, die Antworten auf die Mystery-Elemente sind unbefriedigend, die Konflikte eher erzwungen. Und so dümpelt die Serie nach dem gelungenen Einstand zu sehr vor sich hin, selbst wenn sie gerade sehr dramatisch sein will. Das ist immer noch solide, dank der Kürze der ersten Staffel braucht es auch nicht viel Zeit, sich alles anzuschauen. Doch auch wenn das offene Ende eine Fortsetzung einfordert und man irgendwie schon gern mehr wüsste: Wirklich daraufhin fiebern dürften wohl nur die wenigsten.



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Der Auserwählte – Staffel 1
2.85 (56.92%) 39 Artikel bewerten

Der Auserwählte – Staffel 1
„Der Auserwählte“ ist eine vom Konzept her interessante Mischung aus Religion-Wissenschaft-Konflikt und Mystery-Thriller, die nach einem vielversprechenden Einstieg jedoch eher enttäuscht. Die ganz großen Fehler bleiben zwar aus. Dafür kann sich die Serie nie so recht entscheiden, was sie sein will, und dümpelt in Folge zu sehr herum.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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