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„Laufen. Reiten. Rodeo.“ // Deutschland-Start: 8. März 2019 (Netflix)

Für Amberley Snyder (Spencer Locke) gibt es nichts Größeres, als auf einem Pferd zu sitzen. Ihr Traum: als Rodeo-Reiterin Karriere machen. Doch dieser Traum nimmt ein jähes Ende, als sie eines Tages einen schweren Autounfall hat und sie anschließend von der Hüfte ab gelähmt ist. Damit verliert Amberley nicht nur ihren Lebensinhalt, sondern auch ihre Freude am Leben. Daran können selbst ihre Eltern (Bailey Chase, Missi Pyle) nichts ändern, die sie zu jeder Zeit tatkräftig unterstützen. Bis sie ein neues Ziel findet: wieder mit dem Reiten anfangen. Und tatsächlich, dank der Hilfe ihrer Familie, von Physiotherapeuten und eines speziellen Sattels schafft sie es anderthalb Jahre später wieder ihren großen Traum aufzunehmen.

Schwierigkeiten im Leben, die haben wir alle mal. Manche sind schnell überwunden, andere brauchen mehr Zeit. Dann und wann bekommen wir auch richtig harte Brocken zu schlucken, können es zumindest. Zu harte vielleicht. Todesfälle, berufliche oder finanzielle Probleme, vielleicht auch eine schwere Krankheit – es gibt viele Anlässe, am Leben zu verzweifeln. Das Gefühl zu haben, dass man das alles nicht packt. Dass es das vielleicht auch gar nicht wert ist. Wie schön ist es da doch, wenn uns Menschen zur Seite stehen oder wir Filme und Serien sehen dürfen, in denen es Leute aus ihrer Lebenskrise herausschaffen. Leute, denen es teilweise noch deutlich beschissener geht.

Über die schwierige Zeit danach
Auf Netflix gingen diese Woche gleich zwei solcher Aufmunterer online. After Life zeigt uns einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau die Welt an seinem Leid teilhaben lassen will und erst mit der Zeit lernt, dass sein Leben auch jetzt noch einen Sinn haben kann. Laufen. Reiten. Rodeo. wiederum demonstriert uns anhand einer jungen Frau, dass selbst einschneidende Erlebnisse nicht das Ende von allem bedeuten müssen. Das ist natürlich schön, macht dem Publikum Mut, sich von nichts und niemandem unterkriegen zu lassen. Denn wenn es eine 19-Jährige im Rollstuhl schafft, wieder Rodeo zu reiten, dann ist ja wohl alles möglich. Richtig?

Sympathisch ist so etwas im Grundsatz schon. In Zeiten, in denen sich alle auf Katastrophen stürzen, tut es zwischendurch ganz gut, kleine, schöne Geschichten zu hören. Das allein macht aus Laufen. Reiten. Rodeo. aber noch keinen guten Film. Noch bevor wir Amberley kennenlernen, bekommen wir einen Vorgeschmack, was uns in den knapp 100 Minuten erwartet. Nicht nur, dass uns der Vorspann pflichtgemäß darauf aufmerksam macht, dass das hier ja alles auf einer wahren Geschichte beruht. Nein, man fühlte sich zudem verpflichtet, das Ganze zu werten: Die Geschichte ist eben nicht allein wahr, sie ist zudem unglaublich. So verrät uns die Texteinblendung. Das ist manipulativ und wenig subtil, so wie der gesamte Film manipulativ und wenig subtil ist.

Kein Platz für Fragen
Was das Publikum fühlen soll, das wird ihm kontinuierlich gesagt. Mal sind es die Dialoge, die jedes bisschen potenzielle Unklarheit mit dem Hammer bearbeiten. Und um ganz auf Nummer sicher zu gehen, gibt es zwischendurch schwülstige Musik, welche die ganz großen Gefühle noch einmal in Noten packt. Auch sonst ist Laufen. Reiten. Rodeo. kein Kostverächter, wenn es um Kitsch geht. Vor allem bei der Romanze mit einem weiteren Rodeoreiter wird gerne ein bisschen mehr aufgetragen, vielleicht auch um zu kaschieren, dass diese Nebengeschichte sehr stiefmütterlich behandelt wird. Sie ist einfach irgendwann da, entwickelt sich, ohne dass das Publikum dabei teilhaben darf.

Leider gilt das für das Drama insgesamt, das mit großen Schlagzeilen wie beim Vorspann Aufmerksamkeit einfordert, sich jedoch um die Ausarbeitung nicht sonderlich kümmert. Beispielsweise wird nie klar, wer Amberley als Mensch eigentlich ist, sie wird von Anfang an aufs Reiten reduziert. Und auch ihr Umfeld besteht nicht aus echten Charakteren, sondern lediglich Funktionen. Alles, das persönlich ist, individuell, menschlich, es wurde aus dem Film gestrichen. Wie eine solche Geschichte deutlich besser erzählt werden kann, das bewies kürzlich das deutlich zurückhaltendere, dafür aber tiefgründigere The Rider, wo ebenfalls ein junger Mann nach einem Unfall zurück zum Rodeo will. Während der Film sowohl über Figuren wie auch Gesellschaft etwas zu sagen hat, da beschränkt sich Laufen. Reiten. Rodeo. auf platte Durchhalteparolen und hält sich ansonsten sklavisch an die Klischees solcher Filme. Die mag man inspirierend finden, die echte Amberley Snyder fand in späteren Jahren ihre Berufung als Motivationstrainerin. Oder auch schrecklich langweilig bis zynisch. Die Geschichte selbst darf man durchaus als unglaublich bezeichnen, der Film dazu ist es nicht.

Laufen. Reiten. Rodeo.
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Laufen. Reiten. Rodeo.
Eine junge Rodeo-Reiterin ist nach einem Unfall querschnittsgelähmt, schafft es später aber zurück aufs Pferd – das ist als Geschichte unglaublich und inspirierend. Der darauf basierende Film „Laufen. Reiten. Rodeo.“ ist das sicher nicht. Anstatt irgendwann einmal in die Tiefe zu gehen, gibt es hier nur plakative und manipulative Schlagzeilen, an Stelle leiser Zwischentöne ertönt Haudraufmusik.
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