Kritik

Das Dilemma mit den sozialen Medien The Social Dilemma Netflix

„Das Dilemma mit den sozialen Medien“ // Deutschland-Start: 9. September 2020 (Netflix)

Ob nun Facebook oder Twitter, Instagram oder TikTok – die sogenannten sozialen Medien sind zu einem festen Bestandteil unseres Alltag geworden. Natürlich gibt es Unterschiede bei den Plattformen, sowohl im Hinblick auf die Anwendung wie auch die Zusammensetzung der Benutzer und Benutzerinnen. Vom Prinzip her dienen sie aber alle dazu, sich mit anderen auszutauschen und Netzwerke zu schaffen oder diese zumindest aufrechtzuerhalten. Das hört sich erst einmal eigentlich ganz gut sein. Was spricht dagegen mit Freunden selbstgedrehte Videos zu tauschen? Anderen von meinen Urlaubserfahrungen zu berichten? Kontakt zu halten mit Verwandten, die ansonsten zu weit weg wären?

Doch das ist eben das Perfide an diesen Diensten, wie die neue Netflix-Dokumentation Das Dilemma mit den sozialen Medien vorführt. Sie tarnen sich oft als etwas, das sie nicht sind, verfolgen im Geheimen ganz andere Zwecke, sind zudem nicht allein eine Verbindung, sondern sorgen auch dafür, dass Gräben zwischen den Menschen immer weiter werden. Nun ist das keine ganz neue Entdeckung, einige warnen schon seit Jahren vor den Risiken, welche die neuen Medien mit sich bringen – teils bewusst, teils unbewusst. Viel geändert hat sich jedoch nicht, wohl auch weil die Kritiker nicht immer ganz ernst genommen werden.

Das Bedauern der Mittäter
Das Dilemma mit den sozialen Medien lässt jedoch solche zu Wort kommen, die man auf jeden Fall ernst nehmen sollte. Hier sind es mal keine weltfremden Professoren, die keine Ahnung von der Materie oder jungen Menschen haben und nur Angst vor etwas haben, das sie nicht verstehen. Die Leute, die hier ihre Warnungen teilen, verstehen sehr wohl, was geschieht, haben sie doch selbst dazu beigetragen. Neben den zu erwartenden Wissenschaftlern wurden auch Interviews mit Leuten geführt, die für eben diese sozialen Medien arbeiten, darunter der frühere Chef von Pinterest sowie einer der Männer, welche den berühmt-berüchtigten Like-Button bei Facebook entwickelt haben.

Dieser ist auch eines der besten Beispiele dafür, wie selbst vermeintlich harmlose und eigentlich gut gemeinte Entwicklungen negative Folgen haben können. Ursprünglich war auch der Button dafür gedacht, mit anderen etwas zu teilen und positiv zu sein. Stattdessen führte es dazu, dass gerade jüngere Menschen zu Sklaven dieser Aufmerksamkeit und Bestätigung werden. Alles wird dem Ziel untergeordnet, anderen zu gefallen, was gerade in einem Alter der Selbstentdeckung und Selbstfindung tödlich sein kann – wortwörtlich, die Selbstmordzahlen sind zum Teil deutlich gestiegen. Allgemein werden durch diese Medien Bilder vermittelt, die zu einem Ideal werden, das andere zu erreichen haben, selbst wenn dies weder sinnvoll noch realistisch ist.

Eine Vielzahl an Gefahren
Und das ist nur eine der diversen negativen Auswirkungen, welche der eigentlich auf Naturdokus spezialisierte Filmemacher Jeff Orlowski zusammengetragen hat. Die Optimierung zu Zwecke der besseren Werbevermittlung, die Förderung von Falschnachrichten oder gar bizarrer Verschwörungstheorien, der gezielte Versuch, ein Suchtverhalten auszulösen – die Liste an Vorwürfen ist lang. Die der Gegenmaßnahmen ist dafür umso kürzer. Zwar wird vereinzelt mal überlegt, in welcher Form die in die Kritik geratenen Unternehmen reguliert werden könnten. Letztendlich zeigt der Film aber eine Hilflosigkeit gegenüber dieser Marktmacht, Das Dilemma mit den sozialen Medien endet mit dem verzweifelten Appell, einfach seinen Account zu löschen.

Während das Fehlen einer realistischen Antwort auf die Probleme bedauerlich, aber kein echtes Manko ist – gäbe es eine einfache Lösung, hätten sie auch andere gefunden –, hat die Doku aber ein paar tatsächliche Mängel. Zum einen wird das im Titel angesprochene Dilemma nie als solches aufgezeigt. Die positiven Eigenschaften, welche soziale Medien durchaus haben oder haben können, werden kaum gewürdigt, was eine echte Auseinandersetzung verhindert. Es wird zu wenig darauf eingegangen, weshalb sie überhaupt diese große Bedeutung für Menschen haben. Wenig geglückt sind zudem die mit Schauspielern gedrehten Szenen, welche anhand einer Geschichte das Suchtverhalten aufzeigen wollen. Während die Absicht löblich war, das Thema etwas greifbarer und weniger theoretisch zu machen, tatsächlich überzeugend ist das Ergebnis nicht. Dennoch ist die etwas apokalyptische Doku, welche auf dem Sundance Film Festival 2020 Premiere hatte, natürlich sehenswert, als Warnung vor aktuellen Gefahren, die noch immer von zu wenigen als solche wahrgenommen wird.

Credits

OT: „The Social Dilemma“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Jeff Orlowski
Drehbuch: Davis Coombe, Vickie Curtis, Jeff Orlowski
Musik: Mark A. Crawford
Kamera: John Behrens, Jonathan Pope
Besetzung: Skyler Gisondo, Kara Hayward, Vincent Kartheiser

Trailer

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Das Dilemma mit den sozialen Medien
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Das Dilemma mit den sozialen Medien
Ob Zwang zur Konformität oder Förderung von Verschwörungstheorien, „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ zeigt eine ganze Reihe negativer Auswirkungen und Gefahren auf, welche soziale Medien so mit sich bringen. Die Doku ist vor allem als Warnung sehenswert, auch wenn echte Lösungsansätze fehlen und positive Entwicklungen verschwiegen werden, was eine echte Diskussion verhindert.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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