Kritik

Soundtrack Netflix

„Soundtrack – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 18. Dezember 2019 (Netflix)

Früher einmal, da wollte Sam (Paul James) Musiker werden. Aber irgendwie verlief das alles dann doch ganz anders, als er sich das gedacht und erhofft hatte. Derzeit arbeitet er als Koch, beim Versuch, ein geregeltes Leben aufzubauen und für seinen Sohn Barry (Isaiah Givens) zu sorgen, den er nach dem Tod seiner Frau alleine aufzieht. Aber auch bei Nellie (Callie Hernandez) ging eigentlich nichts nach Plan. Ihren Traum, Graphic Novels zu machen, verfolgt sie kaum noch, viel zu sehr ist sie damit beschäftigt, ihr chaotisches Privat- und Liebesleben irgendwie unter Kontrolle zu bekommen – zumal ihre Mutter Margot (Madeleine Stowe) da ständig dazwischenfunkt …

An den Kinokassen waren Musikfilme bzw. Musicals in den letzten zwei Jahren überaus erfolgreich gewesen, allen voran Bohemian Rhapsody und Greatest Showman. An weiteren Versuchen soll es nicht mangeln, nach dem Geheimtipp Wild Rose startet demnächst die groteske Bühnenadaption Cats in den Lichtspielhäusern. Das ist Netflix natürlich nicht entgangen. Der Streamingdienst hat seinerseits versucht, mit musikalischen Einlagen Kasse zu machen, brachte dieses Jahr unter anderem die Filme Beats und The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock’n’Roll sowie die Serie Turn Up Charlie heraus.

Ein ganz persönliches Lied von jemand anderem
Neues Mitglied in der immer größer werdenden Familie ist Soundtrack. Die Serie hätte eigentlich regulär im Fernsehen laufen sollen, wurde hierfür aber abgelehnt, bevor Netflix dann einstieg. Musik ist hier gleich in doppelter Hinsicht wichtig. Einerseits kommt Sam aus dem Bereich, hätte genug Talent für eine künstlerische Karriere gehabt, haderte jedoch immer mit den Erwartungen seiner Eltern und der eigenen Unentschlossenheit, was seine eigenen Wünsche angeht. Außerdem – der Titel verrät es bereits – geht es viel um Musik als Begleiterscheinung, wenn regelmäßig bekannte Lieder herangezogen werden, um die jeweilige Situation der Figuren zu vertonen.

Die Auswahl der Lieder ist groß, da ist von R’n’B über Country bis zu Elektro und Pop so ziemlich alles dabei, was das Radio irgendwann mal ausgegraben hat. Ein Soundtrack, der von Portishead zu Dolly Parton wechselt? Das ist selten. Eine durchgängige Identität erreicht man damit natürlich nicht, ist aber auch nicht beabsichtigt. Vielmehr soll hiermit die Bandbreite und Komplexität des Lebens gezeigt werden. Die Idee ist schön, die Umsetzung jedoch ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. Immer wieder wird die Geschichte unterbrochen, um im Musical- oder Bollywood-Stil die Figuren singen zu lassen. Das ist umso irritierender, weil das Ensemble selbst gar nicht singt, sondern alles per Playback abläuft – was der Emotionalität nicht unbedingt hilft. Einerseits zu sagen, dass jeder ein Lied in sich trägt, dann aber andere singen zu lassen, das ist schon ein wenig dreist.

Und auf zur nächsten Geschichte!
Interessanter ist da schon eine andere Entscheidung: Serienschöpfer Joshua Safran verzichtet darauf, seine Geschichte chronologisch zu erzählen. Das führt früh zu einer Überraschung, wenn die vermeintlich sichere Romanze anders abläuft. Außerdem nimmt er sich viel Zeit, um seine Figuren ausführlich vorzustellen. In Soundtrack geht es eben nicht nur um Sam und Nellie, sondern um das komplette Umfeld. Im Laufe der zehn Episoden folgen wir den beiden, aber auch den Eltern, anderen verwandten oder Freunden, erfahren wer sie sind, was sie antreibt und was sie zusammengeführt hat. Das ist auch deshalb sehenswert, weil durch die ständigen Zeitsprünge das Verhalten in bestimmten Situationen deutlicher wird. Gerade das Thema, was wir von unseren Eltern mitbekommen und wie sehr wir von dem beeinflusst sind, was sie vor uns erlebt haben, wird sehr schön ausgearbeitet.

Das bedeutet nicht, dass immer alles zwangsläufig nachvollziehbar ist, einiges wird trotz der längeren Ausführungen nie richtig erklärt. Außerdem sind manche Figuren nicht unbedingt die großen Sympathieträger. Da gibt es schon immer wieder Anlass zum Ärger, einige haben großes Talent dazu, einem ständig auf die Nerven zu gehen. Zu guter Letzt dreht sich irgendwann auch noch viel im Kreis, wenn Soundtrack Konflikte wiederholt, ohne etwas Neues darüber zu sagen zu haben. Andere Geschichten werden dafür recht schnell abgewürgt, über die man gern noch etwas mehr erfahren hätte, oder man sucht die Abkürzung über den Kitsch. Man muss sich also damit abfinden können, dass im Detail einiges unbefriedigend ist, von den eigenartigen Musical-Nummern ganz zu schweigen. Schafft man das, ist die Netflix-Serie aber aufgrund der größeren Ambitionen, gerade im Hinblick auf die Figuren, eines der interessanteren Familiendramen der letzten Zeit.

Credits

OT: „Soundtrack“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Jesse Peretz, Karen Gaviola, Ti West, Joe Swanberg, Darren Grant, Joshua Safran
Drehbuch: Joshua Safran, Beth Schacter, Khiyon Hursey, Harrison Richlin, Lauren Yee, Richard Kramer, Allyn Rachel, Korde Tuttle
Idee: Joshua Safran
Kamera: Jas Shelton, Tom Clancey
Besetzung: Paul James, Callie Hernandez, Madeleine Stowe, Jenna Dewan, Isaiah Givens, Marianne Jean-Baptiste, Jahmil French, Megan Ferguson, Campbell Scott

Bilder

Trailer



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Soundtrack – Staffel 1
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Soundtrack – Staffel 1
„Soundtrack“ wirkt zunächst wie eine typische Musical-Romanze, zeigt später aber doch mehr Ambitionen und Qualitäten. Vor allem die abwechslungsreiche Musik-Auswahl, welche des Innenleben verdeutlichen soll, und die ungewöhnliche Erzählstruktur tragen dazu beim dass die Serie eines der besseren Familiendramen ist, selbst wenn die Playback-Gesangseinlagen dem Konzept zuwiderlaufen.
6von 10

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