Kritik

Ju On Origins Netflix

„Ju-on: Origins – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 3. Juli 2020 (Netflix)

Für Yasuo Odajima (Yoshiyoshi Arakawa) gibt es nichts Größeres, als sich unheimliche Geschichten anzuhören, unerklärliche Ereignisse, die sich irgendwo zugetragen haben sollen. Solche Geschichten zu sammeln, ist seine Leidenschaft. Es ist aber auch sein Beruf: Der Journalist hat schon diverse Bücher veröffentlicht, in denen er paranormale Vorfälle festhält. Als er durch eine TV-Show erfährt, dass die Schauspielerin Haruka Honjo (Yuina Kuroshima) eigenartige Fußschritte hört, nachdem ihr Freund ein Haus besichtigt hat, ist er Feuer und Flamme. Aber die beiden werden nicht die einzigen sein, die im Zusammenhang mit dem Haus ihr wahres Wunder erleben …

Zum Jahrtausendwechsel waren sie der letzte Schrei im Horrorbereich: Filme aus Japan. Während das fernöstliche Land zuvor durchaus cineastisch im Westen vertreten war, seien es nun Dramen, Godzilla, Samuraiwerke oder Animes, das Horrorgenre brachte man von einigen Ausnahmen abgesehen eher weniger damit in Verbindung. Das änderte sich Ende der 90er schlagartig, als Ringu über ein todbringendes Videoband zu einem Phänomen wurde, dem sich bald eine Reihe weiterer Titel anschloss. Die zweite große Reihe startete kurze Zeit später mit Ju-on: The Grudge, einer eigenen Interpretation des Haunted-House-Subgenres, bei der ein rachesüchtiger Geist sein Unwesen treibt.

Reise in die Vergangenheit
Inzwischen ist von dieser großen Welle nicht mehr viel übrig geblieben, dann und wann wird bei den beiden Zugpferden aber noch versucht, an die ruhmreichen Tage anzuschließen. Im Fall von Ju-on gibt es dieses Jahr sogar einen Doppelschlag. Er erschien Anfang des Jahres The Grudge, der mittlerweile vierte Film aus der US-amerikanischen Reihe, die sich parallel zur japanischen gebildet hat. Nun folgt die Netflix-Serie Ju-on: Origins, die uns gleich doppelt zurück zu den Anfängen führt. Zum einen reisen wir hier wieder nach Japan, wo das Grauen seinen Ursprung hat. Außerdem soll hier geklärt werden, was es genau mit dem Horrorhaus auf sich hat, anstatt nur ein Opfer nach dem anderen sterben zu sehen.

Tatsächlich klar ist bei Ju-on: Origins zunächst aber relativ wenig. Zwar braucht es keine Vorkenntnisse der Filme, da man hier dem Prinzip eines Prequels folgend ganz von vorne anfängt, also jeder einsteigen kann. Verwirrend ist die Serie aber schon. Vergleichbar zu den Filmen gibt es hier keine wirkliche Hauptfigur. Stattdessen erzählt Regisseur Shô Miyake, der schon bei seinem Drama And Your Bird Can Sing eine episodenhafte Struktur verwendete, von einer ganzen Reihe an Charakteren, die in irgendeiner Form mit dem Haus in Berührung kommen. Mit schrecklichen Folgen, versteht sich, so ein Fluch muss sich seinen Namen schließlich verdienen, das Horrorpublikum muss bedient werden. Anders als die Vorlage, die mehr auf eine unheimliche Atmosphäre setzte, darf das hier richtig zur Sache gehen, da wird im Laufe der sechs Folgen schon einiges an Blut verspritzt.

Irdische Hölle statt übernatürlicher Abgründe
Und doch würde man Ju-on: Origins nicht gerecht werden, wenn man die Serie auf diese Gore-Momente reduziert. Ohnehin ist fraglich, ob Horrorfans mit dem Ergebnis so wahnsinnig glücklich sein werden. Die übernatürlichen Aspekte spielen zwar immer wieder in die Geschichte hinein. Wichtiger sind aber die Lebenden und ihre jeweiligen Schicksale. Sicher, eine großartige Charakterisierung braucht man sich nicht zu erwarten, was zu der anfänglichen Konfusion beiträgt und man bei den ständigen Wechseln die einzelnen Figuren wenig unterscheiden kann. Dafür sind die sechs Folgen vollgestopft mit irdischen Abgründen, mit dysfunktionalen Familien, verbotenen Beziehungen, einem alles zerfressenden Groll, der oft in Gewalt, zumindest Missbrauch endet. Das ist einem Drama meist näher als einem tatsächlichen Genrebeitrag, was so manche vor den Fernsehern langweilen dürfte.

Die andere Herausforderung ist die fragmentarische Erzählstruktur. Nicht nur, dass Ju-on: Origins ständig zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her springt, Miyake verzichtet auch auf eine chronologische Abfolge. Es braucht deshalb eine Weile, um in die Geschichte hineinzukommen, das Tempo ist nicht besonders hoch. Erst im weiteren Verlauf konzentrieren sich die Mysteryelemente, wenn das Haus als Gemeinsamkeit gefunden wurde und die Figuren sich begegnen. Da zudem die Belohnung eher gering ist, man nur spärliche Antworten erhielt und ansonsten auf eine zweite Staffel verweist, birgt das durchaus Frustgefahr. Und doch ist das Ergebnis interessant, besser als man im Vorfeld hätte erwarten dürfen, und eine Erinnerung daran, warum damals Fernost plötzlich zu einer Horrorhochburg wurde.

Credits

OT: „Ju-on: Origins“
Land: Japan
Jahr: 2020
Regie: Shô Miyake
Drehbuch: Hiroshi Takahashi, Takashige Ichise
Musik: Kuniaki Haishima
Besetzung: Yoshiyoshi Arakawa, Yuina Kuroshima, Ririka, Koki Osamura, Seiko Iwaido, Kai Inowaki, Ryushin Tei, Yuya Matsuura, Kaho Tsuchimura, Tokio Emoto, Nobuko Sendo, Kana Kurashina

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Ju-on: Origins – Staffel 1
3.6 (72%) 20 Artikel bewerten

Ju-on: Origins – Staffel 1
„Ju-on: Origins“ nimmt uns mit zu den Anfängen und sucht eine Erklärung, weshalb das verfluchte Haus der beliebten Reihe so viele Todesopfer forderte. Die Serie mischt dabei Drama mit blutigem Schrecken, ist insgesamt mehr mit den Geschichten der Lebenden befasst als mit dem übernatürlichen Element. Das wird manche enttäuschen, zumal die verworrene Erzählstruktur den Einstieg erschwert, ist aber doch eine interessante und vielversprechende Rückkehr zu den Wurzeln.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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