Inhalt / Kritik

Concrete Cowboy Netflix

„Concrete Cowboy“ // Deutschland-Start: 2. April 2021 (Netflix)

Genug ist genug. Als Cole (Caleb McLaughlin) mal wieder in Schwierigkeiten gerät und nun sogar aus der Schule fliegen soll, schickt ihn seine Mutter zu seinem Vater Harp (Idris Elba) nach Philadelphia. Sonderlich gut ist das Verhältnis zu ihm nicht, weswegen Cole auch so gar keine Lust hat, Zeit bei ihm zu verbringen. Genauso wenig kann der 15-Jährige etwas mit den Pferden anfangen, die Harp und die anderen halten. Wozu braucht man schon Pferde, mitten in der Großstadt? Doch nach einer Weile gewöhnt sich der Jugendliche an dieses Leben, welches in der Tradition früherer Cowboys steht. Lernt es sogar zu schätzen. Gleichzeitig ist die Versuchung groß, Smush (Jharrel Jerome) zu folgen, der immer wieder in kriminelle Machenschaften verwickelt ist …

Sehnsucht nach vergangenen Cowboy-Zeiten

Wenn in der Gegenwart spielende Filme von Cowboys erzählen, dann ist das oft mit einer gewissen Wehmut und Nostalgie verbunden. Der Sehnsucht nach einer gerne etwas idealisierten Vorstellung eines früheren, freien Lebens, wie es das heute nicht mehr gibt. So auch bei dem Netflix-Drama Concrete Cowboy. Hier sogar noch ein bisschen mehr, da wir uns nicht irgendwo in der weit entfernten Prärie bewegen, wo die Uhren vor Jahrzehnten stehengeblieben sind. Stattdessen kündigt der Titel bereits an, dass diese Pferde in unmittelbarer Nähe zum schnöden Großstadtbeton sind. Das sorgt für einen Kontrast, der nicht nur Cole zu Beginn seines Sommerabenteuers irritiert. Dem Publikum daheim vor den Bildschirmen dürfte es da ähnlich gehen.

Ein solcher starker Kontrast birgt natürlich ein beträchtliches Culture-Clash-Potenzial, welches meistens komödiantisch genutzt wird. Doch auch wenn Regisseur und Co-Autor Ricky Staub bei seinem Film dieses Aufeinanderprallen zweier Welten durchaus auskostet, es steht nicht so sehr im Mittelpunkt, wie man vielleicht denken könnte. Stattdessen beackert er mit Concrete Cowboy mehrere inhaltliche Themengebiete. Das wichtigste ist das der Annäherung von Vater und Sohn. Die Beziehung zwischen beiden ist zunächst keine, wie früh klar wird, auch wenn bei der Vorgeschichte gespart wird. Aber das wird sich ändern, was gleichermaßen klar ist. Solche Filme laufen schließlich immer nach demselben Prinzip ab. Der Junge und die Wildgänse erzählte vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls die Geschichte einer Vater-Sohn-Annäherung über einen tierischen Umweg.

Bedrohung von allen Seiten

Der Wohlfühlfaktor fällt bei Concrete Cowboy jedoch deutlich geringer aus. Während der französische Kollege Hoffnung auf eine bessere Welt machte, da ist hier das Glück doch sehr brüchig. Schließlich treten die Männer und Frauen gegen eine ganze Welt an. Sie treten zudem gegen die Vergangenheit an: Sämtliche Protagonisten und Protagonistinnen sind Schwarze. Und die haben in der weißen Cowboy-Geschichtsschreibung nichts zu suchen. Wenn Harp und die anderen sich an dem Leben von früher orientieren, dann geht das gleichzeitig mit einer Neubewertung einher. Auf den Pferden zu sitzen und an ein Leben in der Natur zu erinnern, ist kein rein reaktionärer Akt. Da spielt auch viel Selbstbehauptung mit rein, der Wunsch jemand zu sein und wahrgenommen zu werden. Das Persönliche und das Politisch-Gesellschaftliche gehen hier also Hand in Hand.

Wobei die Adaption des Romans Ghetto Cowboy von Greg Neri weder bei dem einen, noch dem anderen Bereich wirklich in die Tiefe geht. Es bleibt dann doch eher bei Schlagworten und ein paar oberflächlichen Betrachtungen. Zudem wird nie so richtig klar, wie diese Cowboy-Subkultur wirtschaftlich funktioniert. Das Halten gleich mehrerer Pferde ist schließlich nicht ganz kostengünstig. Vor allem nicht, wenn im Mittelpunkt Menschen stehen, die nicht wirklich etwas haben. Das verstärkt dann den Eindruck, es hier mit einer kleinen Enklave zu tun zu haben, die nicht nach den Regeln der sie umgebenden Welt funktioniert. Das wiederum steht aber im Widerspruch zu der betont naturalistischen Inszenierung der Abläufe, wenn gute, ehrliche Arbeit zelebriert wird.

Gemeinsam für eine heile Welt

So ganz konnte oder wollte man sich bei Concrete Cowboy daher nicht entscheiden, was denn nun eigentlich das Thema sein sollte. Schade ist zudem, dass das Drama, welches beim Toronto International Film Festival 2020 Premiere feierte, sich manchmal genötigt fühlt, Szenen mittels Dialogen auszuformulieren, wo es die Bilder auch getan hätten. Die sind dafür ganz schön. Und auch die schauspielerischen Leistungen überzeugen erwartungsgemäß. In der Summe kommt deshalb genug zusammen, um sich den Film anzuschauen: Das Szenario ist kurios und zugleich universell. Es gelingt Staub und seinem Team zudem, die Sehnsucht nach einer solchen heilen, echten Welt zu wecken, selbst wenn er nicht allein auf diese vertrauen mag und deshalb unnötige Schlenker macht. Gerade in Zeiten völliger Entfremdung tut es irgendwie gut, ein solches Beispiel von Gemeinschaftlichkeit zu sehen, welche einem gemeinsamen Traum entspringt. Selbst wenn der einem sehr fern scheint.

Credits

OT: „Concrete Cowboy“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Ricky Staub
Drehbuch: Ricky Staub, Dan Walser
Vorlage: Greg Neri
Musik: Kevin Matley
Kamera: Minka Farthing-Kohl
Besetzung: Idris Elba, Caleb McLaughlin, Jharrel Jerome, Byron Bowers, Lorraine Toussaint, Method Man

Bilder

Trailer

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Concrete Cowboy
In „Concrete Cowboy“ nähern sich ein Vater und ein entfremdeter Sohn wieder an, dank eines Cowboy-Lebens bei einer Großstadt. Das klingt kurios, ist letztendlich aber ein recht vorhersehbares Drama, das an vielen Stellen das Risiko scheut. Sehenswert ist der Film dennoch, da er schön bebildert ist und glaubwürdig die Sehnsucht nach einem einfachen Leben und Gemeinschaft aufzeigt.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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